Bemerkenswert

Endlich ist das Ding gepackt! Nach 35 Jahren nochmal ein Solo mit Rucksack…

Vorwort

Und am 17. August 2016, ging´s dann los. Zufuß (na ja, nicht ganz) nach Kreta, wie ich mir schon lange vorgenommen hatte. Nachts um 2.30 Uhr geht die Haustür in Aachen hinter mir zu, 8 Min. zum Bahnhof „mit leichtem Gepäck“, dann zum Flughafen und 7.50 Uhr mit Eurowings ab Düsseldorf nach Heraklion. OneWay gebucht – kein richtiges Programm.
Auf meinem zittrigen TrekStor-Volks-Tablet aus dem Sonderangebot wollte ich eigentlich schon während meines Aufenthalts auf Kreta meinen Reisebericht schreiben, aber das Teil raubte mir total den Nerv, und das tägliche, stundenlange Gucken auf irgendeinen Bildschirm, sei es Notebook, Smartphone, TV oder sonst was, war eigentlich mit ein Grund für meine lang ersehnte „Auszeit“. Am liebsten habe ich einfach nur rumgeguckt und  das Realitäts-Kino in vollen Zügen genossen.
So habe ich den größten Teil der Erzählung erst nach meiner Rückkehr geschrieben, nur aus der Erinnerung heraus. Notizen hatte ich mir nicht gemacht und auch nicht allzu viele Fotos. Das Schreiben wurde dann ein 1 1/2-Jahresprojekt, mit langen Flauten, da es immer schwerer wurde, sich hinzusetzen und in die Vergangenheit abzutauchen. War ich dann einmal drin, dann lief der Film quasi in Echtzeit ab, und ich musste aufpassen, mich nicht zu sehr im Detail zu verlieren.
Der gesamte Aufenthalt war bis ca. Ende Oktober 2016, also ca. 10 Wochen. Meine Schilderungen umfassen aber nur den anfänglichen,  „beweglichen“ Teil der Reise über einen Zeitraum von nur 14 Tagen.
Vielleicht gibt es ja ein paar Interessierte, die Ähnliches vorhaben und neugierig sind, wie ein End-Fuffziger nochmal versucht, Trecking zu machen und ein wenig „Freiheit“ zu schnuppern.
Meinen „High Peak“- Rucksack „Zenit 55+10“ (ca. 70 € ) hatte ich mit seinen unzähligen Schnallen und Fächern im Vorfeld schonmal versucht zu bändigen, in der Hoffnung dass ich damit klarkommen würde. Den Treck-Test durch die Wohnung hatte er jedenfalls schonmal bestanden. Zusätzlich noch ein  Daypack von „Lowe Alpine“  gepackt, was mit in den Flieger kam.
Und noch ein Hinweis: Wer an kretisch-griechischer Mythologie und Kunst-Kulturhistorik interessiert ist, sollte sich besser die einschlägige Literaur zu dem Thema besorgen, denn da wird er hier nicht fündig.

K800_DSC01126Meine treuen Begleiter

Ankunft in Heraklion Teil 1

Am Mittwoch 17.08. geht 2.40 Uhr die Tür hinter mir zu. 8 Minuten Fußweg zum Bahnhof. Sozusagen die Feuertaufe für mein „HighPeak-Zenit“ Ein-(Aus)steiger-Modell, und „Lowe Alpine“ Daypack. Alles sitzt.

Mit dem Regio-Express nach Düsseldorf-Flughafen. Gebe aus dem Zug mit der Taschenlampe noch Zeichen an meine Lieben, die mir ebenfalls tapfer Leuchtzeichen geben von unserem Balkon, an dem der Zug vorbeifährt. Gutes Gefühl.

Fahre nachts durch nie gekannte Bahnhöfe in Richtung Niederrhein, komme über Mönchengladbach und lasse noch einen stillen Gruß an meine Borussia los. Am Flughafen Düsseldorf bin ich erstaunt, dass alles ziemlich übersichtlich ist. Hatten ihn vor Jahren mal in einer Umbauphase erlebt, nur unverständliches Geplärre aus Lautsprechern und ziemliches Chaos. Jetzt schön ruhig, abgetrennter Bereich für Eurowings, Gepäck kann ich schon aufgeben und sehe, dass unsere alte Personenwaage doch nicht so verkehrt geht: Rucksack knappe 11 kg, bis 23kg darf ich haben, pure Verschwendung und denke, dass ich einem Mitreisenden ja jetzt eigentlich 12 kg schenken dürfen müßte…..
Also zusammen mit meinem Daypack, was als Handgepäck mit in die Kabine kommt, ca. 5,5 kg (wovon der gute „Fohrer“- Reiseführer vom Michael Müller Verlag einen erheblichen Teil ausmacht), komme ich auf rund 17 kg, die ich mit mir rumschleppe. Wird sich noch zeigen, ob es auf längeren Wegen schwer wird. Kann ich nicht beurteilen, war nicht beim Bund, bzw. eigentlich doch, hab‘ da aber Zivildienst gemacht. Habe noch viel Zeit am Flughafen, trinke Kaffee, langweile mich bis zum Boarding und mein 67 € Flieger inkl. Plastik-Snack u. Platzreservierung auf meiner Glückszahl Nr. 7 am Mittelgang, wegen Bewegungsfreiheit, bringt mich sicher nach Heraklion.
Hier die übliche Warterei am Gepäckband – der eigene Koffer ist gefühlt immer der letzte – aber er kommt. Sehe, dass die zugehörige Regenhülle mit Tragegriff, in die ich den Rucksack in Düsseldorf für den Transport noch eingepackt hatte, einen 10 cm Riss hat. Ist wohl irgendwo hängen geblieben. Gibt Schlimmeres, aber hoffentlich kein schlechtes Omen.
In Heraklion empfängt mich die gewohnte Hitzewand am Ausgang, setze mich draußen erstmal auf eine Bank, rauche die längst überfällige Zigarette, nein zwei, verstaue die Regenhülle im dafür vorgesehenen Fach im Rucksack und frage die uniformierte Griechin neben mir, die ebenfalls ein Zigarettenpäuschen macht, mutig in meinem Anfängergriechisch nach dem Bus Richtung Heraklion-Stadt. Sie gibt mir wohltuend freundlich in Hochgeschwindigkeits-Griechisch Auskunft und ich verstehe so gerade: Alle Busse fahren nach Heraklion Stadt. Ich bin endlich auf Kreta und mache mich erst mal backgepackt auf den Weg zu meinem geliebten Periptero ( Kiosk), wo die Preise für Getränke etc. entgegen sonstiger Flughafengepflogenheiten noch immer niedrig sind, und man im Prinzip doch alle, eigentlich lebenswichtigen, Dinge bekommt.
Es folgt die obligatorische Frage nach der filterlosen Zigarette „Santé“, (man achte auf den Namen!), die es wie erwartet nicht mehr gibt, wie auch sonst kaum noch filterlose Zigaretten. Rauchkultur adé, auch in Griechenland. Ich kaufe: 1 Packung Karélia-Filter, 1 Dose Bier (Mythos) ehrenhalber zur Begrüßung und 1 Cola für später. Wasser hab ich noch. Das kalte Bier gezischt (Jammas Kriti!) und auf zur Busstation gegenüber.
Ein Bus fährt mir gerade vor der Nase weg, aber der nächste rückt schon nach. Ich steige sofort vorne ein und will beim Fahrer ein Ticket lösen. Kretische Busfahrer hätten aufgrund ihrer etwas düsteren äußeren Erscheinung, nicht zuletzt wegen der obligatorischen Sonnenbrille, durchaus gute Chancen beim Casting für Mafia-Filme. Der Pate gibt mir also mit unmissverständlicher Kopfbewegung, genervt von den dämlichen Touristen, zu verstehen, dass ich das Ticket draußen löse müsse. An dem Schalter frage ich den Mann nach dem Ticket, der in gleicher Manier wie der Busfahrer auf den Automaten nebenan verweist. Ich löse einfach irgendwas, 1,40 € wird schon reichen. Habe keine Lust mich mit dem bunten Tarifsystem und Liniengewirr auseinanderzusetzen, was bestimmt von der DB übernommen wurde, angepriesen als das Beste vom Besten.

Ich hatte zwischendurch entschieden, erst mal ans Meer mehr zu fahren, möglichst auf kurzem Wege, da ich nach jetzt 2 Jahren doch unter einem erheblichen Meer-Schwimm-Entzug litt. Hierzu schien mir eine Bucht Nähe Agia Pelagia namens Ligaria geeignet. Bei meiner Wegeplanung war ich (nicht ganz unbewußt) etwas nachlässig gewesen, da ich der Auffassung war, dass alle Busse in Heraklion von der großen Busstation Chanioporta in alle Richtungen fahren würden. Deshalb fuhr ich nun dorthin. Mitten durch das geschäftige Heraklion über den schönen Kornarou-Platz und die Hauptverkehrsadern.

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Inselhauptstadt mehr zu bieten hat, als es auf den ersten Blick erscheint und ein sehr spannender Ort ist. Wohlgemerkt außer des archäologischen Museums und sonstiger touristischer Sehenswürdigkeiten. Meistens hört man von Urlaubern nur: Hässliche Stadt u.ä.. Aber es gibt sehr schöne Ecken hier, viele versteckte, romantische Tavernen in uralten Gebäuden, gemütliche Kafenions, eine schöne Altstadt und ein weitgehend unverfälschtes, städtisches Leben, was es zu entdecken gilt. Würde auch gerne mal 2-3 Nächte hier verbringen, aber jetzt möchte ich erstmal raus aus dem Gewühl.

Endstation Chanióporta. Mit Sack und Pack in die Busstation mit dem üblichen, angeschlossenen Kafeníon, ran an den Schalter. Habe mir fest vorgenommen, mein Volkshochschul-Griechisch endlich zu praktizieren und zu verbessern und frage nach dem Bus nach Agía Pelagía, scheißegal ob die direkt mit Englisch loslegen, weil sie denken, dass da schon wieder so ein bescheuerter Tourist meint, er müsse sein Rudimentär-Griechisch anbringen. Verstehe das aber vollkommen, weil es an diesen Stellen immer schnell gehen muss, es warten schließlich noch andere Leute in der Schlange, und die Schalterbeamten sind nunmal nicht dazu da, Sprachkurse zu veranstalten. Erst kriege ich auf Griechisch die Antwort, dass von hier kein Bus nach Agía Pelaga ginge, sondern nur von der Busstation B am Hafen (Limenos). Leicht geschockt geht’s jetzt auf Englisch weiter und ich beschließe kurzerhand, doch direkt in die Berge ins berühmt, berüchtigte Anógia zu fahren und später an die Nordküste, wo ich noch nie war. Ticket gelöst, 4,10 €, Abfahrt um 14.30 Uhr. Ich setze mich auf die Warteterrasse des Kafenions und habe noch viel Zeit bis der Bus kommt. Diese griechischen Multifunktions-Busstationen haben mich schon immer fasziniert.
Mir kommt der Gedanke, dass eine Fotoreihe nur mit kretischen Busstations-Kafeníons nicht schlecht wäre. Lasse aber das Fotografieren und behalte es lieber im Kopf.

Ankunft in Heraklion Teil 2

Ich warte also (oberflächen)-entspannt auf den Bus. Bisher ist doch alles bestens gelaufen, bis auf den kleinen Faux-Pas mit der Busstation. Der größere folgt allerdings sogleich. Habe die Zeitverschiebung von 1 Stunde total vergessen und richte mich schon die ganze Zeit nach meiner Tchibo-Funkarmbanduhr, die zwar die Sommerzeit automatisch berücksichtigt, aber natürlich nicht die OEZ (osteuropäische Zeit). Schaue auf die Uhr-bald 14.30 – der Bus, der da steht, müßte eigentlich der nach Anógia sein. Keine Lautsprecherdurchsage-also frage ich die Frau am Nebentisch, ob dieser Bus nach Anogia ginge: „Óchi, Míres!“(Nein, Mires) Genau in diesem Moment fällt mir die Zeitverschiebung ein. Scheiße!!!

Ich merke, dass die Frau den dämlichsten aller möglichen Gesichtsausdrücke in mir erkennt, nämlich den bei der „Ejaculatio Präcox“ (von Tom Robbins, nicht von mir).

Bei den durchaus lauten, aber unverständlichen Durchsagen hatte ich von Anógia nichts mitbekommen, weiß auch nicht, ob es überhaupt angekündigt wurde. Keine Frage, selber schuld.
Ich gehe zum Schalter, erfahre ordnungsgemäß, dass der Bus längst weg ist und schalte wieder um auf Agia Pelagia, 17.30 ab Busstation-Hafen. Frage irgendeinen Deputy, wie weit es zufuß zum Hafen ist: Halbe Stunde.

Jetzt heißt es positiv denken. Wozu bin ich denn mim Rucksack unterwegs. Wenn ich, wie früher schon einige Male, nur mit Reisetasche unterwegs wäre, würde ich mir jetzt das Kreuz schief laufen und bräuchte alleine deswegen schon eine Woche Rekonvaleszens am Meer. Die erste Bewährungsprobe für meinen Zenit, den ich für diesen Gewalt-Marsch auch ordnungsgemäß aufsetze und mit Bauch-u. Brustschnalle ordentlich festzurre. Daypack über die linke Schulter. Geht doch!

Ich kombiniere scharf, dass die Busstation Hafen am Meer liegt und gehe der Nase nach in diese Richtung, vorbei an der alten Festungsmauer durch 2 Gassen hindurch zum Wasser. Mein Orientierungssinn ist nicht der schlechteste, und ich erinnere mich an frühere Ankünfte Heraklion. Auf halber Strecke an der Kaimauer entlang merke ich, dass mir die Beine doch schwer werden und sich Müdigkeit bemerkbar macht. Das erste Mal melden sich die Dämonen mit der Frage, ob ich nicht vielleicht einfach doch nur total bescheuert bin. Sie verschwinden glücklicherweise schnell wieder.

An der großen Busstation frage ich die mehr oder weniger freundliche Schalterfrau, ob ich mit dem ursprünglich gelösten Ticket nach Anogia auch nach Agia Pelagia fahren könnte.
Es folgt ein kleiner Verwaltungsakt in Form eines Handzeichens auf meinem Ticket. Óla Kalá!
Besorge mir an der Bude ein Spanakópita und einen Nescafé schwarz mit Zucker, der mir nirgendwo so gut schmeckt wie in Griechenland. Setze mich auf die Holzbänke vor der Station und nehme mir fest vor, diesen Bus nicht zu verpassen. Es geht auf 17.30 zu, rechne immer eine Stunde drauf beim Blick auf die Uhr, denn zum Umstellen dieses Hightec-Geräts brauche ich absolute Ruhe und Konzentration. Krieg ich jetzt nicht geregelt. Ich bewege mich langsam zum Abfahrtsbereich der Busse hinter der Station auf Bus 51 zu. Es stehen 5 Busse mit laufendem Motor da, wahrscheinlich, um die Klimaanlagen am Laufen zu halten, und die abgasschwangere, heiße Luft sorgt dafür, dass die vielen wartenden Fahrgäste schön ruhig bleiben und keinen Ärger machen, da sie kurz davor sind, zu kollabieren. Gehört einfach dazu.
Am Bus Nr. 51 nach AP hat sich bereits eine kleinere Menschentraube gebildet und ich stelle mich möglichst nah am Einstieg hin, um bloß nicht die Arschkarte zu ziehen. Innerhalb von 5 Minuten wächst die Zahl der Wartenden auf bestimmt 50 an, was die Ktel-Offiziellen dazu veranlasst, einen Extra-Bus einzusetzen, der direkt nach Réthimnon fährt. Also wird dies von einer Art Managerin mehrmals lauthals auf Griechisch u. Englisch verkündet, und ich merke, dass so gut wie keiner versteht, was geht. Wegen Prä-Kollaps‘.

Der Eincheck am Bus beginnt. Die blonde Offizielle fragt jeden potentiellen Fahrgast vor dem Einstieg nach seinem Ziel, und ich höre irgendwelche komischen Hotelnamen. Ich bin dran: „You Athina Palace“? Ich der Esel: Äh, nee, eh, ochi. Sie: „Which Hotel??“ Ich: „I have no hotel, psáchno domatio (suche Zimmer) Sie: „What?? Where you want to go?“ Ich: „Sto Ligaría“, Sie: „What?“ Die Dame ist mit meinem exotischen Sonderwunsch offensichtlich mächtig überfordert. Es gibt anscheinend auch nicht mehr soviel Reisende, die nicht genau wissen, was sie wollen, bzw. nicht komplett durchorganisiert sind.
Ein Offizieller, der hinter ihr steht und sich später als der Busfahrer entpuppt, fängt zu meiner Freude an, schelmisch zu griemeln. Er übernimmt zur Entlastung der Frau und gibt mir auf Griechsch zu Verstehen, dass er mich oberhalb von Ligaría rauslassen würde, ich müßte dann halt noch ca. 10 – 15 Minuten zufuß gehen. Ich: „Perfekt!“ Er: „Put your bagás!“
Mein erster Freund und Held auf Kreta!

Die Gepäckklappe außen ist offen, ich verstaue den Zenit und steige ohne weitere Fragen ein. Der Bus wird rappelvoll und ich erinnere mich an die alten Klapperkisten, die es früher gab, mit einem Klima ähnlich wie beim alten T2 oder Käfer mit Luftwärmetauscher, wenn der Auspuff kaputt war.
Dieser hier ist schon ziemlich komfortabel und klimatisiert. Setze mich auf einen Zweiersitz ans Fenster. Ein junges Paar kommt und der Mann vor mir gibt den beiden zu Verstehen, dass er sich gerne neben mich setzen könne, damit die beiden zusammen sitzen könnten. Iss ja nett. Nachdem der Bus gestartet ist, startet der Mensch aus Lille in Frankreich sofort eine massive Kommunikationsoffensive. Ich höre, dass er Franzose ist, und sage ihm fatalerweise auch noch, dass er ruhig Französisch sprechen könne (denn wenn Franzosen Englisch sprechen, krieg ich Ohrenschmerzen). Das freut ihn um so mehr und ich erfahre u.a., dass er mit seiner Frau und Kind, die schräg gegenüber sitzen, 1 Woche pauschal im Athina Palace gebucht hat. Grundsätzlich bin ich ja eher ein kommunikativer Mensch, aber der arme Kerl hat einen wirklich harten und kaum auszuhaltenden Mundgeruch. Ich sage ihm freundlich, dass ich höllisch aufpassen müsse, wo ich auszusteigen hätte u. aus diesem Grund aus dem Fenster schauen müsse. Er labert mich weiter ununterbrochen zu.
Zwischendurch bemüht er sich wiederholt um die Bestätigung seiner Frau, die, augenscheinlich von ihrem eigenen Mann genervt, nur die Augen verdreht. Und ich denke : Wie kann man nur so wenig merken.
Nach ca. 15-20 Minuten höre ich aus dem vorne tiefergelegten Führerhaus, in dem man von hinten keinen Fahrer erkennen kann, laut den Ruf: Ligaría. Erleichtert rufe ich laut zurück: Améssos! (Sofort!). Ich verabschiede mich kurz von dem Franzmann und steige als Einziger aus. Mein Freund der Fahrer macht die Außenklappe auf und gibt mir mein Bagás.
Efcharistó pára poli! (Vielen Dank!)

Ligaría

Die hoffentlich letzte Etappe nach meiner Ankunft in Heraklion. Die Serpentine runter nach Ligaría. Der Ort sieht aus der Ferne schonmal nicht schlecht aus, so wie er von Felsen eingerahmt in der Bucht liegt. Und das Meer ist so blau wie es bitte auch sein soll. Den Rucksack wieder ordentlich aufgesetzt und Abmarsch zur Zimmersuche. Komme an einer kleineren Apartmentanlage vorbei, die mir irgendwie zu schick aussieht und nach ca. 20 Minuten sehe ich links am Ortseingang „Apartments Maria“, mit überdachter, schön grün bewachsener Terrasse, etwas höher gelegen und daher von der Straße aus schwer einsehbar. Könnte schon was sein. Ich gehe erstmal weiter, da ich grundsätzlich, wenn ich irgendwo ankomme, nie das Erstbeste nehme und immer das starke Bedürfnis habe, zunächst mal die Gesamtlage zu checken, bzgl. Angebot, Preis und v.a. Lage im Ort.
Kehre aber dennoch um, um bei Maria mal anzufragen, ob sie überhaupt ein Zimmer frei hat. Komme an dem zweiflügligen Tor an und zwei kläffende Hunde laufen mir sofort entgegen. Vor lauter Müdigkeit völlig angstfrei, gehe ich einfach rein und halte den beiden Nervensägen meinen rechten Handrücken hin, in dem Selbstverständnis, dass die viel gerühmte kretische Gastfreundschaft auch für Hunde gilt. Klappt auch, und die beiden ziehen sich zurück. In diesem Moment kommt auch Maria auf mich zu, Kreterin mittleren Alters, und fragt mich, was ich wünsche. Jetzt versuche ich ihr auf Griechisch meine Geschichte vom armen Wandergesellen zu erzählen, der ganz Kreta auf Schusters Rappen bereist und eine günstige Bleibe braucht, für 2-3 Nächte. Sie zeigt mir ein Zimmer, was tatsächlich heute frei geworden ist, sie muss nur noch sauber machen und Betten beziehen. Es ist sogar ein 2-Zimmer-Apartment, Schlafzimmer mit 2 Einzelbetten, geräumige Küche, Duschbad, kleiner Balkon nach vorne zum großen Garten hin, in dem eine Horde Kinder mit den Hunden spielt. Alles nicht schlecht und alles was man braucht, so wie ich es von Kreta kenne, aber wo ist der Meerblick?

Die obligatorische Preisfrage folgt: 30 € die Nacht, mir ist klar, je kürzer die Mietzeit, desto schwieriger die Verhandlungen. Aber ohne Verhandeln hab ich auf Kreta noch nie ein Zimmer gemietet, das muss einfach sein. Wir einigen uns auf 80 € für 3 Nächte. Immerhin ein kleiner Erfolg.
30 € war o.k., aber Handeln muss sein, sonst fühlt sich der Kreter möglicherweise noch beleidigt.
Dennoch bin ich unschlüssig und glücklicherweise kommt von ihr das Angebot, dass ich mich ja weiter umschauen könne, und wenn ich nichts besseres finden würde, zurückkommen könne. Ich nehme das Angebot an, in der Gewissheit, dass ich schon mein Zimmer mit Meerblick finden werde. Nebenbei bemerkt war die Konversation mit der guten Frau äußerst holprig, da mir wegen meiner Müdigkeit kaum noch ein griechisches Wort einfiel und ihr Englisch auch nicht vom besten war.
Schon auf meinem weiteren Weg, die Straße runter, 150 m zum Strand, kommen mir wieder Zweifel an meiner Zurechnungsfähigkeit, warum nehme ich nicht einfach dieses Zimmer für die beschissenen 3 Nächte und gut iss? Nehme aber gleichzeitig mit Freude zur Kenntnis, dass ich mich nur mit mir selber streiten muss, denn mit einer Partnerin oder sonstigen Begleitung wäre der erste Urlaubsstreit schon im Gange, und dieser kann unter dem Einfluss von Ermüdung schon ganz schön heftig ausfallen. Und das nicht erst jetzt, sondern wahrscheinlich schon in Heraklion bei der ersten Busstation. Also weiter mit mir selbst und die letzten Kräfte gesammelt nach gefühlten 100 Stunden ohne Schlaf und 100 Grad Celsius in den Socken.
Ich stecke erst einmal die geografischen Eckpunkte von Ligaría ab, laufe die Strandpromenade einmal ganz bis zum Ende, kriege schonmal ein Gefühl für die Größe des Orts, Anzahl und Art der Tavernen, sehe, dass es genau einen Mini-Market gibt, der Strand nicht schlecht ist, mit Sonnenschirmen und Liegen ausgestattet, was ich gewöhnlich eher als Negativmerkmal sehe, mir aber für die nächsten 2 Tage ganz gelegen kommt.
Ich stelle aber auch fest, dass Ligaría mitnichten ein Ort für Rucksacktouristen ist. Im Ort, der eine Ansammlung relativ unschöner und planlos hingebauter, stilloser Häuser in Hanglage ist, sehe ich gerade mal eine Pension (Ligaría Studios). Einige Sträßchen rauf und wieder runter spreche ich das ältere Paar auf der Veranda an und kriege nur die erschreckende Auskunft: „We are full!“
(Ich war mir sicher, dass es zu dieser Tageszeit bei diesen Leuten nicht am Raki lag).
Ich solle es doch in Agia Pelagía versuchen. In Ligaría gäbe es nicht so viele Zimmer. Nach AP wären es nur ca. 30 Minuten zufuss.
Ich habe das komische Gefühl, dass der Alte schlicht keine Lust hat, für 3 Nächte an einen Backpacker zu vermieten. Und einen Tipp, z.B. Maria Apartments, gibt er mir auch nicht, wahrscheinlich aus Konkurrenzdenken, wie sich später auch noch rausstellen wird.
Ich bedanke mich trotzdem freundlich und mache mich wieder auf den Weg zum westlichen Dorfende, wo ein steiler Weg über die Felsen nach Agía Pelagía hinaufführt. Nach ca. 150 m merke ich, dass ich wahrscheinlich nur noch auf allen Vieren in AP ankommen werde, wenn überhaupt, und fasse den längst überfälligen Entschluss, zu Maria zurückzukehren und das angebotene Zimmer zu mieten.

Als reuiger Hund werde ich von meinen Artgenossen diesmal schon etwas weniger heftig empfangen. Maria steht zu Ihrem Angebot und macht in einem Schnelldurchgang das Zimmer bezugsfertig, während ich auf dem Balkon sitzend warte. Eine unterwegs gekaufte, warme Dose Bier (Alfa) habe ich vorher schonmal schnell ins Kühlfach gelegt. Maria gibt mir zur Begrüßung eine viertel Karpúsi (Wassermelone), die von den Vormietern übrig geblieben ist. Frisch, süß, saftig, lecker: Wieder ein Beweis, dass ich auf Kreta angekomen bin.
Ich bezahle sofort, damit das schonmal erledigt ist, und nehme die ersehnte Dusche im typisch kretischen Duschbad, wo man das Gefühl hat, dass WC, Waschbecken und Dusche eine untrennbare Einheit bilden, und ein deutscher Sanitärfachmann nach Betrachtung der technischen Ausführung, den Rest des Urlaubs nur noch kopfschüttelnd durch die Gegend laufen würde.
Ich kenne es von hier nicht anders und es muss so sein. Frisch geduscht fühle ich mich schon wieder besser, zieh mir was Frisches an, checke kurz das Wichtigste und gehe noch zum Essen an die Strandpromenade. Entsprechende Taverne „Anatoli“ hatte ich mir schon auf meiner Entdeckungstour ausgeguckt. Ich bevorzuge grundsätzlich die schlicht und einfach eingerichteten Tavernen, bei denen meist die weiß-blauen, typischen Holzstühle dominieren, und die weitgehend traditionell erscheinen. Mit „in die Töpfe gucken“ ist hier zwar nicht, dafür frage ich nach frisch Gekochtem von heute (Magirevtá) und bekomme ein ausgezeichnetes „Tsigariastó“ (Lammfleischgericht) mit patátes tiganités, den leckeren Fritten auf griechische Art, die ich als Halbbelgier und un- vereidigter Fritten-Sachverständiger, trotz aller Verstöße gegen die technischen Regeln des Frittenmachens, einfach nur lecker finde. Liegt aber auch an den verdammt leckeren Kartoffeln hier. Halber Liter Weisswein dazu, wie immer Brot, Nachtisch, Karäfchen Rakí …..rundum satt für wenig Geld. Nette Bedienung und Wlan-Zugang inbegriffen. Anatoli ist jetzt für die nächsten Tage meine Stammkneipe in Lagaría.

Ankommen ist immer schwer. Wenn man allerdings schon etliche Male nach anstrengender Reise irgendwo gelandet ist, weiß man, dass die Welt am nächsten Tag schon wieder in Ordnung ist. Und so ist es auch diesmal wieder. Ausgeschlafen will ich am nächsten Morgen erstmal gut frühstücken gehen, die nötigtsen Sachen im Mini-Market kaufen und dann ist Relaxen am Strand angesagt. Gehe also runter zum Ort und schaue, ob irgendwo Breakfast angeboten wird, so, wie ich es von der Südküste kenne. Aber Fehlanzeige. Bei Anatoli bestelle ich meinen Neßcafé und frage nach Frühstück, aber: „I am sorry, we don‘t make Breakfast“. Ich hatte mich so richtig auf Spiegelei mit Speck (Avgá tiganitá me bácon) gefreut. Zu meinem Erstaunen bringt mir eine junge Bedienung ca. 10 Minuten später plötzlich 2 ordentliche Toast mit Käse und Schinken. Wenn man mit garnichts rechnet, ist das dann natürlich um so besser. War wohl ein Missverständnis. Da auch noch gute Musik läuft, bleibe ich eine gute Stunde sitzen, schaue aufs blaue Meer und denke, dass ich es gut angetroffen habe. Als ich bezahlen möchte, sagt mir der junge Mann auch noch, dass das Toast auf ihn ginge, und ich nur den Nescafé zu zahlen hätte. Efkaristó pára polí !
Gehe danach ins Geschäft nebenan und kaufe Brot, Käse, eine Dose Neßcafé-Classic und ein paar Zuckertütchen. Mein Griechisch läßt an diesem Morgen mangels Hirntraining wieder zu wünschen übrig, und ich sage dem Mann an der Kasse einige grammatikalisch voll verunglückte Sachen. Er verbessert mich nicht, aber ich sehe ihm an, dass er an diesem Morgen einfach keinen Bock auf griechisch stammelnde Touristen hat. Ich lass mir aber die Laune nicht verderben, blende das aus und gehe zurück auf mein Zimmer.

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Mein Stammlokal in Ligaría

Auf meinem Zimmer krame ich erstmal Badesachen aus meinem Rucksack und versuche ihn für die knapp 3 Tage, die ich hier bin, möglichst unausgepackt zu lassen. Wiedereinpacken gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Im oberen „Deckel-Fach“ des „Zenit 55+10“ hatte ich nur meinen eigens für diese Reise gekauften, kleinen „Kulturbeutel“ von Jack Wolfskin zum Zusammenrollen verstaut, um gut ranzukommen. Aufgeklappt kann man den Beutel dann im Bad aufhängen und man kommt bequem an alles ran. Geht alles rein, was Mann braucht, und ist sehr praktisch. So um die 12 €. Das „Kopfteil“ des Rucksacks bildet übrigens die Reserve von 10 l Packvolumen, deshalb 55+10, so kann man den Rucksack entweder mit 55 l kompakt packen oder die größere Variante mit 65 l.

Vorteil bei dem Zenit ist, dass er auch von der Vorderseite aus zu öffnen ist, und man ihn quasi wie eine Reisetasche waagerecht hinstellen kann, um an seine Klamotten ranzukommen. Man muss sich also nicht von oben durch die Tiefe graben (gibt’s natürlich auch von anderen Herstellern). Ein großes Badetuch hatte ich breit gefaltet als Boden und zusätzliches Rückenpolster zu unterst eingepackt. Das muss ich jetzt natürlich rauskramen, ohne Chaos zu produzieren.

Mit meinem Daypack „Vector 25“ von Lowe Alpine (ca. 25-30 €) stehe ich noch etwas auf Kriegsfuß, weil die einzelnen Fächer komplett anders angeordnet sind, als bei meinem früheren Billig-Pack, und ich ständig nach meinen 7 Sachen suche ( Tabak, Feuer, Handy, Kopfhörer, Kleingeld,Taschenlampe etc… Reißverschluss auf – Reißverschluss zu…. Es wird sich rausstellen, dass ich mich bis zum Reiseende nicht an diese elende Kramerei gewöhnen werde. Um mein Geld zu verstauen, was auf jeder Reise immer wieder die Gretchen-Frage ist, hatte ich mir einen flachen „Moneybelt“ von Tatonka gekauft ( ca.10 €), den man unsichtbar unter der Kleidung trägt. Ich ziehe das Ding aber nur auf längeren Reiseabschnitten an, ansonsten kommt es in das Daypack. Ich hatte mir auch ein Trekking-Portemonnai aus Kunststoff von Jack Wolfskin zugelegt, was mir aber aufgrund des abartig lauten Klettverschlusses beim Öffnen u. Bezahlen und auch der Scheiß-Optik wegen schlichtweg zu peinlich wurde. Geht nix über ein gutes Leder-Portemonnai, was ich mir später auch in Míres kaufe. Mein altes hatte nach 15 Jahren ausgedient.

Genug der Details: Die Reisebepackung wird gegen Strandbepackung ausgetauscht und ich gehe gemütlich runter zum Strand, wo ich mir gleich am Anfang der Bucht eine Strandliege mit Sonnenschirm genehmige, Belohnung für meinen geschundenen Rücken. Das Wetter ist spitze, wolkenloser Himmel und nicht zu heiß, schätze so 28 °. Es ist noch vor 12.00 Uhr und noch relativ wenig Betrieb am Strand. Ich mache es mir erst mal so bequem wie möglich, schaue aufs Meer und realisiere: Gestern morgen noch Bahnhöfe wie Niederkrüchten oder Brüggen, und jetzt 3000 km entfernt am Strand liegen mit Blick über’s Meer in Richtung ferner Heimat. Nicht schlecht!

Wie schon gesagt, macht der Ort Ligaría nicht viel her, die Felsen-Bucht mit dem Strand-/Kiesstrand ist landschaftlich aber durchaus reizvoll. Auch das Meer ist klar und sauber (zumindest an den beiden Tagen, die ich hier verbringe), und es läßt sich gut baden und schwimmen, was ich auch ausgiebig tue.

Der Strand füllt sich langsam. In der Mitte des Strandes unterhalb der schmalen Promenade mit den Tavernen sind schon bald keine Liegen und Schirme mehr frei. Später wird mir klar, dass an den Ortsstränden die Konzentration der badenden Gäste dort am größten ist, wo man im W-LAN-Zugangsbereich der angrenzenden Tavernen liegt, und wo man sich beim ersten Besuch direkt schonmal das Passwort hat geben lassen.

In meiner Ecke (ohne W-LAN Zugang) bleibt es ruhig, ein älteres, ruhiges Paar, wahrscheinlich aus Russland und ein paar Französinnen (mit Anhang) mieten sich neben mir Strandsets. Das Publikum insgesamt sind auffällig wenig junge Leute, eher Familien mit Kindern und ältere Herrschaften, überwiegend Griechen, wenig Deutsche, einige Russen, Holländer, Franzosen. Die wenigen Tavernen und Snack-Bars mit Garten an der Promenade sind tagsüber leidlich gut gefüllt, aber abends, zumindest an den beiden Wochentagen, die ich hier bin: Absolut Tote Hose! Letzteres betrifft mit Verlaub im wahrsten Sinne des Wortes auch das Nicht-Vorhandensein von Strandschönheiten weiblichen sowie, der Ordnung halber, auch männlichen Geschlechts.

Auffällig ist auch ein offensichtlicher Trend zu englischem Rasen im Vorgarten. Einige Neubauten kommen ungewöhnlich gepflegt daher, und die grünen, klinisch toten Rasenflächen passen so garnicht ins Bild von der Insel Kreta und können ja auch nur mit Unmengen wertvollen Wassers künstlich am Leben gehalten werden. Ich halte es für irrsinnig.

Um die Langweiligkeit des Ortes abschließend noch etwas näher zu beschreiben: Eine halbwegs groovige Music-Bar o.ä. sucht man hier vergeblich. Gibt es hier nicht. Ligaría scheint mir alles in allem der ruhige Vorposten im Osten von Agia Pelagía zu sein, für langjährige Stammgäste, der auch stark von griechischen Tagesausflüglern aus dem Hinterland und Heraklion frequentiert wird.

Nach 1-2 Stunden kommt, wie erwartet, ein freundlicher junger Grieche vorbei, um die Miete für das Strandset zu kassieren: 2 € der Schirm u. 2 € die Liege. Zahle ich doch gerne.

So verbringe ich bis zum späten Nachmittag einen entspannenden Strandtag, ohne Lesen, Tablet, Handy oder sonstiges, nur schwimmen, dösen, denken, gucken. Da ich mir nicht schon am Anfang einen Sonnenbrand einhandeln will, döse ich fast nur im Schatten.


Ligaría Strand

Am späteren Nachmittag gehe ich noch kurz zum Mini-Market um Wasser und ein Fläschchen Retsina für eine Zwischenmalzeit zu kaufen. Diesmal ist eine junge, freundliche Griechin an der Kasse, und der Griechisch-Small-Talk klappt schon besser. Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer begegne ich meinem alten Freund von „Ligaría Studios“, der auf seinem Grundstück, das vom ca. 50 m zurückliegenden Apartmenthaus bis zur Promenade reicht, für Ordnung sorgt. Er erkennt mich sofort, begrüßt mich herzlich und fragt mich etwas stibitzig, wo ich denn nun untergekommen sei. „Bei Maria“ sage ich, woraufhin er sich die Frage nicht verkneifen kann, was ich denn da so bezahlen würde. Das Ausfragen von Urlaubsgästen durch konkurrierende Vermieter mag legitim sein, und es ist mir auch schon früher öfter begegnet. Es gefällt mir aber irgendwie nicht. Deshalb lasse ich ihn etwas suffisant im Dunkeln und sage, ich wüßte es nicht genau, vielleicht irgendwas zwischen 20 u. 30 €. Er scheint etwas irritiert, will mich auf 30 € festnageln, was ihm aber nicht gelingt, und wechselt dann geschickt das Thema, indem er mich fragt, ob ich aus Deutschland sei. Ich bejahe und er erzählt mir, dass er vor langer Zeit mal in Deutschland gearbeitet hätte, aber kein Deutsch mehr sprechen könne. Aber wieso ich denn Griechisch sprechen könnte. Ich sage nur: „Móno ligo, Efkaristó! (nur ein wenig, Danke!) und dass ich es in Deutschland lernen würde“. Das scheint ihm zu gefallen und wir verabschieden uns. Sto kaló! (Alles Gute!)

Kleiner Exkurs:
Ich weiß nicht, wieviele Griechen ich schon getroffen habe, die irgendwann mal für längere Zeit in Deutschland gearbeitet haben, aber es waren schon verdammt viele. Manche haben für immer fußgefasst, wenn sie gutes Geld verdienen konnten und mit der Mentalität und dem schnelleren Lebensrythmus klarkamen, und andere sind für immer zurückgekehrt, weil sie nicht klarkamen. Eine Frage der individuellen Lebenssituation und des Charakters.

In Aachen haben wir eine relativ große griechische Gemeinde. Außer den Gastarbeitern sind in den 70ern auch viele Studenten nach Aachen gekommen, um der Militärdiktatur den Rücken zu kehren (der Legende nach natürlich auch, um sie aus dem Exil heraus zu bekämpfen!) und betätigten sich neben dem Studium in der Gastronomie. Nach und nach entstanden etliche griechische Restaurants und Kneipen, deren Inhaber das Geldverdienen dem Studieren vorgezogen hatten. Jedenfalls sorgte das damals für eine echte Bereicherung der Gastro-Szene, weil es genau diese Kneipen waren, wo fast jeder gerne hinging, Studenten und Nicht-Studenten, Jung und Alt, arm und reich, gesund und krank…. Die Kneipen waren gemütlich, Essen und Trinken reichlich gut und vor allem günstig, die Atmosphäre symphatisch und ungezwungen, und rumtobende Kinder herzlich Willkommen.

Mittlerweile wächst die 3. Generation heran. Die griechischen Kneipen sind deutlich weniger geworden und größtenteils „turkisiert“. Die Griechen arbeiten heute in allen Bereichen und fahren zum Tel nur noch zum Urlaubmachen „nach Hause“. Viele Ältere sind auch in der glücklichen Situation, einen Zweitwohnsitz in ihrer Heimat zu haben, oft elterliches Eigentum, und können je nach Gesundheitszustand wählen, wo sie ihren Lebensabend verbringen. Die bessere Gesundheitsversorgung in Deutschland ist für viele griechische Rentner der Grund, lieber in Deutschland zu bleiben. Und die Kinder haben oft keinen richtigen Bezug mehr zur Verwandschaft in Griechenland und haben ihren Lebensmittelpunkt nun in Deutschland.

Den Rest dieses Wellness-Tages kann ich kurz zusammenfassen: Zurück auf meinem Zimmer erstmal einen Kaffee. Dann mache ich es mir auf dem Balkon mit Brot, Käse, Melone und Retsina (und Zigaretten) gemütlich und halte mich noch eine ganze Weile dort auf. Im Vorgarten (der ebenfalls eine große und untypisch grüne Rasenspielfläche ist, allerdings nicht englisch – eher medium) spielen die Kinder, bzw. sie ärgern die Hunde. Hin und wieder bleiben sie vor mir stehen (Kinder wie Hunde), gucken mich freundlich und neugierig an und sagen irgendwas auf Griechisch, was ich nicht verstehe. Ich lache fröhlich mit.

Bei Dunkelheit gehe ich nochmal durch den Ort, versuche irgendwas Interessantes zu entdecken und lande am Ende wieder bei Anatoli. Hier ist wieder kaum was los. Ich esse noch was Kleines (glaube Saganáki) und unterhalte mich zwischendurch sehr gut mit der jungen Kellnerin, die aus der Tavernen-Familie zu sein scheint. Ich trinke mich mit Bier und Raki bettschwer und gehe schlafen.

Auf der Veranda im Garten von Marias Apartments sitzt abends die Familie zum Essen mit Außen-TV zusammen. Der alte Herr mit Schnäuzer und weißen Haaren, wahrscheinlich der Großvater, sitzt auch tagsüber immer da. Ich suche keinen Kontakt, grüße aber beim Vorbeigehen immer anstandsgemäß, so wie jetzt: Kaliníchta!

Morgen erst mal wieder Strand und dann geht’s nachmittags zufuß nach Agia Pelagía.

Ligaría und Agia Pelagía

Heute morgen trinke ich erst mal einen starken Kaffee auf dem Zimmer und gehe am späteren Vormittag nochmal an die Promenade, um vielleicht doch noch ein Frühstücksei, in welcher Zubereitungsform auch immer, zu ergattern. Ich versuche es in einer Snack-Bar, die einen großen Garten mit Tischen und Stühlen hat und im hinteren Bereich einen Pavillon, in dem alles zubereitet wird. Wegen der umlaufenden Theke mit den Barhockern sieht es so aus, dass er abends als Cocktail-Bar dient. Es sitzen einige Frühstücksgäste hier und ein älterer Grieche ist an dem Morgen alleine für die gesamte Bewirtung zuständig. Vom Pavillon zu den einzelnen Tischen sind recht lange Wege zu laufen und er scheint etwas gestresst zu sein. Deshalb warte ich auch lange auf seine Bedienung, was mich allerdings nicht stört. Denn wenn ich jetzt Eines habe, dann ist das Zeit.
Ich schaue mir die kleine Snack-Karte an und bestelle später ein Sandwich mit Schinken und Käse und einen Néßcafe. Leider gibt’s weder Omelett noch Spiegelei noch Kochei.

Später gehe ich wieder in meine Strandecke, wo ich den Tag eigentlich wieder genauso verbringe wie am Vortag. Einziger Unterschied: Ich mache mich zwischendurch zu einem kleinen Spaziergang um die östliche Felszunge auf, da ich grundsätzlich immer den starken Drang habe, wissen zu müssen, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt. Meistens kommt dann aber wieder ein Felsen-Vorsprung und hinter dem nächsten dann noch einer und so fort. Ich begnüge mich heute mit einem.

Es würde mich ja schon reizen, mal eine reine Küstenwanderung rund um die Insel Kreta zu machen, aber da kommt man mit 2-3 Monaten Zeit bestimmt nicht hin.

Der Weg vom Strand um den Felszipfel herum scheint neu angelegt worden zu sein, in Natursteinpflaster und mit mehr oder weniger schönen, auf Antik gemachten Laternen, wie man sie in den letzten Jahren immer öfter hier sieht. Auf der Landspitze steht eine Sitzbank, die nach Westen ausgerichtet ist, um sich abends den Sonnenuntergang reinziehen zu können. Etwas weiter um die Ecke bilden große, flache und naturgewachsene Felsplatten kleine Plateaus, auf denen man sich abseits des Rummels schön entspannen kann. Ein idealer Platz für frisch (und weniger frisch) verliebte und sonstige Romantiker. Allerdings ist das Baden in der kleinen, anschließenden Felseinbuchtung nicht zu empfehlen, da sie zu meinem Erschrecken voller ekliger Abwässer und Unrat ist. Vielleicht vom „Athina Palace“ und sonstigen Hotels, die irgendwo oberhalb liegen müssen. Es wundert mich, dass am nur wenige Meter entfernten Strand von Ligaría von dem Dreck überhaupt nichts zu sehen ist.

Am späteren Nachmittag mach ich mich nach kleiner Stärkung auf meinem Zimmer in Richtung Agia Pelagía auf. Ziehe wieder die festen, mittlerweile ausgedünsteten Schuhe an, und packe das Nötigste in mein Daypack. Da ich in jedem Fall in die Dunkelheit kommen werde, ist meine Mini-Maglite das wichtigste Utensil. Der grob betonierte Weg über die Felszunge nach AP ist anfangs lang und sehr steil, was mich wieder in meiner Entscheidung bestätigt, hier bei meiner Ankunft nicht noch mit voller Ausrüstung rübergegangen zu sein. Ich wäre wohl an meine Leistungsgrenze gestoßen. Nach 200 -300 Metern oben angekommen, geht’s nur noch die befestigte Straße bergab und man kann die Bucht von AP schön überblicken. Sie ist größer als Ligaría aber landschaftlich auch sehr schön in die Felsenlandschaft eingebettet.

Unten in AP angekommen gehe ich die ca. 2 Meter breite Strandpromende mit den vielen, ein paar Stufen höher gelegenen Tavernen entlang. Der (Fein-) Kiesstrand ist sehr schmal, nur wenige Meter breit, und gleichmäßig dicht mit Sonnenschirmen und Liegen bestückt. Um diese Zeit ist nicht mehr allzu viel los am Strand, aber ich denke, dass er tagsüber ziemlich überfüllt sein muss. Ich hatte eigentlich keine klare Vorstellung vom Ort Agia Pelagía, wußte nur, dass es ein schon lange bekanntes Pauschal-Touristenziel ist und erwartete jetzt einige Hotelburgen in Strandnähe. Dem ist nicht so, es gibt jedoch einige Nobel-Resorts, die sich ganze Landstriche in der Umgebung zu eigen gemacht haben. Hierzu später mehr….

Die „ Fress-und Vergnügungsmeile“ an der Promenade gibt zu meiner Überraschung auch ein recht angenehmes und buntes Bild ab, da jedes Lokal in einem unterschiedlichen und geschmackvollen Stil gestaltet ist. Also durchaus einladend.

Zum Abendessen ist es für mich aber noch zu früh und ich gehe fast bis zum Ende der Promenade, wo der Strand endet und die Promenade entlang des Wassers bis zur nächsten Felszunge reicht. Ich frage einen Angler, der auf der Kaimauer sein Glück versucht, ob ich um die Felsenspitze herum zu den nächsten Buchten spazieren könne. Im „Fohrer“ hatte ich gelesen, dass es Richtung Westen noch weitere kleine Buchten mit schönen Tavernen gibt. Ich hatte mir „Mononáftis“ zum Ziel gesetzt. Dort will ich dann auch was essen und dann langsam wieder zurückgehen. Aber die Küste entlang gehen: Ochi! No chance! Er beschreibt mir den Weg nach Mononáftis, der am westlichen Ortsende hinauf, über den Landzipfel führt. Er nennt mehrmals das Wort „Capsis“, was man wohl zu kennen hat, mir aber überhaupt nichts sagt. Entfernung ca. 25-30 Minuten. Ich kann eigentlich nicht glauben, dass es keinen tausend Jahre alten Trampelpfad an der Küste entlang geben soll. Aus irgendeinem Grund muss hier wohl Sperrgebiet sein. Ich gehe zurück in die Hauptstraße, die vom Ort zum Strand führt und sehe nach 30 m linker Hand ein typisch schlicht gehaltenes Kafeneíon mit kleiner Veranda, auf der einige ältere Eingeborene Ihren Ellinikó trinken und ein Mann mit etwas längeren glatten Haaren kommt mir irgendwie bekannt vor. Sieht aus wie der Regisseur Roman Polanski. Sicherheitshalber frage ich ihn auch nochmal nach dem Weg nach Mononáftis. Er gibt mir zunächst freundlich auf Griechisch Auskunft und fragt dann sofort, ob ich Deutscher sei und von wo. Als ich Aachen sage, entgegnet er mir in fließendem Deutsch, dass er 10 Jahre in Aachen und Würselen gearbeitet hätte und ob es die und die und die Kneipe noch gäbe. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob mir der Typ nun tatsächlich vielleicht aus irgendeiner Kneipe bekannt vorkam oder nur aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem Regisseur. Egal, ich folge seiner Wegbeschreibung und gehe bei Anbruch der Dämmerung in Richtung Westen, erstmal rechts an einer langen Mauer entlang, die offensichtlich die Grenze zum vorgenannten Sperrgebiet bildet. Links ist die Straße von einigen Souvenirläden gesäumt, und oben auf der Höhe gehe ich an einer noch recht belebten Kreuzung rechts aus dem Hauptort hinaus. Nach ca. 200 Metern geht rechts wieder eine schmale, dunkle Straße leicht abschüssig hinunter. Gegenüber liegt ein Café mit Terrasse, auf der 2 junge Griechen sitzen, die mir freundlich bestätigen, dass dies der Weg nach Mononáftis sei, und dass ich bis zum „Península“ gehe müsse, dort hindurch und dann einige Treppen zur Bucht runter. Ich habe zwar keine Ahnung, was zum Teufel „Peninsula“ ist und wie das Ganze überhaupt aussehen soll, bedanke mich aber und mache mich auf den Weg. Nach 200 Metern sehe ich in der Ferne schon einige Lichter und ich folge der Straße, die am Ende wieder einen guten Anstieg macht. Unterwegs begegnen mir vereinzelt kleine Gruppen, die wohl zum Essen und Abfeiern nach AP-City gehen.

Noch ist es nicht ganz dunkel und ich kann über eine nur leicht hüglige und relativ grüne Landschaft Richtung landeinwärts schauen, in der ich einige vereinzelte Häuser und auch größere Anlagen erkennen kann. Die Gegend macht einen ganz ansehnlichen Eindruck.

An den Lichtern angekommen gehe ich eine kleine Ladenstraße entlang und frage hier nochmal eine Frau, die gerade an den Verkaufsständen rumkramt, nach dem Weg nach Mononáftis. Wieder höre ich „Peninsula“ und versuche den Weg, den sie mir beschrieben hat, zu finden. Gehe aber ein Stück zu weit geradeaus und dann links durch einen Torbogen in eine Grünanlage und stehe mitten in einem aufwendig begrünten Bereich mit großem Pool und Restaurant. Ich gehe um den Pool rum und frage einen jungen Angestellten nach dem Weg. Leider kennt sich der junge Mann überhaupt nicht aus, da er wohl gerade erst hier angefangen hat zu arbeiten, und ich gehe wieder ein Stück zurück und wieder rechts ab. Hier lese ich zum ersten mal den Namen „Peninsula“, was ein recht nobles 5 Sterne-Resort/Spa/Hotel ist. Alles ist vom Feinsten gebaut und, soweit ich es in der Dunkelheit erkennen kann, auch recht geschmackvoll mit viel Naturstein. Am Ende des Weges sehe ich an einem kleinen Platz 2 Treppenabgänge und gehe den ersten hinunter. Eingerahmt von ungewöhnlich akkurat gemauerten Natursteinwänden mit regelmäßigen Lichtauslässen führt er sehr verwinkelt und über kleine Zwischen-Terrassen mit einzelnen Apartmenthäuschen steil und tief hinunter in die Bucht. Alles sehr üppig und geschmackvoll begrünt. Mir fällt auf, dass mir die ganze Zeit keine Menschenseele begegnet, und ich mich möglicherweise in einer privaten, für Außenstehende nicht bestimmten „No go area“ befinde. Aber dann hätte es wohl auch abgeriegelt sein müssen.

Etwas unwohl wird mir bei dem Gedanken an den Rückweg, denn es sind bestimmt hundert Stufen, und das nach dem Essen (und Trinken).

Unten komme ich direkt auf den Felsenvorsprüngen zur kleinen Bucht Mononáftis aus. Ich gehe über ein kleines Stück Strand in Richtung einiger weniger Tavernen und es kommt mir alles sehr idyllisch vor, weil es einfach auch sehr ruhig ist. Diesen Ort hätte ich jetzt auch gerne bei Tageslicht gesehen, aber die dunkle Felsensilhouette mit einigen Lichtern, die sich über der Bucht am klaren Nachthimmel abzeichnet, läßt mich vermuten, dass es ein ganz schönes Plätzchen sein muss. Und wegen des in der Ferne glitzernden Meerespiegels sehe ich plötzlich auch noch, dass Vollmond ist. Als bekennender Romantiker werde ich voll und ganz für meine Nachtwanderung belohnt.

Ich suche mir wieder die Taverne meines Geschmacks und kehre bei „Taverne Vasilis“ ein. Wie auch in den anderen Restaurants ist hier nichts los. Möglicherweise haben die Geschäfte auch hier unter der Vollversorgung der Touristen in den All Inclusive-Hotels zu leiden. Ein Tisch ist besetzt. Ich werde freundlich von einem jungen Griechen empfangen, der mir einen Tisch anbietet und mich fragt, wo ich herkomme. Ich antworte ihm auf Griechisch, dass ich gerade von Ligaría aus zufuß käme, was ihn sichtlich erstaunt. Scheinbar kommt es hier nicht mehr so häufig vor, dass jemand längere Strecken ohne mobilen Unterbau zurücklegt (obwohl ich insgesamt vielleicht gerade mal eine gute Stunde unterwegs war). Und Wandern ist bekanntlich eine Erfindung der Touristen – für einen Kreter oder Griechen ist es ungefähr genauso beknackt wie stundenlanges Sonnenbaden.

Ich erzähle ihm auch von meiner Rucksackreise, was ihn augenscheinlich begeistert. Er sei Student und wolle auf diese Art auch noch viel reisen.

Er sagt mir, was es heute frisch gekocht gibt und ich bestelle ein Rindfleisch-Stifádo mit Patátes und gegen den Durst erst mal ein Mýthos. Als das Essen kommt, bestelle ich mir noch einen halben Liter Weißwein dazu. Das Essen ist gut und zwischendurch wechsle ich einige Worte mit dem Kellner, der mir erzählt, dass sein Opa vor über 30 Jahren die erste Taverne hier in der Bucht eröffnet hätte, und ich stelle mir vor, dass damals mit Rucksack-Touristen u.a. wahrscheinlich eine ähnliche Szenerie geherrscht hat, wie in den kleinen Orten an der Südküste. Der Großvater sitzt in dem durch eine Glaswand abgetrennten Küchenbereich und wir grüßen uns kurz. Nach dem Essen kommt die obligatorische Karefáki Ráki (Jámmas) und zusätzlich zum üppigen Obstnachtisch noch ein leckeres Stückchen Kuchen vom Opa. Ich bleib noch eine Weile sitzen, und esse und trinke genüsslich zuende. Zwischenzeitlich waren noch einige andere Gäste gekommen, so dass es für Vasili doch noch was zu tun gab.

In der Ferne sehe ich auf dem Meer einige Schiffe in Festbeleuchtung, die wohl ihre Moonlight Partys machen. Schönes Bild.

Für das Ganze zahle ich am Ende gerade mal 15 € inkl. Trinkgeld. Ich bleibe noch eine Weile sitzen und frage vor Verabschiedung den Kellner noch, ob ich auf meinem Rückweg unbedingt die Treppen hinaufgehen müßte, oder ob es noch einen anderen Weg gäbe. Und es gibt ihn tatsächlich. Da der Hotelkomplex Richtung Meer in den Hang gebaut worden ist, geht man vom Strand nur einige Stufen hoch und hält sich dann links. Dann kann man küstenseitig einen langgestreckten Weg ohne große Steigung zurückgehen.
(Es gab übrigens am Ende der Buch hinter der Taverna Vasilis noch eine Art Nacht-Club namens Nemo, der allerdings (noch) geschlossen hatte).

Der Weg an Península vorbei ist großzügig in Naturstein angelegt und die rechts davon liegende, dezent angestrahlte Anlage mit den Apartments und Studios macht einen ziemlich hochwertigen Eindruck. Ich bin zwar kein Freund von All inklusive Hotels, aber diese Anlage ist zumindest, soweit ich es in der Nacht erkennen kann, relativ stilvoll mit viel Begrünung gestaltet.

Während ich diesen Bericht schreibe, schaue ich mir im Internet einige Fotos von der Bucht und Ihrer Umgebung an und sehe plötzlich ein komplett anderes Bild von meinem Vollmond-Idyll. „Peninsula“ ist nur im unteren Bereich in Naturstein gehalten, ansonsten ist es ein riesiger, ziemlich hoch gebauter, weißer Komplex aus 250 Apartments mit mehreren Pools und allem drum und dran, der sich die gesamte Landzunge gekrallt hat. Auch die andere Seite der Bucht ist mit Hotels zugebaut und der kleine Strand scheint tagsüber tatsächlich ziemlich überfüllt zu sein, zumindest in der Hauptsaison.
Aber ich möchte mir kein Urteil über die Hotels und die Art des Urlaubs erlauben. Wem`s gefällt, bitteschön. Es wäre ja auch verdammt langweilig und eintönig, wenn alle dasselbe wollten….
Im Nachhinein bin ich jedenfalls doch froh, nachts hier gelandet zu sein, und behalte die angenehme Stimmung gerne im Kopf.

Auf meinem Weg zurück komme ich oberhalb einer weiteren kleinen Bucht namens Psaromoúra vorbei und kann wegen der klaren Vollmondnacht alles recht deutlich erkennen. Ebenfalls Schirme und Liegen in Reih und Glied und eine Strandbar, die noch geöffnet hat und an der noch einige Leute sitzen. Ich überlege kurz, ob ich ihr noch einen Besuch abstatte, lasse es aber, da es mir dann doch zu viel ist, wieder hinab- und hinaufzusteigen.

Ich gehe durch ein Zauntor über ein großes, freies Feld, welches Bauvorbereitungsland zu sein scheint, und gelange wieder auf die Straße, über die ich gekommen war. In Agia Pelagia gehe ich die Straße nun auf der rechten Seite in den Hauptort runter und sehe, wie auf der gegenüberliegenden Seite ein großes Stahltor automatisch aufgeht und eine Luxus-Limousine auf das Grundstück fährt. Hinter dem Tor sehe ich den Torwächter, der, piekfein mit weißem Hemd und schwarzer Hose bekleidet, den Gast empfängt und Zufahrt gewährt. Auf der Mauer, die das Anwesen umschließt, lese ich nun das Wort „Capsis“, was nach späteren Recherchen ein Luxus-Elite-Resort mit integriertem VIP-Bereich ist. Das Ganze erinnert mich bei Dunkelheit spontan an Stuttgart-Stammheim und ich denke, dass ich mich auch bei einem Millionengewinn im Lotto, oder wenn ich sonst irgendwie zu Geld kommen würde, niemals in einem solchen Hochsicherheitstrakt wohlfühlen könnte, vollkommen abgeschottet von der Außenwelt. Aber auch hier soll es von mir aus Leute geben, die das brauchen, weil sie sich von der Außenwelt schon so weit entfernt haben, dass sie sich dort nicht mehr aufhalten können und möglicherweise auch Gefahr für Leib und Leben fürchten müssen.

Was mich allerdings stört, ist, das sich diese Resorts ganze Landstriche bis zum Meer unter den Nagel reißen, wo der Normalsterbliche (vor allem der Einheimische) dann noch nicht mal mehr an der Küste entlang spazierengehen kann. Irgendjemand erzählte mir mal, dass es in Griechenland keine Privatstrände gäbe. Aber es ist wohl immer nur eine Frage des Geldes, um die Regel zur Ausnahme machen zu können.

An der Promenade setze ich mich noch in eine geschmackvoll eingerichtete Musik-Bar, wo man draußen unter uralten, dickstämmigen Bäumen sitzt. Es ist ziemlich voll mit jungem Publikum, und ich werde freundlich bedient. Da die Musik hauptsächlich Mainstream und für mein Empfinden viel zu laut ist, mache ich mich nach einem Bier wieder auf in Richtung Ligaría.

Der Weg zurück über den Berg ist nicht beleuchtet, aber wegen des Vollmonds ist alles gut zu erkennen, und ich kann meine Taschenlampe im Daypack lassen. In Ligaría komme ich zwangsläufig an meinem Stammlokal vorbei und setze mich hier auch noch ein Weilchen hin. Der Chef sitzt mit Familie und Bekannten an einem großen Tisch, und es sind noch ein paar junge Griechen da. Die junge Kellnerin, die mich bedient, kenne ich noch nicht. Sie erzählt mir, dass sie vom Festland käme und in Heraklion studiere. Ich berichte ihr, wohin ich noch vorhätte zu reisen und nenne ihr einige bekannte Orte, auch an der Südküste. Es stellt sich heraus, dass sie Kreta weniger kennt als ich, da sie bisher kaum rumgekommen ist.

Auf meinem Weg zurück zum Zimmer sehe ich, dass die Tavernen an der Promenade allesamt schon geschlossen sind und Ligaría schon schläft.

Ich gehe auch schlafen, denn morgen ist mein Abreisetag und es geht in die Berge nach Anógia. Tagsüber hatte ich meine Zimmerwirtin und auch Anatoli in der Taverne gefragt, wann und wo denn die Busse nach Heraklion abführen. Irgendwie wußte aber keiner richtig Bescheid. Anatoli machte aber zu meiner Freude den Vorschlag, dass er mich morgen Vormittag gegen 11.00 Uhr mit seinem Auto mitnehmen könnte. Er müßte eine Freundin nach Agia Pelagía zum Arzt bringen und er würde mich dann oben an der „New Road“ ( Schnellstraßenverbindung an der Nordküste entlang) rauslassen. Hier wäre eine Bushaltestelle, wo regelmäßig Busse nach Heraklion führen. Für mich natürlich perfekt. Efkaristó! Ta léme ávrio stis éndeka! (Danke, bis morgen um 11)

Am Morgen stehe ich um halb acht auf, um noch in Ruhe frühstücken und meine Sachen ordentlich packen zu können. Meine Vermieterin Maria macht mir plötzlich das Angebot, dass ich mit Ihrem Mann nach Heraklion fahren könne, da er dort zu tun hätte. Ich müßte wohl spätestens in einer halben Stunde fertig sein. Ich bin froh, dass ich das Angebot von Anatoli habe und winke dankend ab. In einer halben Stunde zu duschen, frühstücken und mich reisefertig zu machen, kriege ich jetzt sowieso nicht hin. Und ohne meinen obligatorischen WC-Besuch am Morgen ist jeder Tag im wahrsten Sinne des Wortes verschissen.

So mache ich dann alles ganz entspannt und gehe gegen 11.00 mit Sack und Pack zu Anatoli, nachdem ich mich von Maria noch herzlich verabschiedet habe. Bei Anatoli trinke ich noch einen Nescafé, wohl wissend, dass verabredete Uhrzeiten auf Kreta immer nur eine ganz vage Orientierung bedeuten. Nach 15 Minuten kommt er an meinen Tisch und sagt, dass es bald losgehe. Er weiß, dass ich nach Anógia will und malt mir auf einem Zettel auf, wo ich in Heraklion austeigen müsse. Ich bräuchte nicht bis zur großen Busstation Chanióporta fahren, sondern sollte schon weit vorher aussteigen und dann den Bus direkt nach Anógia nehmen. Er findet es toll, dass ich mit dem Rucksack unterwegs bin und scheint sich auf ganz Kreta sehr gut auszukennen. Er gibt mir etliche Tipps, wo ich von Anógia aus hinwandern könnte und schildert mir die seiner Meinung nach geilsten und wildestens Gegenden in der Sfákia im Südwesten, wo der jahrhunderte dauernde Widerstand der Kreter und der „Andarten“ noch zu spüren sei. Ich hatte ohnehin vor, von Anógia aus in den Süd-Westen zu fahren und höre aufmerksam zu. Ich sage ihm auch, dass ich seit Jahren meistens in Léntas Urlaub machte und in einigen Wochen wieder dorthin wolle. Natürlich kennt er Léntas und Umgebung und er philosophiert, dass die Menschen im äußersten Süden einen besonderen „Spirit“ hätten, sie seien cooler und relaxter als im Norden. Die heute Erwachsenen wären mit dem Geist der Hippies aufgewachsen und hätten viel davon übernommen. Ich stimme ihm voll zu, weil mir die These dieser gegenseitigen geistigen Befruchtung auch immer durch den Kopf geht.

Einige Minuten später folge ich Anatóli und einer jungen Frau mit Baby zu seinem Kleinwagen auf dem staubigen Platz hinter der Taverne. Ich verstaue meine Rucksäcke und mich auf der Rückbank, und wir fahren die Hügel hoch raus aus Ligaría.

Auf der Fahrt folgt ein wenig Griechisch-Small-Talk, auch mit der netten Beifahrerin nebst Baby, und die größte Erkenntnis nach 3 Tagen: Mein Anatoli, den ich einfach wegen des Namens auf dem Tavernen-Schild so genannt habe, heißt Jiórgos! Anatoli heißt nur die Kneipe, und die heißt auch nicht Anatóli, sondern „ Anatolí“ , also der „Sonnenaufgang“ bzw. der „Osten“. Ligaría liegt vom Hauptort Agia Pelgía aus gesehen im Osten, und von der Taverne aus kann man gut den Sonnenaufgang im Osten sehen.

Oben an der New Road angekommen, schmeißt er mich raus: Take care of you! Kaló taxídi kai sto kaló!

Ich gehe zu der Holzbude, die als Wartehäuschen dient und sich quasi schon auf der Beschleunigungsspur hinter der Auffahrt befindet. Ich stelle mein Gepäck unter und sehe, dass die Haltestelle hinter einer lang gezogenen Kurve auf der zweispurigen Schnellstraße liegt, wo man einen mit Karacho ankommenden Bus erst spät sieht. Also muss ich mich einige Meter weiter vorne, direkt an die Piste stellen, um frühzeitig gesehen zu werden.

Es ist viel Verkehr und ich stehe praktisch mitten auf einer Autobahnauffahrt. Permanent kommen Autos mit einem Affenzahn die Auffahrt aus Richtung Ligaría hochgedonnert und fahren wegen mir dann Slalom, was hier aber nicht unüblich zu sein scheint.

Ich bin nun mehr damit beschäftigt, den Autos auszuweichen, um nicht überfahren zu werden, als auf den Bus zu achten. Einem SUV-Fahrer fällt vor Schreck das Handy beim Telefonieren aus der Hand. Ich mache eine entschuldigende Handbewegung, aber anstatt sich gefälligst aufzuregen, wie man es aus Deutschland gewöhnt ist, gibt er nur Vollgas und beschleunigt mit quietschenden Reifen und mit aufheulendem Motor auf die Piste.

Nach ca. 15-20 Minuten habe ich keine Lust mehr, unter Einsatz meines Lebens auf den Bus zu warten, sondern gehe ein Stück in Richtung Beschleunigungsspur und halte den Daumen raus. Es dauert eine Weile. Die Leute, die die Auffahrt hochkommen, haben keinen Bock, mitten im Beschleunigungsvorgang wieder zu stoppen. Manche sind auch voll besetzt oder es sind alleinfahrende Frauen, von denen ich nicht unbedingt erwarte, dass sie mich mitnehmen. Nach ca. 15 Minuten kommt auf dem Highway ein kleiner, alter Suzuki-Van angeheizt, steigt abrupt in die Eisen und bleibt ca. 30 Meter von mir entfernt auf der Beschleunigungsspur stehen. Ich renne schnell zu meinem Gepäck, packe die oberen Schlaufen und laufe zu meinem Hike. Der total zerbeulte und verdreckte Mini-Van macht den Eindruck, dass er bald auseinanderfällt. „Sto Iráklio?!“, sage ich durchs geöffnete Fenster. Ela!, einsteigen und Gepäck mit auf den Vordersitz. Der Typ, ca. 40-45 J., ist am ganzen Körper bis zu den Ohren tätowiert und hat so buschige, dunkle Augenbrauen, dass selbst Theo Waigl neidisch wäre (die Älteren werden ihn noch kennen).

Er raucht Zigarillo und sein gesamtes Äußeres ist ausgesprochen archaisch, um nicht zu sagen wild. Das Führerhaus ist mindestens so demoliert und verstaubt wie der Rest des Autos. Er spricht nur Griechisch und wir kommen ins Gespräch.

Es kann verhängnisvoll sein, wenn man als Fremder mit einem einigermaßen flüssig gesprochenen Satz auf Griechisch in die Konversation einsteigt, weil der Einheimische das gerne annimmt und dann ohne Rücksicht auf Verluste lospalavert. Man stößt dann schnell an seine Grenzen und schwankt zwischen einerseits Verstehen-Wollen und andererseits nicht Sagen-Wollen, dass man nichts versteht, denn so garnichts versteht man ja nun auch wieder nicht, vonwegen der Mimik und so.
Den Spruch: „Pio argá sas parakaló“ (etwas langsamer bitte) sollte man jedenfalls unbedingt drauf haben.

Ich erfahre, dass er aus Pérama kommt, auf der Straße von Réthymnon nach Anógia, und dort mit Landwirtschaft zu tun hat. Ich sage ihm, dass ich eigentlich nach Anógia will, woraufhin er mich an der entsprechenden Ausfahrt in Gázi rauslassen will. Dort verliefe dann die Straße direkt nach Anógia. Ich verstehe so ungefähr die Hälfte von dem, was er mir in seinem Turbo-Griechisch sagen will, aber merke immerhin, das die „Chemie stimmt“ ( o.k., blödes Wort) und er mir ziemlich symphatisch ist. Ich nehme meinen Tabak raus, um mir eine zu drehen, was ihm offenbar gefällt. Ich frage ihn, ob er auch eine wolle, woraufhin er auf seine noch brennende Zigarillo deutet. Ich drehe ihm dennoch eine und lege sie ihm in die Ausbuchtung des Armaturenbretts. Als ich meine Zigarette rauche, habe ich Bedenken, die Asche bzw. Glut einfach durchs offene Fenster abgehen zu lassen, wegen der katastrophalen Brände, die Kreta immer wieder heimsuchen, und frage ihn, ob das i.O. sei. Ich verstehe gerade soviel, dass das scheißegal sei und nix passieren könne. An der Abfahrt Gázi läßt er mich auf der Schnellstraße raus und erklärt mir kurz, dass ich nur runter zur Hauptstraße gehen müsse. Dort hätte ich dann Bus und Autostop-Möglichkeit nach Anógia. Ich bedanke mich herzlich und drücke ihm zum Abschied die Hand. Als ich die Tür von außen zuschlage sehe ich noch durchs Fenster, wie seine Hand sofort nach meiner Zigarette greift und er sie sich ansteckt. Ich freue mich, dass ich ihm auch was Gutes tun konnte. Sto kaló!

Unten an der Abfahrt angekommen sehe ich schon die Hinweisschilder. Links geht’s nach Anógia, rechts nach Gázi. Gegenüber der Kreuzung liegt an der Hauptstraße alleinstehend eine relativ neu aussehende „Kantina“, eine Art mobile Imbiss-/Kaffeebude mit Veranda. Hier trinke ich mir noch einen Nescafé und schaue nochmal auf die Kreta-Karte, um zu sehen, wo ich eigentlich genau bin. Ich frage einen jungen Griechen, der mit seinem Auto kurz vorfährt und sich etwas kauft, wo die Bushaltestelle sei. Gleich hundert Meter in Richtung Gázi vor der Brücke, aber er wüsste nicht, wann ein Bus käme. Ich sage ihm, dass ich Auto-Stop machen würde, wenn keiner käme, was ihn zu der Bemerkung veranlasst, dass schonmal Touristen ausgeraubt worden seien, die per Anhalter gefahren sind. Ich deute dies allerdings als unnötige Angstmacherei und halte die Wahrscheinlichkeit, dass mir so etwas passiert, für ungefähr genauso hoch, wie z.B. vom Auto überfahren zu werden (obwohl sie heute schonmal etwas größer war).

Man sollte sowieso nicht mit Angst im Nacken unterwegs sein, weil ich glaube, dass man dann das Unglück erst recht anzieht. Ein gesundes Maß an Vorsicht und Respekt vor wirklichen Gefahren ist natürlich immer ratsam. Damit meine ich aber eher, z.B. nicht von 5 m hohen Felsklippen ins Meer zu springen, ohne zu wissen, wie tief das Wasser ist, oder ein Motorrad zu mieten und mit 2 Promille die Serpentinen runterzujagen u.ä..

Ich gehe also zur Bushaltestelle bzw. zu dem blauen „KTEL“ – Schild an der Straße und stelle mein Gepäck ab. Hinter mir ist eine Art Baustoffhandel und ein vor seiner Hütte angeleinter, deutscher Schäferhund begrüßt mich mit einem mehr oder weniger freundlichen Bellen. Leider fristen Haus-Hunde auf Kreta oft ein armseliges Dasein, und man sieht häufig vernachlässigte und gepeinigte Tiere, die, als vermeintliche Wachhunde, angekettet der Hitze ausgesetzt sind und nur noch aphatisch vor sich hinvegetieren. Oft sind sie nicht mal mehr in der Lage anzuschlagen, da sie komplett gebrochen sind.

Da auch ich voll der Mittagssonne ausgesetzt bin, aber glücklicherweise frei, gehe ich nach ein paar Minuten ohne mein Gepäck auf die gegenüberliegende Straßenseite und setze mich in das Wartehäuschen in den Schatten, meinen Rucksack am Straßenrand gegenüber im Auge behaltend. Die Straße wird in der Mitte durch eine breite Verkehrsinsel geteilt, die aus massivem, weiß gestrichenem Beton besteht, und deren scharfe Bordkante mindestens 30 cm hoch ist. Sinn und Zweck dieses Straßenbau-Phänomens erschließt sich mir leider nicht, ich vermute aber, dass an diesem Hindernis bei Dunkelheit schon so manch einer sein Auto zu Schrott gefahren hat. Ein Bus-Bahnsteig kann es auch nicht sein, da der Einstieg auf der jeweils anderen Seite liegt, und die Stelle hier nicht den Eindruck macht, als wenn hier überhaupt schonmal jemand auf den Bus wartet. Vielleicht hätte man stattdessen besser Haltestreifen am Straßenrand angelegt, da der Bus nur mitten auf der Fahrspur halten kann.

Nach ca. 15 Minuten kommt plötzlich ein moderner Minoan Lines-Bus von der leicht abschüssigen Straße von Gázi mit solch hoher Geschwindigkeit angerauscht, dass ich kaum Zeit hab, mich bemerkbar zu machen. Er scheint mein herrenloses Gepäck und mich aber gesehen zu haben, bremst hart und bleibt ca. 25 m von der Halte entfernt mitten auf der Straße stehen. Ich renne mit meinen Säcken wieder Richtung Bus und sehe schon, wie die seitliche Gepäckklappe ferngesteuert auffährt. Verstaue sofort mein „Bagás“ und steige vorne beim Fahrer ein. Einmal Anógia: 4,30 €.

Über Arolíthos, Tílissos, Goniés schraubt sich die Straße allmählich durch das Vorgebirge des Psilorítis nach Anógia hoch, das in einer Höhe von ca. 800 m als das größte Bergdorf Kretas gilt und eine bewegende, gerade für Deutsche sehr unrühmliche Geschichte hat…

Auf der Fahrt hat man herrliche Blicke zurück auf die Nordküste mit Heráklion und Umgebung, und die Berglandschaft wird immer imposanter. Anfangs sehr grün mit viel Oliven-und Weinanbau, und je höher man kommt, um so trockener und kahler. Immer wieder habe ich den Gedanken, einfach mal unterwegs auszusteigen, insbesondere in Tílissos, um die Gegend zu erkunden und einige Tage dort zu verbringen. Ich bleibe aber bei meinem Vorhaben, direkt nach Anógia durchzufahren und von hier aus einige Touren zu unternehmen. Alles kann ich mir ohnehin nicht angucken, dafür ist der „Kontinent“ Kreta einfach zu gewaltig, und man bräuchte sehr viel Zeit und Geld und natürlich Unabhängigkeit.

In Anógia steige ich an der ersten Busstation am Anfang des Ortes aus und gehe erstmal auf den neu angelegten Vorplatz einer Krankenstation in einem älteren, gut restaurierten Gebäude. Dahinter führt am Ortsrand eine Umgehungsstraße zur Hauptstraße durch den Ort, wo sich laut „Fohrer“ die meisten Unterkunftsmöglichkeiten, teilweise mit schönem Fernblick auf die Berge, befinden. Der Himmel ist tiefblau, absolut wolkenlos und es ist nicht zu heiß. Nach einer Zigarette gehe ich erstmal die abschüssige Hauptstraße durch den Ort hinunter. Auf beiden Seiten kleine Geschäfte, Tavernen, Kafeníons etc. und mir fällt sofort auf, dass alles untypisch gepflegt ist, und die schmale Einbahnstraße durchgehend neu gepflastert zu sein scheint. Neue Straßenlaternen säumen den Weg. Getreu meiner Devise, zunächst mal die Eckpunkte abzustecken, gehe ich fast bis zum Ende des Dorfes. Die Straße zieht sich einige hundert Meter bis bis zum Ortsende hin.

Da es gerade mal gegen 2 Uhr mittags ist, befinden sich kaum Leute auf der Straße, es ist Ruhezeit. Fast am Ende des Ortes setze ich mich auf die Terrasse eines kleinen Kafeníons, wo am Tisch neben mir noch 2 junge Männer sitzen. Ich stelle mein Gepäck ab, bestelle bei einer jungen Griechin ein Bier (Flasche Amstel 0,3 l ) und proste mir zu meiner bisher reibungslos verlaufenen Etappe zu.

Da das Bergdorf unterhalb des höchsten Gipfels Kretas stark von Wanderern und Bergsteigern frequentiert wird, die vor allem auf die NidaHochebene wollen, um dann den „Timios Stavros(Gipfel des Psilorítis) zu besteigen, werde ich zwar etwas neugierig, aber nicht wie ein Außerirdischer beäugt. Ich hatte ein paar Worte mit der Kellnerin auf Griechisch gewechselt und höre, wie der dunkelbärtige, junge Mann am Nebentisch zu seinem Kumpel sagt: „ milái Elliniká“ ( der spricht griechisch). Er fragt mich, woher ich komme und ich entgegne, dass ich Deutscher sei und nur ein wenig Griechisch spräche. Er sei aus Anógia und sein Freund, der fließend griechisch spricht, sei Moldawier. Dieser sieht wirklich auch alles andere als griechisch aus, denn hat mit seinem hellen Teint und den blonden, kurzen Haaren tatsächlich einen slawischen Einschlag. Ein freundlicher, gut gelaunter Mensch, der vielleicht 30 Jahre alt ist, aber von Sonne und wahrscheinlich harter Arbeit gezeichnet. Er muss auch wieder an die Arbeit, verabschiedet sich und geht. Mit dem Anógier unterhalte ich mich noch ein wenig und erfahre, dass es hier im Oberdorf „Armí“ mehr Möglichkeiten gäbe, ein Zimmer zu mieten, als im Unterdorf „Perachóri“. Ich würde schon was bekommen. Die Preise lägen so bei 30 € die Nacht, was er von sich aus erwähnt, ohne dass ich ihn danach frage.

Mir kommt es gelegen, dass ich nicht schon heute die steilen Gassen zum viel tiefer gelegenen Unterdorf hinunterlaufen muss, um möglicherweise unverrichteter Dinge mit meinem Gepäck wieder hochklettern zu müssen. „Perachóri“ will ich mir später anschauen. Laut „Fohrer“ ist es der traditionellere Teil von Anógia mit einem schönen, runden Dorfplatz, an dem einige Handwerksläden und Tavernen liegen.

Nach ca. 1 Stunde und einem weiteren, kühlen Bier bin ich bereit, mich auf die Zimmersuche zu begeben. Ich gehe also wieder die Hauptstraße hoch und sehe einige LKW ankommen, mit Massen von weißen Plastikstühlen und – tischen beladen. Es wird damit begonnen, die Stühle und Tische auf der Straße aufzubauen. Hier gibt’s wohl was zu feiern….

Im oberen Ortsdrittel rechts hatte ich schon beim Runtergehen „Rent Rooms Arcadia“, ein älteres Gebäude, gesehen. Da das Gelände dahinter stark abschüssig ist, und man zwischen der Bebauung auf die weite Berglandschaft schauen kann, gehe ich davon aus, dass ich hier ein Zimmer mit herrlichem Panoramablick bekommen kann. Ich gehe auf den schönen, baumbeschatteten, kleinen Vorhof des Hauses und ein junges Mädchen ruft sofort nach seiner „Jája“ (Oma). Die ältere, in schwarz gekleidete und selbstbewußt wirkende Dame kommt aus Ihrem kleinen Wohnbereich, und ich frage sie nach einem Domátio für 3 Nächte. Sie bejaht freundlich, dass sie was frei habe, und ich folge ihr eine Außentreppe hoch ins Obergeschoss. Mir fällt auf, dass sie nicht ganz rund läuft und Arm und Hand unentwegt zittern. Wahrscheinlich Parkinson. Sie zeigt mir ein winziges Zimmer mit 2 Einzelbetten, allerdings sehr dunkel und gänzlich ohne Fenster. Das einfache, in die Jahre gekommene Bad mit WC liegt außerhalb auf dem Treppenpodest. Mit dem Bad hätte ich keine Probleme, aber das düstere Zimmer ohne Tageslicht möchte ich mir nicht antun. Zu knastartig, im Notfall o.K., aber nicht jetzt. Der Preis wäre 25 € die Nacht. Wir verbleiben so, dass ich mich noch weiter umschaue und ich gegebenenfalls wiederkomme.

Ich gehe wieder bis zum Ortsanfang hoch und dann zurück in die Parallelstraße mit den besagten Hotels und Pensionen. Am Anfang der Straße hat man einen sehr schönen Weitblick über das Umland nach Westen auf die Berge. Die Straße führt am Rand des Ortes zum Teil steil hinunter und die Pensionen, mit Namen wie Marina, Aristea, Aris auf der rechten Seite sind mit Ihren Balkonen alle auf Bergsicht ausgerichtet. Irgendwie erscheint mir alles immer noch wie ausgestorben, obwohl es mittlerweile so 4-5 Uhr ist, und ich kann nirgendwo jemanden erkennen, den ich mal ansprechen könnte. Ich bin es aus vielen, kleineren Orten gewöhnt, dass die Zimmeranbieter, meist die Frauen, schon aus Kilometern Entfernung wittern, wenn sich neue Gäste dem Ort nähern und diese dann oft schon am Ortseingang abfangen: „Room? You want room?“ Nur dann nicht, wenn alles bis auf Weiteres belegt ist, was aber relativ selten vorkommt.

Ich gehe die stark abfallende Straße wieder ganz runter bis zum Ortsende, wo sie sich am Ortsausgang mit der Hauptstraße trifft, mache auf einer kleinen Mauer an einer Schule ein Zigarettenpäuschen und kehre wieder um. Rucksack und Füße werden langsam wieder schwer. An der Pension Aris finde ich eine Klingel, eine freundliche alte Frau öffnet mir und sagt mir sofort, dass sie kein Zimmer mehr frei hätte und überhaupt im ganzen Ort keine Unterkunft mehr zu bekommen sei, weil: Gámos íne! (Es ist Hochzeit!). Sie hätte schon für andere Gäste überall herumtelefoniert, aber es wäre alles ausgebucht. Ich könnte es ja mal in Zonianá versuchen, da würde ich bestimmt fündig.

Jetzt weiß ich auch, wozu auf der Hauptstraße die Möblierung stattfindet und mir wird klar, dass ich einen Tag erwischt habe, wo Anógia sich im Ausnahmezustand befindet, und wahrscheinlich Freunde und Verwandte des Brautpaares aus aller Welt sich in Anógia einmieten, um das große Fest zu feiern. Die Aussage: „Es ist Hochzeit!“ kann ja nur heißen, dass das ganze Dorf Hochzeit feiert.

In das berüchtigte, angeblich von Mafia und Drogenbossen regierte, Zonianá wollte ich erst am nächsten Tag mal hinspazieren. Es liegt ca. 5 km entfernt und ich habe keine Lust dort heute noch hinzugehen oder per Anhalter hinzufahren. Außerdem will ich nicht glauben, dass es keine Übernachtungsmöglichkeit mehr gibt, denn eine, wenn auch dürftige, hatte ich ja schon angeboten bekommen. Notfalls würde ich auch darauf zurückgreifen, da es ja letztlich nur drum geht, ein Bett und eine Dusche zu haben.

Ich verzichte aber darauf, in den Pensionen nebenan auch nochmal anzufragen und gehe quer durch eine Verbindungsgasse ein paar Treppenstufen hoch wieder Richtung Hauptstraße. Ich komme genau gegenüber von „Arcadia Rooms“ aus und stehe auf dem schönen Meidani-Platz mit einer kleinen, uralten Kapelle (Agios Giorgos ) und einigen Kafeníons, wo man schön unter schattenspendenen Platanen sitzen kann und einige Männer Kaffee trinken und Tavli spielen. An der Straße geht mein Blick nach rechts und ich sehe, dass die gesamte Ortsdurchfahrt für den Autoverkehr gesperrt ist und, so weit das Auge reicht, 4 Reihen Tische und Stühle aufgebaut sind, alle mit weißen Tischdecken und bunten Blumen gedeckt. Es sind bestimmt 200 Meter und ich kann das Ende der Tischreihen mit bloßem Auge nicht erkennen.

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Hochzeit in Anógia

Einige Meter oberhalb von Arcádia hatte ich noch ein neueres Gästehaus gesehen, finde aber auch da niemanden, den ich ansprechen könnte. Vor der Taverne Aetos nebenan macht der bärtige und schwarz gekleidete Wirt gerade den Holzkohle-Grill sauber. Auf meine Frage nach der Zimmervermietung geht er sofort zu einem kleinen, alten Häuschen gegenüber und klopft eine ältere Dame raus, die die Vermietung macht. Leider ist sie auch ausgebucht, aber am nächsten Tag würde ein Zimmer frei und ich könnte dann für 2 Nächte unterkommen (30 €/Nacht). Ich könnte ja eine Nacht im Arcádia bleiben und dann 2 Nächte bei Ihr. Ich sage ihr, dass ich eventuell auf das Angebot zurückkäme.

OK, ich gehe wieder zum Arcádia, wo sich auf dem Vorhof unter einem alten Maulbeerbaum die Hausherrin mit Enkelin und Freundin aufhalten und auf einem Stuhl ein uraltes Mütterchen sitzt, wahrscheinlich die Urgroßmutter. Natürlich schwarz gekleidet und mit schwarzem Kopftuch, das Gesicht winzig klein und zerfurcht, starrt sie aus ihren schwarzen Äuglein vor sich hin und macht den Mund wie ein Fisch permanent auf und zu. Auf quer über den Hof gespannten Wäscheleinen sind einige Saríkis aufgereit, die traditionelle, netzartige Kopfbedeckung der kretischen Männer, die mit den kleinen, in die Stirn herunterhängenden Bommeln die Tränen wegen der jahrhundertelangen Herrschaft und Unterdrückung durch die Türken symbolisieren sollen. Alles Handarbeit und in unterschiedlichen Farben, bisher kannte ich sie eigentlich nur in schwarz.

Ich starte nochmal einen Anlauf und sage, dass mich nur stören würde, dass das Zimmer kein Fenster hätte, und ob sie nicht vielleicht noch eine andere Möglichkeit hätte. Und sie hat! Eláte! (Kommen Sie!). Ich folge ihr wieder die Treppe hoch zum Obergeschoss und noch einen kurzen Treppenabsatz höher zeigt sie mir ein großes Zimmer mit 4 Einzelbetten, kleinem Waschbecken, Tisch und Stuhl und kleinem Fenster, von dem aus man zwar kaum Blick hat, weil es fast unter der Zimmerdecke liegt, aber immerhin. Durch eine verglaste Tür im Zimmer geht es eigentlich zu einem kleinen Flur mit Duschbad, welches die Frau aber 2 jungen Damen aus Heráklion im Zimmer nebenan zur alleinigen Nutzung versprochen habe, die eigens zur Hochzeit angereist seien. Ich müßte also unten das draußen gelegene Bad nutzen. Kavéna próvlima! (Kein Problem!). Ich hätte allerdings auch kein Problem damit gehabt, mir das Bad mit den beiden Mädels zu teilen.

Mein Zimmer ist also gebongt und ich gehe nochmal mit runter, um mein Gepäck zu holen. Die Einladung zu einem Kaffee nehme ich gerne an und setze mich auf die Holzbank unterm Baum. Das aufgeweckte Mädchen zappelt mit Ihrer Freundin kichernd um mich rum und versucht ein paar Wörter auf Deutsch zu sprechen, die sie schonmal irgendwo aufgeschnappt hat. Dann preist sie mir ganz im Stil einer angehenden Verkäuferin die Saríkis für 10 € das Stück an. Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich später bestimmt eins kaufen werde und gehe mit meinem Gepäck auf mein Zimmer, um mich etwas frisch zu machen und dann endlich was essen zu gehen. Als ich wieder runter komme, hocken gleich 3 schwarz gekleidete, total zierliche und uralt aussehende Greisinnen zusammen mit meiner Vermieterin auf dem Hof. Unter ihren Kopftüchern schauen nur faustgroße Gesichter hervor, mit tiefdunklen, kleinen Pünktchen-Augen. Urgroßmutter macht weiterhin nur den Mund auf und zu. Ein unglaublich eindrucksvolles Bild, wie ich es live noch nie gesehen habe. Leider denke ich in diesem Moment nicht daran zu fragen, ob ich ein Foto machen dürfe. Schade!

Níki, meiner Vermieterin, drücke ich die 75 € für das Zimmer in die Hand und gehe zum Essen in die Taverne Aetos. Hier bin ich um diese Zeit der einzige Gast. Ich setze mich vorne in die Nähe des Eingangs und bestelle bei dem urigen Wirt, dessen Bekanntschaft ich ja bereits gemacht habe, Macarónia Anthótiro (Spaghetti mit geriebenem Ziegenkäse), die im Fohrer als hiesige Spezialität beschrieben werden. Dazu einen Retsína.

Manólis, der Wirt, ist ziemlich damit beschäftigt, klar Schiff zu machen und schließt schonmal einen Flügel der großen Eingangstür. Heute geht hier im Lokal nichts mehr: Gámos ine!

Bevor ich bezahle, gehe ich nochmal kurz bis zum hinteren Ende der großen, rustikal eingerichteten Taverne und komme auf eine riesige Terrasse mit fantastischem Weitblick über Anógia hinweg auf das Psilorítis-Gebirge. Als ich mich verabschiede, rät mir der Wirt nochmal eindringlich dazu, heute abend auf die Hochzeitsfeier zu kommen, denn es sei Sitte, dass bei solch einem Fest jeder eingeladen sei, der sich zu diesem Zeitpunkt im Dorf aufhält. Egal, ob Tourist oder sonst wer. Und ich bräuchte keine Hemmungen zu haben, mich an die festlich gedeckten Tische zu setzen und könnte soviel essen und trinken wie ich wollte.

Noch weiß ich nicht, wie das Ganze wirklich aussehen wird, denn von griechischen bzw. kretischen Hochzeiten habe ich zwar schon gehört, aber noch an keiner teilgenommen. So lasse ich es mal auf mich zukommen.

Ich gehe zurück auf mein Zimmer, um was zu kramen und zu duschen und mache mich dann noch zu einem Spaziergang auf. Durch die noch unbesetzten Tischreihen hindurch gehe ich am Ende des Ortes eine steile Gasse hinunter und komme auf eine schmale Parallelstraße, die ins Unterdorf Perachóri führt. Im Ortskern komme ich zuerst an einigen kleinen Souvenir-und Schmuckläden vorbei bevor ich die schöne Plátia mit ihren Kafenions, Tavernen und kleinen Läden erreiche, in denen Frauen die für Anógia typischen Schafwollteppiche, Stickereien, Sarikis etc. zum Kauf anbieten. Alles selbstverständlich Handarbeit, wobei man auch als Laie erkennen kann, dass manches mittlerweile auch Massenware aus Fernost ist. Der Ort ist wirklich ein urkretisches Idyll, welches für den Tourismus, insbesondere auch Tagesausflügler, entsprechend aufgehübscht wurde.

Ich gehe quer über den Platz am Geburtshaus des berühmten Lyra-Spielers Níkos Xiloúris vorbei fast bis zum Ortsausgang Richtung Áxos, kehre wieder um und setze mich auf die Terrasse der ersten Taverne rechts auf der Plátia. Noch bin ich hier der erste Gast, bestelle mir ein Mythos 0,5 l und esse nichts, obwohl mir angesichts der großen Rippenstücke von Lamm und Ziege, die bereits auf dem Flammengrill brutzeln, das Wasser im Mund zusammenläuft. Aber ich bin ja schließlich noch zum Festtagsschmaus auf die Hochzeit eingeladen und will mich jetzt nicht schon satt essen.

Ich verbringe eine ganze Weile hier, habe auch WLAN-Empfang, um über Whats-App ein Lebenszeichen von mir in die Heimat zu schicken, und mache mich in der Dunkelheit wieder gen Oberdorf auf. Als ich zahlen will, winkt der Wirt ab: Das Bier geht auf´s Haus! Efcharistó pára polí!

Ich hatte zwischendurch von ihm erfahren, dass er jeden Abend das Fleisch vom Flammengrill anbieten würde und er hatte bestimmt gerochen, dass ich nicht nur auf der Durchreise war. Deshalb durfte er auch damit rechnen, dass ich wiederkommen würde.

Nichts gegen kretische Gastfreundschaft, aber es ist nunmal so, dass gerade in den Touristenorten, vor allem an der Küste, wo die vielen Tavernen um die Gäste buhlen, ein unglaubliches Gespür dafür besteht, ob neue Kunden nur Eintagsfliegen sind oder sie sich für 2-3 Wochen einnisten. Jedenfalls werden sie beim ersten Besuch extrem verwöhnt und es wird ihnen das ein oder andere Getränk ausgegeben. Man gibt den Kunden das Gefühl, dass sie ungeheuer symphatisch und was Besonderes sind. Der Grund ist aber eher der, dass man versucht, neue Stammgäste für den jeweiligen Aufenthaltszeitraum zu zu gewinnen.
Aber wie sagt der Franzose: Honi soit, qui mal y pense! Ein Tor, der Böses dabei denkt! Denn Klappern gehört nunmal zum Handwerk, und besser freundlich und zuvorkommend, als das Gegenteil.

K800_K800_20160820_204838Lamm und Ziege vom Flammengrill

Ich gehe ein schmales Sträßchen mit langer Steigung parallel zum Oberdorf hoch und biege dann links in das Labyrinth von steilen, verwinkelten Gassen hoch zum Ortszentrum ab. Oben in Armi angekommen, stehe ich plötzlich mitten im Gewühl der Hochzeitsfeier. Die Tischreihen sind voll besetzt und durch die Menge von Leuten gibt es kaum ein Durchkommen. Geschätzt sind es mehr als 2000 Gäste. Ich stehe zufällig genau auf der Ecke einer Art Schlachterei, aus der Horden von Helfern in weißen Hemden und schwarzen Hosen am laufenden Band riesige Holztabletts, hoch gefüllt mit Fleischbergen, durch die Tischreihen jonglieren. Ich kann in der Ferne nicht erkennen, ob die hunderte Meter lange Fressmeile auch vom Ende her mit Fleisch versorgt wird. Es sieht mir eher so aus, dass die Fleischtransporteure eine Kette bilden, um auch die hintersten Tische bedienen zu können. Alles geht sehr schnell, aber irgendwie geordnet zu, und man scheint Routine darin zu haben, diese logistische Herausforderung zu bewältigen. Leider kriege ich nicht raus, wie diese Unmengen von Schaf-und Ziegenfleisch zubereitet wurden. Ich kann mir nur vorstellen, dass sie tagsüber in riesigen Öfen gebraten und dann nur noch irgendwie warm gehalten wurden. Man darf sich jetzt nicht vorstellen, dass es sich um schön angeordnete Lammkarrées o.ä. handelte, sondern eher um grobschlächtig zerhackte Tierhälften. In dem verglasten Eingangsraum der „Fleischfabrik“ sind die Frauen damit beschäftigt, aus großen Plastik-Bottichen wie am Fließband griechischen Salat und Schafskäse mit der Hand auf Teller zu klatschen, die dann mit Brot zu dem Fleischgelage serviert werden. Darüberhinaus natürlich große Mengen Tsatsiki.

Auf den Tischen sind ca. alle 2 Meter jeweils 1 große Flasche Cola, Wasser und Roséwein angerichtet.

Am nächsten Tag frage ich Niki, meine Vermieterin, wieviele Tiere denn für dieses Gelage hätten dran glauben müssen, und sie schätzt, dass es mindestens 200! gewesen sein müssen.

Anógia und Umgebung ist auf Kreta ein Zentrum der Schaf-und Ziegenzucht, und da kommt es wohl auf 200 Tiere mehr oder weniger nicht an.

Vor einer Apotheke schräg gegenüber ist eine hohe Bühne aufgebaut, auf der eine Gruppe von 7 Musikern für den musikalischen Teil des Abends sorgen. Sie sitzen nebeneinander auf Stühlen und spielen vorwiegend die traditionellen kretischen Mantinádes, eine Art Sprechgesang, in dem alltägliche Geschichten erzählt werden. Die Lýra- und Laoúto-Spieler wechseln sich in Ihrem Gesang ab, und die Stücke zeichnen sich durch eine immer weiter steigernde Geschwindigkeit aus, die in einem unglaublichen Tremolo gipfelt, welches nie aufzuhören scheint und dann plötzlich und schlagartig verstummt.

Einige Lieder kenne ich von Auftritten eines Laoúto (auch „Lout“ )-Spielers in Léntas namens Antónis Germanákis , dessen kürzlich verstorbener Großvater Michális Daskalákis von der Taverne Méltemi auch ein guter Lýra-Spieler und Sänger war.

Vor der Bühne tanzen die Leute dazu Ihre kretischen Tänze. Viele Männer sind traditionell festlich gekleidet, ganz in schwarz und mit weißen Saríkis um die Schultern. Mir fällt auf, dass ich der einzige Mann bin, der hier in Shorts herumläuft, für die Einheimischen wahrscheinlich ein absolutes „No go“.

Ich bin von den ganzen Eindrücken derart fasziniert, dass ich mich bestimmt eine Stunde lang kaum vom Fleck rühre und noch nicht einmal ans Essen und Trinken denke, denn davon steht Einiges herum und ich bräuchte nur zuzugreifen. Erst nach einer Weile denke ich daran, zumindest ein paar Handyfotos von der Szenerie zu machen, die wegen der Lichtverhältnisse allerdings nicht besonders gut werden.

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Natürlich sind das Momente, die man dann doch gerne mit jemandem teilen würde. Aber so teile ich sie eben mit mir selbst und denke, wie gut, dass ich bei meiner Ankunft vor ein paar Tagen in Heraklion den Bus direkt nach Anógia verpasst habe.

Langsam bewege ich mich ein wenig durch die Menge und sehe einen schwarz gekleideten, stattlichen, dicken Popen da stehen, der das Treiben mit zufriedener Miene verfolgt. Er kommt mir sofort aus einer kürzlich gesendeten „Wunderschön…“-Folge „Kreta“ aus dem 3. Programm bekannt vor, in der die Moderatorin im benachbarten Zonianá einen Popen zur „Waffen-Narretei“ interviewt. Ich fasse mir ein Herz, ihn darauf anzusprechen, aber er sagt, dass er schonmal von der englischen BBC interviewt worden sei und er es nicht sein könne, es müsse sein Kollege in Zonianá gewesen sein. Er sei der Pope von Anógia. Ich solle mich doch hinsetzen und essen und trinken.

Ich hätte schwören können, dass er es war, den ich im TV gesehen hatte.

Ich folge schließlich der erneuten Aufforderung und gehe wieder zu den mittlerweile etwas gelichteten Tischen hin. Eine nette Frau schüttet mir auf meine Frage hin, ob das farbige Getränk vor ihr Wein sei, ein Glas 0,2 randvoll und prostet mir freundlich zu: Jámmas!

Ich mache mich ein wenig Abseits und etwas unsicher an die noch üppig vorhandenen, appetitlichen Keulen – und Rippenstücke ran. Viel esse ich nicht, weil mir vor lauter unfassbarer Eindrücke der Appetit fast vergangen ist und ich trinke über den ganzen Abend mal gerade dieses eine Glas Wein. Wer mich kennt, weiß, was das heißt.

Langsam holen sich die Leute auch Ihren Nachtisch, Risógalo, ich glaube auch einfach Pilaw genannt, einen Milchreis. Nicht mein Ding.

Es ergibt sich nicht, dass ich mit einer Gruppe, größtenteils Familien, ins Gespräch kommen, lege es aber auch nicht drauf an, weil ich mich lieber noch was bewegen möchte. Ich gehe langsam wieder durch die Menge in Richtung meines Domizils. Auf der Straße hinter der Tanzfläche hoch sind noch meterweit Bankreihen aus Holz aufgestellt, die voll mit überwiegend jungen Männern besetzt sind. Ich zwänge mich durch die Gasse in der Mitte und setze mich noch was dazu. Dann beobachte ich, wie das Gelage allmählich in archaische Welten abdriftet. Der Rakí fließt natürlich in Strömen, und die „echten Kerle“, die natürlich ihre eigenen Messer in allen möglichen Formen dabeihaben, holen sich einer nach dem anderen Nachschub in Form von riesigen Rippenreihen Lamm und Ziege, zerteilen diese in professioneller Manier auf Ihren Oberschenkeln und verteilen sie unter ihren Freunden. Der Boden und überhaupt alles ist übersät mit Gerippe, an dem noch soviel Fleisch hängt, dass die ganze Gesellschaft davon nochmal satt werden könnte. Das Ganze gipfelt schließlich darin, dass einige Männer aufstehen und, mit harfenähnlichen Rippenstücken, die sie wie Trophäen in die Luft strecken, triumphierend in Richtung Tanzfläche ziehen.

Bald werde ich bettschwer und denke, dass es besser ist, zu gehen, wenn´s am schönsten ist, und mache mich zu meinem nur noch weniger Meter entfernten Zimmer auf. Ich glaube, ich habe genug, viel mehr brauche ich nicht und ich versuche zu schlafen. Gegen 4 Uhr wache ich aus meinem Halbschlaf auf und höre laute Gewehrsalven.

Morgen geht’s zufuß nach Zonianá.

Zonianá

Nach dem Aufwachen bleibe ich noch eine Zeit liegen, um erstmal zu realisieren, was gestern war und wo ich eigentlich bin.
An dem Heizkörper deutschen Fabrikats sehe ich, dass das Haus eine Zentralheizung hat, was ich an der Südküste, wo ich bisher immer Urlaub gemacht habe, noch nie gesehen habe. Wegen der Lage ca. 800 m ü.NN ist das wohl nötig und ich denke, dass es nicht nur im Winter sondern auch in den Übergangszeiten Frühling/Herbst schonmal ziemlich kalt werden kann.

Die dünnen Rohre, die über Putz zu dem Heizkörper führen, kommen in der gegenüberliegenden Wand an und sind in abenteuerlicher Weise über Wände und Decke verlegt. So als ob man mit Gewalt versucht hätte, sie bloß nicht gerade zu verlegen. Der Raum ist mindestens 3 Meter hoch und man sieht, dass das Haus schon etliche Jährchen auf dem Buckel hat. Der Wand u. Deckenputz scheint schonmal zum großen Teil runtergefallen zu sein, ist aber neu, weiß gestrichen worden. Es scheint, als habe man mit dem Quast solange literweise Farbe an die Wand geklatscht, bis die fehlenden und losen Putz-und Farbstellen genügend verklebt waren und nicht mehr abfallen konnten. Wie ich es aus vielen alten Häusern kenne, würde es dem (Do it yourself-) Anstreicher niemals in den Sinn kommen, irgendwelche Einrichtungen abzuhängen oder gar abzukleben, sondern, was im Weg ist, wird mitgestrichen. Sei es auch der Spiegel mit Ablage über dem Waschbecken (und dieses selbst) oder Lichtschalter, Steckdosen und Fensterrahmen. Es ist den Leuten schlichtweg egal und es würde niemand auf die Idee kommen, danebengegangene Farbe vielleicht auch noch abzuwischen!

Ich muss gestehen, dass ich zuhause in diesen Sachen schon etwas empfindlich und perfektionistisch bin. Es fällt mir allerdings auch nicht schwer, exakt zu arbeiten. Aber wie schon erwähnt, kenne ich es von hier nicht anders und es muss so sein. Irgendwie spielt auch ein bisschen Bewunderung mit, dass einfach kein Wert auf solche Äußerlichkeiten gelegt wird, und man sich somit auch nicht darüber aufregen muss. Vielleicht macht es das Leben einfacher. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für die Klamotten, mit denen du ankommst (es sei denn, du bist Gast im Elite-Resort…)

Als ich mich im Badezimmer draußen auf dem Treppenabsatz frisch mache, wird das Ganze noch getoppt. Eine mit unisolierten Lüsterklemmen geflickte Stromleitung hängt schaukelnd im Duschbereich und Heiz- u. Wasserleitungen sind kreuz und quer verlegt. Die überaus aparten Blümchenfliesen, Sitzbadewanne mit Duschvorrichtung und die losen Armaturen sind in einem schlechten Zustand. Als Kontrast hierzu steht in der Ecke des kleinen Raumes eine neuwertige Waschmaschine auf der aller möglicher Toiletten-Krimskrams steht, der wohl von den Hauseigentümern genutzt wird. Das Wichtigste liegt für mich bereit: Ein großes Badetuch, ein Handtuch, Klopapier. Angebrochenes Duschgel steht genügend herum. Ich hänge mein Kulturbeutelchen an einen Handtuchhaken und markiere damit meine Badezimmer-Mitnutzung für die nächsten 2 Tage.

Frisch geduscht brauche ich erstmal einen starken Kaffee und gehe mit meiner angebrochenen Dose Neßcafé aus Ligaría nach unten, wo sich unterhalb des Treppenbereichs die kleine, überdachte Außen-/Innenküche befindet. Ich begrüße eine junge Frau ca. Anfang 30, die die Tochter der Vermieterin zu sein scheint und frage sie, ob ich mir einen Kaffee machen könne. Kommt natürlich nicht infrage, sie macht ihn mir: Glikó chorís gála ( schwarz mit Zucker, ohne Milch). Ich setze mich wieder auf die Bank unter den Baum und wir wechseln einige Worte. Außer ihr sehe ich niemanden im Haus, aber ich habe jetzt die Bekanntschaft von 4 Generationen gemacht: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Töchterchen.

Ein gutes Frühstück muss jetzt her und ich gehe die Hauptstraße runter durch den Ort. Es ist gegen 10 Uhr und von dem Straßenfest von gestern ist fast nichts mehr zu sehen. Tische und Stühle und auch die Bühne sind größtenteils abgebaut und nur vereinzelt liegen noch einige zusammengekehrte Müllhaufen rum. Einige Leute sind noch mit Aufräumen und Saubermachen beschäftigt, aber das Leben geht weiter wie an einem ganz normalen Sonntagmorgen, als wäre gestern nichts gewesen.

Da hier oben in Armí kein Frühstück angeboten wird, gehe ich wieder ins Unterdorf nach Perachóri und frühstücke in einem kleinen Café unter Bäumen auf dem schönen Platz. Am Nebentisch sitzt ein junges Paar aus Deutschland und empfiehlt mir das Omelett mit Käse, was ich dann auch nehme und ok ist.

Zurück im Oberdorf gelange ich über eine steile Treppe auf einen größeren Platz mit einem Denkmal, das ich mir etwas genauer anschaue. In griechischer und deutscher Schrift ist hier der Wehrmachtsbefehl des deutschen Ober-Kommandeurs H. Müller in Stein gemeißelt, der während der Besatzung Kretas im 2. Weltkrieg wegen eines Partisanenaktes befahl, Anógia dem Erdboden gleich zu machen und alle männlichen Dorfbewohner, die sich zu diesem Zeitpunkt in Anógia und Umgebung aufhielten, zu erschießen. Die Namen der vielen Opfer sind hier ebenfalls verewigt.

K800_K800_20160821_124111Ohne Worte

Der Gedanke, dass irgendwelche braunen, uniformierten Horden einfach in ferne, friedliche Gegenden einfallen, die überwiegend von Ziegenhirten bewohnt werden und die mit der Weltpolitik nun wirklich nicht viel zu tun haben können, die Häuser zerstören und die Menschen massakrieren, ist ziemlich unerträglich.

Ich bekomme ein mulmiges Gefühl angesichts der Tatsache, dass ich gestern als Deutscher nur 70 Jahre später hier zu einem Dorffest eingeladen bin, unbekümmert mitfeiern darf und keinerlei Ressentiments erfahre. Auch wenn ich für diese Barbarei keine Mitverantwortung trage, schäme ich mich als Deutscher dafür und würde mich am liebsten bei den alten Männern, die am Rand des Platzes auf der Bank sitzen, entschuldigen.

Es war nicht das erste Mal, dass Anógia zerstört wurde (wie auch viele andere kretische Dörfer). Im 19. Jahrhundert waren es die türkischen Besatzer, die das Dorf sogar 2 Mal niederbrannten.

Dass sich aus der jahrhundertelangen, leidvollen Besatzungs-Geschichte Kretas ein starker Freiheits- und Widerstandsdrang entwickelte, ist nur allzu verständlich, und der traditionelle Waffenbesitz ist wohl u.a. auch darin begründet.

Ich kaufe mir noch 2 Flaschen Wasser und gehe zurück zu meinem Zimmer, um mein Daypack zu holen. Dann starte ich meinen Fußweg ins legendäre Zonianá, das Dorf mit eigenen Gesetzen, wo es angeblich mehr Waffen als Einwohner gibt, und die „Drogen-und Waffenbarone“ regieren. Das Hinweisschild am unteren Ortsausgang zeigt 5 km bis Zonianá, was in 1 Stunde zu schaffen sein muss. Ich gehe links die Straße entlang – es begegnen mir nur wenige Autos und sonst keine Menschenseele. Die Gegend ringsum ist leicht bewaldet und es gibt nichts Besonderes zu sehen. Nach gut einer dreiviertel Stunde komme ich an den Abzweig links nach Zonianá, noch 2 km.

Entfernungsangaben auf Wegweisern sind auf Kreta immer skeptisch zu betrachten – es kommt häufiger vor, dass z.B. 5 km angezeigt werden und dann nach ca. 5 km wieder 5 km angezeigt werden(kommt in Deutschland aber auch vor).

Nach einigen Metern geht auf der Straße nach Zonianá rechts ein Weg zu einer Taverne ab. Ich beschließe, dort ein Päuschen einzulegen. Nach ca. 50 Metern an einer langen, neu erstellten Natursteinmauer entlang komme zu der ebenfalls ziemlich neu wirkenden, in gelblichem Putz gehaltenen „Landtaverne“ mit überdachter Außenterrasse. Das gesamte Anwesen scheint neu angelegt zu sein und liegt sehr schön in einem Olivenwäldchen und ich sehe am Ende des staubigen Vorplatzes auf einer Anhöhe eine krippenähnliche Behausung unter Bäumen mit allerlei Getier. Hühner, Gänse, Schafe, Ziegen, Hütehund etc. wohnen hier in einer offensichtlich gut funktionierenden und friedlichen WG.

Ich setze mich auf die Terrasse an einen mit einer gelben Stofftischdecke gedeckten Tisch und rauche erst mal eine. Es ist absolute Totenstille und mein Kommen scheint noch niemand bemerkt zu haben, wenn überhaupt jemand da ist. Nach einigen Minuten stehe ich auf, gehe zu der verschlossenen Holz-Glastür und schaue in den großen, dunklen Gastraum. Ein kleiner Hund hat mich gesehen, kommt ohne einen Mukser zur Tür und läuft wieder in den hinteren Bereich. Komischer Hund. Ich setze mich wieder hin und nach wenigen Minuten kommt eine junge Frau heraus. Fifi hat ihr wohl Bescheid gesagt. Vermutlich habe ich sie aus Ihrem Mittagsschlaf geholt. Sie begrüßt mich aber freundlich und ich bestelle ein Bier, was sie mir auch umgehend zusammen mit dem üblichen Snack Tomaten, Oliven, Schafskäse, Wurst und dem harten, zwiebackähnlichen „Dákos“ serviert. Sie setzt sich zu mir und ist neugierig, was mich um Himmels Willen zu dieser Tageszeit auf Ihre Terrasse verschlägt. Englisch spricht sie nicht, und so unterhalten wir uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sie erzählt mir, dass ihr Mann auswärts arbeite und jede freie Minute am Haus und den Außenanlagen arbeiten würde. Ihre Eltern seien erst kürzlich beide verstorben, was sie sehr traurig mache und ich erfahre, dass sie zzt. Ärger mit einem Gänsegeier habe, der ihr schon einige Gänse gerissen hätte.

Als ich zahlen möchte, stelle ich fest, dass ich zu wenig Kleingeld in der Tasche habe, um Speis´ und Trank und Trinkgeld zu bezahlen, und 50 Euro will oder kann sie nicht wechseln. Also lass ich die knapp 2 Euro liegen und der Rest geht mal wieder aufs Haus „Tipota!“ (macht nix, es ist Nichts).

Da ich heute außer Tavernenbesuchen zur Gewissensberuhigung auch mal eine politisch korrekte Dosis Kultur mitbekommen möchte, frage ich sie nach der im „Fohrer“ beschriebenen Tropfsteinhöhle, der „Sfendóni-Höhle“, und sie sagt mir, dass ich sie auf dem Weg nach Zonianá rechts oberhalb vom Ort sehen würde und es wäre nicht weit. Sie hätte jetzt auch geöffnet. Efkaristó pára poli! Andío!

Ich war in meinem Leben noch in keiner Tropfsteinhöhle. Bei der einzigen Gelegenheit auf einer Klassenfahrt nach Attendorn hatte ich mich mit einem Kumpel anderen schönen Dingen gewidmet und mich von der Truppe entfernt.

Die Straße nach Zonianá steigt ca 1-2 Kilometer leicht an und ich sehe oben rechts in der Ferne ein freistehendes, offensichtlich neu angelegtes Besucherzentrum am Fuss der Berge. Ich meine mich erinnern zu können, dass auch hier, wie an vielen anderen touristischen Sehenswürdigkeiten, ein großes Schild mit dem Hinweis stand, dass das Zentrum mit EU-Mitteln gefördert wurde. Man sieht diese Schilder überall auf Kreta, oft auch schon älter und demoliert, ohne Erkennbarkeit irgendeiner Verwirklichung der geplanten Projekte. An den fertiggestellten Projekten weht oft die griechische Flagge und die der EU.

Apropos Schilder: Mir fällt auf, dass viele Straßenschilder relativ neu aussehen und die alten, meist durchlöcherten Schilder ersetzt haben. Es wird wohl nicht lange dauern, bis man wieder hindurchgucken kann, denn es ist ein beliebter Freizeitsport auf Kreta und insbesondere in dieser Gegend, Straßenschilder in jeglicher Form als Zielscheibe zu benutzen und zu durchschießen. Es gehört zum Landschaftsbild.

Hoch oben am Ortsanfang geht ein langer Weg rechts ab zu dem kleinen Gebäudekomplex mit Cafetería, Terrasse und Souvenirlädchen. Es stehen nur wenige Autos da und es ist nicht viel los. Ich frage den Griechen an der Theke im Eingangsbereich nach dem Eintritt in die Höhle und er sagt mir, dass gerade im Moment eine Führung begänne. Er gibt mir ein Infoblatt, ich zahle 5 Euro für das Ticket und gehe draußen einige Natursteintreppen runter bis zum Höhleneingang. Hier wartet schon eine Gruppe von ca.10 Leuten. Der Führer bittet hinein und leitet uns über neu und gut angelegte Metall-Laufstege durch die ca. 3000 m² große Höhle mit 14 Innenräumen, die alle einen eigenen Namen haben. Hin und Wieder wird Halt gemacht und er erzählt einmal auf Englisch und einmal auf Griechisch einiges zur Entstehung und Geschichte der Höhle, die zwar nicht als größte, aber eine der schönsten auf Kreta gilt. Die feingliedrigen und bizarren Tropfsteinformationen, die über zigtausende Jahre entstanden sind, sind zum Teil angestrahlt in Szene gesetzt und könnten die ideale Kulisse für einen Fantasy-Film bilden. Mit gutem Willen lassen sich zufällig entstandene, lebendige Figuren und Gesichter erkennen. In einer Ecke unter dem Höhlengewölbe schaut ein bärtiges Gesicht herab und der Höhlenführer hat mit seiner Bemerkung, dass es Fidel Castro sei, der sich hier verewigt hätte, die Lacher auf seiner Seite. Wie oft mag er das schon gesagt haben, jedesmal mit der Gewissheit diesen Lacher zu platzieren. Ist ja in Ordnung, die Führung hat er professionell und gut gemacht und mein erster, aber wahrscheinlich einziger Höhlentrip hat sich gelohnt.

Die Höhle wurde übrigens nach einem kretischen Widerstandskämper namens „Sfendóni“, benannt, der sich im 2. Weltkrieg hier versteckt haben soll.

Nach einer Stunde Abkühlung bin ich froh, wieder in der Sonne zu sein. Neben der „Höhlenbesichtigungsempfangsstation“ hatte ich schon beim Kommen einen gepflegt angelegten Kräutergarten gesehen, den ich mir noch was näher anschaue. Die Kräuterbüschel sind alle mit Ihrer botanischen Bezeichnung versehen und ich rieche mich eine Weile durch, indem ich von jedem ein bisschen Blüte abknapse und zwischen den Fingerspitzen zerreble. Nur angucken wäre ja langweilig.

Ich bin noch immer auf der Suche nach einem Kraut, dessen ätherische Öle einen ähnlichen Duft verbreiten wie Cannabis Sativa oder Indica. Fährt man auf Kreta mit offenem Fenster durch die Berge, dann kommt einem an manchen Stellen schonmal ein verdammt harziger Geruch in die Nase, der stark an die Hanfpflanze erinnert. Ich weiß noch immer nicht, ob es sich dann um eine versteckte Hanfplantage handelt, oder um eine ähnlich riechende Pflanze. Hab es bisher leider auch noch nicht geschafft, besonders wenn die Familie dabei war, mal bei der plötzlichen Wahrnehmung des Geruchs spontan anzuhalten und, immer der Nase nach, durch die Gegend zu streifen. Selbstverständlich rein aus wissenschaftlichem Interesse….

Leicht beschwingt von den sonnenverwöhnten, intensiv duftenden Kräutern, deren Namen ich zum Teil nicht kenne, mache ich mich auf ins Ortszentrum, sozusagen in die Höhle des Löwen.

Die Hauptstraße windet sich abschüssig an den Wohnhäusern vorbei durch den Ort. Zonianá ist schon ein größeres, sehr langezogenes Dorf mit ein paar Tausend Einwohnern. Wie auch Anógia ist es sogar im Besitz eines recht ordentlichen Fussballplatzes mit kleiner Tribüne, den ich unten in der Ferne am Rand des Dorfes erkennen kann. In besagter WDR-Reportage „Wunderschön: Kreta“ wurde hier das Interview mit dem Dorf-Popen geführt.

Ich gehe mitten auf der Straße. Es ist noch früh am Tag und wieder herrscht Friedhofsruhe. Rechts und links sehe ich einige einfache Kafeneíons, wo sich aber niemand aufhält. Vielleicht hat sich auch schon rumgesprochen, dass sich ein fremder Eindringling dem Dorf nähert und die Leute lauern schon, bis an die Zähne bewaffnet, hinter Fenster und Türen!

Alles Quatsch: I come in peace!

Unter der heißen Sonne muss ich an den 50er Jahre Western-Klassiker „High Noon“ denken, in dem Gary Cooper als einsamer Held und Kämpfer für Gerechtigkeit allein durch das Dorf in Richtung Showdown mit seinem Widersacher schreitet, den Colt zugbereit an seiner Seite. Keiner der Dorfbewohner hilft ihm, alle haben sich in Ihren Häusern verbarrikadiert, manche gucken nur angsterfüllt durch Fensterläden hindurch.

Er erledigt den Chef-Halunken am Ende im Duell und sein Mut und die Gerechtigkeit haben gesiegt. Nun kann er endlich mit seiner gerade angetrauten Liebsten (Grace Kelly) die Stadt verlassen, die er als Ex-Sheriff noch schnell von der Tyrannei der Verbrecherbande befreien mußte.

Die bekannte Filmmusik im Kopf, komme auf einen größeren Platz, zum Zentrum des Dorfes, an dem sich auch ein kleines Wachsfiguren-Museum befindet. Ein älteres Paar sitzt davor und hofft auf Besucher. Ich würde ihnen ja gerne den Gefallen tun, aber ich habe mein Kulturpensum heute erfüllt.

Der Platz wirkt wieder wie ausgestorben. Zum Duellieren ist auch niemand da. Ein paar Kinder mit Fahrrädern beäugen mich neugierig, und es gibt zwar einige Cafés, aber sie sehen, zumindest tagsüber, nicht sehr einladend aus und scheinen geschlossen zu sein. Ich biege rechts ab und komme nach wenigen Minuten auf einen weiteren, leicht abschüssigen Platz mit einigen Tavernen. Auf eine schöne Terrasse mit schattenspendenden Maulbeerbäumen am unteren Rand des Platzes setze ich mich mit dem Rücken an die Tavernenwand so hin, dass ich alles überblicken kann. Um die Ecke an dem Durchgangssträßchen sitzen 4 Jugendliche und spielen Karten. Mit ziemlichem Getöse, so wie es sich gehört. Von mir nehmen sie kaum Notiz, ich bin halt ein Touri.

Eine junge, vorsichtig ausgedrückt etwas unterbelichtet wirkende Kellnerin, kommt heraus und fragt mich, was ich wünsche. Ich bestelle ein Bier und sie fragt, ob ich nichts essen wolle. Ich verneine und sie bringt mir das Bier mit den obligatorischen Mesédes. Trinken, ohne Essen, geht auf Kreta garnicht.

In einer Taverne auf einer Terrasse zu sitzen und das alltägliche Leben zu beobachten bringt mir ehrlich gesagt mehr, als mich auf kunst-kultur-historischen Pfaden zu bewegen. Museumsbesuche ja, aber nur dosiert. Die geballte Menge an Kunstschätzen , von denen jeder einzelne so bedeutungsschwanger ist, das man sich eigentlich 3 Tage damit beschäftigen müßte, erzeugt bei mir oft ein Beklemmungsgefühl und ich muss wieder raus zum Luft holen. Es ist für mich seit jeher wesentlich aufschlussreicher, mich unter Einheimische zu mischen und das aktuelle Leben und Denken der Leute in Echtzeit mitzubekommen, und da ist als Fremder die Kneipe nunmal der naheliegendste Ort.
Auch stundenlang in einer Strand-Taverne sitzen, mit Blick aufs Meer, ist eine meiner Lieblings-(Nicht-) Aktivitäten.

Auf der gegenüberliegenden Terrasse einer Taverne-Pizzeria sitzen einige einheimische Männer und gehen auch dem Nichtstun nach.

Ich sitze bestimmt 2 Stunden hier, lese zwischendurch im „Fohrer“ und die Kellnerin bringt mir immer wieder ungefragt einige Leckereien, insbesondere süße, kleine Trauben zu denen natürlich auch Rakí gehört. Sie will einfach nicht, dass ich möglicherweise mit knurrendem Magen hier sitze und nicht ordentlich versorgt bin.

Hin und wieder kommen Pickups vorbei und ich amüsiere mich über die Tatsache, dass es für kretische Jungs nichts Größeres gibt, als Auto oder Pickup zu fahren, und sie nur auf den Augenblick warten, dass sie, ohne Sitzkissen, so groß sind, dass sie über das Lenkrad schauen. Der gerade vorbeifuhr, war höchsten 14 und ist natürlich mächtig stolz, gesehen zu werden. Deshalb fährt er in kurzen Abständen gleich zweimal vorbei. Das ist aber kein regionales Phänomen, sondern sieht man überall auf Kreta. Polizei gibt’s entweder nicht oder sie schaut weg.

In den Gebrauch von Waffen, insbesondere Schusswaffen, werden die Kinder traditionell hier auch schon früh eingeführt (Donald Trump lässt grüßen )

Es ist nicht lange her, dass die griechische Regierung Militärtruppen geschickt hat, um dem vermeintlich kriminellen Drogen-und Waffenhandel den Garaus zu machen. Der mediale Druck wurde wahrscheinlich zu groß. Ganz Zonianá hat sich ihnen entgegengestellt und es gab wohl eine Schießerei. Am Ende sind angeblich einige Zonianaer in Athen verurteilt worden.

Als ich aufbrechen will habe ich eigentlich nur 2 Bier zu bezahlen, alles andere hatte ich ja nicht bestellt. Und sie will tatsächlich nur 4 Euro haben, was mir echt peinlich wäre. Gute Gelegenheit, meinen 50 Euro Schein quitt zu kriegen, 40 zurück ine kalá: Efkaristó polí kai sto kaló!

Zeitgefühl kommt mir auf Kreta immer schon nach ein paar Tagen abhanden. Die Sonne steht schon tief und eigentlich würde ich ja gerne über einen alten Trampelpfad durch die schöne Landschaft zurückgehen, aber dafür ist es zu spät. Man verläuft sich schon bei Tag ziemlich leicht auf Kreta und ich müßte mich erstmal erkundigen, wo es lang geht. So gehe ich den Weg zurück durch den Ort, der mittlerweile deutlich belebter ist. In allen Kafeneíons sitzen Männer bei ihrem Ellinikó und der Fremde, der allein durchs Dorf streift, fällt natürlich auf. Ich müßte jetzt eigentlich am laufenden Band grüßen, aber um nicht den den Grüß-August abzugeben, schaue ich nur gelöst und gehe meines Weges hoch zum Ortsausgang.

Ich kann nicht unerwähnt lassen, dass vor einer Taverne schon wieder Massen von weißen Plastiktischen und -stühlen aufgebaut werden. Keine Ahnung, was hier schon wieder gefeiert wird. Jedenfalls bin ich heute nicht dabei.

Im oberen Teil des Ortes mache ich einen kleinen Schlenker zum Ortsrand mit Blick über das weite, landschaftlich abwechslungsreiche Tal. Es gäbe bestimmt noch viel zu entdecken hier in Zonianá….

Zwei alte Frauen sitzen strickender und schwätzender Weise auf einem Betondach eines unfertigen Hauses. Ein typisches Bild. Hier ist natürlich Grüßen angesagt.

Ich gehe wieder in Richtung Ortsausgang über die Kreuzung auf die Straße nach Anógia.

Zufuss gehe ich jetzt nicht über die Straße zurück. Ich halte wieder den Daumen raus und es dauert nicht allzu lange, dass ein griechisches Paar mittleren Alters anhält. Sie kommen aus Zonianá und fahren nach Heráklion und können mich bis Anógia mitnehmen. Unterwegs der übliche Small-Talk und ich höre nicht zum ersten Mal, dass Kreta der schönste Teil der Welt sei.

Dem sollte man als Gast nie widersprechen-dem Kreter ist sein Haus, sein Dorf und seine Insel immer heilig.

Am unteren Ortseingang von Anógia lassen sie mich raus und ich gehe ins Unterdorf, um den Tag ausklingen zu lassen. Unterwegs fällt mir auf, dass ich meine Sonnenbrille auf der Rückbank des Autos hab liegen lassen, zum Glück nix Teures.

Ich gehe natürlich in meine Stammtaverne mit dem Flammengrill und warte darauf, dass ich Hunger bekomme. Bis spät in der Nacht sitze ich hier, habe Wlan-Empfang, esse und trinke gemächlich und ausgedehnt, diesmal mit Genuss, natürlich Ziege und Schaf von Grill und alles Mögliche dazu. Der Appetit kommt manchmal beim Essen. Am Ende sieht mein Tisch aus, als hätte eine kleine Gesellschaft hier gesessen. Musste mal sein.

K800_K800_20160821_195220Spätrömische Dekadenz

K800_20160821_105547Anógia-Perachóri

Ich gehe dann nur noch schlafen und morgen will ich hoch zur Nida-Ebene, meinem Freund Zeus einen Besuch abstatten.

Zur Nida-Hochebene mit der etwas oberhalb liegenden „Idäischen Höhle“ (Ídeon Andrón) auf ca. 1.500 m ü.NN fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel. Laut „Fohrer“ kann man früh morgens am Ortsausgang auf der einzigen Straße, die hoch führt, mit einem „Bauerntaxi“ mitfahren, Ziegenhirten, die zu ihren Herden fahren und dann meist auch erst abends wieder zurückfahren.

Da ich nicht gerade ein passionierter Frühaufsteher bin, verzichte ich darauf und lasse es entspannt angehen. Ich lasse es drauf ankommen: Irgendwie komme ich schon hoch und auch wieder runter, und wenn nicht, dann eben nicht.

Nach einem guten Frühstück im Unterdorf mache ich mich gegen Mittag zum oberen Ortsausgang auf, komme an einer großen Käserei vorbei, gehe ein Stück die Serpentine hoch und stelle mich hinter dem letzten Haus, einer Taverne mit großer Terrasse in einer scharfen Linkskurve, an die Straße. Von hier aus hat man einen schönen Blick runter auf das im Berghang in der Mittagssonne liegende Anógia. Ich stehe eine ganze Weile hier und es kommt kein einziges Auto vorbei. Auf der Terrasse der Taverne sitzt ein bärtiger Mann (gewohnt schwarz gekleidet) mit dem Rücken an die Hauswand gelehnt im Schatten und hat mich natürlich längst im Blick. Nach einer Viertelstunde muss ich aus der Sonne raus und stelle mich auf die gegenüberliegende Seite an eine Natursteinmauer unter schattenspendende Bäume. Es kommen nur ganz wenige Fahrzeuge vorbei, deren Fahrer mir signalisieren, dass sie nicht bis zur Ebene hochfahren. Nach weiteren ca. 20 Minuten kommt überhaupt keiner mehr vorbei und ich beschließe, in der Taverne erst mal einen Kaffee zu trinken. Der schon erwähnte Grieche ist wohl der Wirt. Ich setze mich an den Nebentisch und er begrüßt mich freundlich. Nachdem er mir den guten Nescafé, natürlich mit dem obligatorischen Glas Wasser, gemacht hat, setzt er sich wieder hin und fragt mich, wo ich herkomme etc.. Ich solle nur Geduld haben und käme schon hoch zur Nida und auch wieder runter. Nach einigen Minuten kommt ein Auto an, aus dem ein Paar aussteigt und mit Einkaufstaschen bepackt in die Taverne geht. Die Frau nimmt kurz Notiz von mir und kommt wenig später mit einem kleinen Teller voller Zimtgebäck an meinen Tisch.

Ich bedanke mich für die Gastfreundlichkeit, aber mir ist es gleichzeitig etwas unangenehm, da ich zum Einen nicht so sehr auf Süßes stehe und zum Anderen in der Hitze jetzt maximal 1 Höflichkeits-Plätzchen runterbekomme. Der Grieche und ich wechseln noch ein paar Worte, dann bezahle ich und will mich wieder an die Straße stellen. Die Wirtin bekommt dies natürlich mit und kommt mit einem Frühstücksbeutel für die Kekse angerannt, packt diese ein und gibt sie mir als Proviant für die Bergtour mit. Voll nett.

Ich stelle mich wieder an die Straße und warte einige Minuten bis ich einen weißen Kleinwagen unten von Anógia hinaufkommen sehe. Der Tavernenwirt weiß natürlich, wer da kommt, und springt die Treppen runter mitten auf die Straße, hält den Wagen an und gibt dem Fahrer zu Verstehen, dass er mich mitnehmen solle. Ich freue mich, gehe hin und steige ein. Ein junger Mann, vielleicht 20, grüßt mich und wir fahren los. Er erzählt mir, dass er der Inhaber der einzigen Gaststätte sei, die oben auf der Hochebene ist. (Laut Fohrer Ausgabe 2012 war das Gasthaus verlassen und nicht in Betrieb. Der junge Mann meinte aber zu mir, dass seine Familie es schon seit etlichen Jahren ununterbrochen betreiben würde. Na ja, vielleicht war es ja nur mal kurzzeitig geschlossen)

Als ich einstieg, hatte uns ein roter, nagelneu aussehender Fiat 500 mit 2 jungen Blondinen überholt. Nach wenigen Minuten haben wir das Auto wieder vor uns und überholen es wieder. Beruhigend zu wissen, dass doch noch Andere zur Hochebene hochfahren, die mich dann vielleicht wieder mit hinunter nehmen können.

Der junge Mann fährt die endlos erscheinende Serpentine, die er wohl schon hunderte Male gefahren ist, zügig und routiniert hoch. Die Landschaft wird allmählich zur Steinwüste und man hat immer wieder herrliche Blicke auf die Berglandschaft und auch zurück in Richtung Nordküste. Mein Fahrer deutet auf das Psilorítis-Massiv und fragt mich, ob ich schonmal auf dem „Tímios Stavrós“ (höchster Gipfel Kretas mit 2456 m ü.NN) gewesen sei. Ich verneine, und er erzählt mir, dass er den Gipfel schon 5 Mal bestiegen hätte, schon als kleiner Junge mit seinem Vater, und dass es für ihn immer wieder ein großes Erlebnis sei, die Nacht dort oben mit Freunden zu verbringen. Bei klarer Sicht muss der Ausblick in alle Himmelsrichtungen weit über die Insel hinaus fantastisch sein, vom nächtlichen Sternenhimmel ganz zu schweigen.

Naiverweise versuche ich die ganze Fahrt über den Gipfel zu entdecken, was von hier aber natürlich nicht möglich ist, da man einfach zu nah dran ist und das gewaltige Massiv den Blick versperrt. Ich habe keinerlei Bergsteigererfahrung und bin kein Alpinist, aber das ist hier auch nicht erforderlich. Von der Hochebene aus braucht man ca. 4-5 Stunden und man sollte lediglich gut auf den Beinen sein. Entsprechend geeignetes Schuhwerk für die steinigen und holprigen Wege ist wichtig und natürlich: Viel, viel Wasser. Außerdem sollte man für die Übernachtung auf dem Gipfel Schlafsack, Verpflegung und etwas warme Kleidung dabeihaben, da es auch im Hochsommer schonmal ziemlich kalt werden kann. Mein Fahrer erzählt mir, dass sogar die weit unterhalb des Gipfels liegende Hochebene manchmal noch im Juni schneebedeckt sei, und man besser den Juli abwarten sollte, wenn man auf dem Gipfel nicht von eisiger Kälte und Schnee überrascht werden wollte.

Für mich ist dieses Projekt heute kein Thema. Zum Einen ist es ohnehin schon zu spät am Tage und zum Anderen habe ich nicht die nötige Ausrüstung dabei. Mir reicht heute die Hochebene mit einem Besuch der „Zeus-Höhle“, die etwas oberhalb liegt. Ich kann mir jedoch sehr gut vorstellen, z.B. mal mit einem Freund einen Kurztrip nach Kreta zu machen, eigens für eine Gipfeltour mit Übernachtung. Anógia ist dafür ein sehr guter Ort, um sein „Basislager“ aufzuschlagen.
Mit einem Mietwagen würde sich bestimmt auch der von „Fohrer“ beschriebene Weg zum auf 1760 m Höhe einsam gelegenen Skínakas-Observatorium lohnen, einer von der Universität Kreta zusammen mit dem Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik errichteten Sternwarte. Besonders reizen würde mich hier auch der mögliche Blick auf „die andere Seite“ nach Süden über die Messará-Ebene aufs Libysche Meer. Und es gibt hier einen befahrbaren Weg über Gérgeri nach Záros (bekannt für die Trinkwasserquellen) im Süden.

Nach ca. 25 Minuten hinter einem Pass auf ca. 1500 m taucht links von uns zum ersten Mal in der Ferne die riesige Nida-Ebene auf, auf die mich der junge Kreter sofort ganz stolz hinweist.

Die Straße führt nun wieder leicht abschüssig oberhalb der auf 1370 m Höhe gelegen Hochebene entlang, immer wieder mit fantastischem Blick auf das weite Plateau, bis wir unser Ziel auf einem großen, geteerten Platz mit dem Gasthaus erreichen. Es stehen einige wenige Autos dort und das Haus macht von außen einen etwas abgewrackten und halb verlassenen Eindruck. Ich bedanke mich bei dem Jungen für die Mitnahme und sage ihm, dass ich später sicher in seine Taverne kommen werde. Nach kurzer Zeit trifft auch der Fiat 500 mit den beiden Damen ein. Ich sehe nur vereinzelt einige Touristen, die genauso wie ich versuchen, Orientierung zu bekommen. Die Wegweiser aus Holz sind wie immer nicht ganz eindeutig. Einige hundert Meter höher im Berghang gelegen kann man aber schon gut eine mit Natursteinmauern und Zäunen umgebene Besucherstätte erkennen, die wohl den Eingang zur Idäischen Höhle markiert. In diese Richtung mache ich mich über einen kurzen, steilen Trampelpfad auf, der auf einen breiteren Schotterweg führt, über den man auch mit dem Auto zur Höhle gelangen kann.

Es ist übrigens die beschriebene Piste aus Richtung Gérgeri im Süden kommend (laut Fohrer)

Die gesamte Einfriedung des Geländes mit kleinem Natursteingebäude am Eingang scheint noch ziemlich neu zu sein und erinnert mich ein wenig an das Infozentrum vor der Sfendóni-Höhle in Zonianá. Vielleicht war es ursprünglich auch mal als solches geplant, es macht aber jetzt einen ziemlich leblosen Eindruck. Das Gittertor am Eingang ist verschlossen und in dem kleinen Gebäude daneben tut sich nichts. Möglicherweise ist die Besucherzahl doch nicht groß genug, um hier ein solch ein Zentrum zu betreiben.

Also steigt jeder über die seitlichen Begrenzungsmauern über den Zaun, um über den weiten, staubigen Vorplatz, der teilweise mit Natursteinbänken eingefasst ist, zur Höhle zu gelangen, die sich wie ein riesiger, schwarzer Schlund im Berghang öffnet. Eine angelegte Treppe mit Geländer führt nach unten in einen gewaltigen, kuppelförmigen Hohlraum, der Tageslicht vom hoch oben liegenden Eingang erhält. Nach rechts öffnet sich die Höhle ins dunkle Bergmassiv, wo man dann nur noch mit Taschenlampe weiterkommt und nach ca. 10 Metern die begrenzenden Höhlenwände und -decken erkennen kann. Es haben schon etliche Ausgrabungen hier stattgefunden und es wurden in einer erst 1955 entdeckten Seitenkammer der Höhle bedeutende Funde aus frühsten Epochen gemacht, die im archäologischen Museum in Heraklion ausgestellt sind. Von den letzten Ausgrabungen im Jahr 1982 ist noch eine stählerne Lorenbahn übrig geblieben, über die Erdreich und Ausgrabungen nach oben transportiert wurden. Sie rostet nun gemächlich vor sich hin.

Dem Mythos nach wuchs der Göttervater Zeus in dieser Höhle auf, nachdem ihn seine Mutter Rea aus seiner Geburtshöhle von Psichró in der Lassithi-Hochebene hierhin verbracht hatte, um ihn vor dem Zugriff seines schrecklichen Vaters Kronos zu retten, der seine Kinder zu verspeisen pflegte.

Ich möchte an dieser Stelle mal sagen, dass es nicht mein Ansinnen ist, ausführlicher über die griechische Mythologie, Archäologie und (Kunst)-Geschichte zu berichten. Ich glaube, es würde die meisten nur langweilen, und für jeden, der sich dafür interessiert, gibt es an anderer Stelle genügend Möglichkeiten, sich schlau zu machen. Zudem würde ich wohl niemals mit meinem ohnehin schon etwas ausufernden Reisebericht fertig werden.

Nach ca. 20 Minuten Aufenthalt in der schattigen Höhle wird mir langsam kalt und ich muss wieder in die Sonne. Auf einer der Natursteinmauern am Vorplatz mache ich ein kleines Picknick und beobachte vor allem die Ziegen, schöne Tiere in allen Variationen, die überall zwischen den Felsen und dem Gestrüpp auftauchen und nach was Essbarem suchen. Obwohl hier permanent irgendwelche Leute rumlaufen, an die sie sich eigentlich längst gewöhnt haben müssten, sind sie doch immer noch skeptisch und scheu und weichen jedem Annäherungsversuch schnell aus. Immer nur soweit, dass sichere Distanz besteht. Und die unnachahmliche Art und Weise, wie sie sich in senkrechten und noch so glatten Felswänden bewegen und festen Stand haben, ist schon beeindruckend. Und doch kommt es immer wieder vor, dass sie sich entweder überschätzen oder aus anderen Gründen aus höchster Höhe abstürzen und verenden. Besonders in den zahlreichen Schluchten auf Kreta sind die herumliegenden Ziegen-Kadaver ein gewohntes Bild. Für Geier und andere Aasfresser natürlich ein gefundenes Fressen.

K800_20160822_150511Idäische Höhle (Zeus-Höhle)

Gut gestärkt laufe ich noch ein wenig in der Gegend um die Höhle herum und mache mich dann querfeldein wieder auf den Weg hinunter Richtung Parkplatz. Interessant finde ich den Hinweis im „Fohrer“ auf eine „kräftig sprudelnde Quelle“ in der Nähe und habe die erquickende Vorstellung, mich gleich mit köstlich frischem Quellwasser zu erfrischen. Aber irgendwie komme ich mit der Ortsbeschreibung nicht klar und irre durch die felsige und mit der typischen Phryganá und Mácchia ( trockenes Dornen-Gestrüpp) bewachsenen Hügellandschaft. Das Gelände ist äußerst unwegsam und anstrengend, und in der Hitze erlebe ich ständig eine Art Fata Morgana, da ich immer wieder meine, hinter dem nächsten Hügel oder Felsbrocken eine sprudelnde Quelle zu hören. Nach einer Stunde gebe ich auf und gehe wieder Richtung eines mit Bäumen bewachsenen, schön gelegenen Platzes mit einer kleinen, alten Kapelle und einigen Gräbern oberhalb des Parkplatzes. An einem Grab lese ich die Inschrift für einen 26jährigen Kreter, der hier im September 1943 von deutschen Soldaten erschossen wurde.

Nur einige Meter weiter komme ich zu einer überdachten Viehtränke, wo sich auch die Quelle befinden könnte. Allerdings sehe ich nur einige gemauerte Tröge mit ziemlich schmutzigem Wasser. Die beschriebene Quelle muss hier sein, aber Sprudeln sehe und höre ich nichts.

Ich beschließe, keine weiteren Erkundungen zu unternehmen und mich langsam in das Gasthaus zu begeben. Es gibt hier oben noch Etliches zu entdecken, aber ein fahrbarer Untersatz wäre schon erforderlich.

Das bedeutende Monument „Andártis“ (Partisan) der Berliner Künstlerin Katharina Raeck würde ich mir gerne anschauen, befindet sich aber diagonal gegenüber am anderen Ende der Hochebene. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben:
Unter Mithilfe zahlreicher Bewohner der Umgebung hat die engagierte Frau zur Ehrung der kretischen Freiheitskämpfer und als Beitrag zur deutsch-griechischen Aussöhnung Anfang der 90er Jahre eine liegende, geflügelte Steinskulptur von 32 x 9 m! Größe geschaffen. In monatelanger, harter Arbeit wurden große Felsblöcke, die die Bewohner von Anógia im 2. Weltkrieg auf der Hochebene verteilt hatten, um die Landung deutscher Flugzeuge zu verhindern, zu einem Mahnmal mit dem Namen: „Der Partisan – Monument für den Frieden“ zusammengesetzt. Leider soll es heute fast bis zur Unkenntlichkeit von der Natur überwachsen und nicht mehr so gut zu erkennen sein.

Am Gasthaus angekommen, gehe ich einige Stufen runter zum Eingang und staune beim Eintreten nicht schlecht, dass es ein ziemlich großer und solide eingerichteter Gastraum ist. Auf kleinen Tischen und in Regalen werden regionale Spezialitäten aus eigener Herstellung für kleines Geld angeboten: das übliche Programm, Olivenöl, Seife, Kräuter, Tees, Käse, Wein und natürlich Rakí. Ich gehe durch das fast leere Lokal auf eine riesige Außenterrasse mit grandiosem Panoramablick über das weite Hochplateau. Zwei griechische Ehepaare, denen ich schon an der Höhle begegnet war, sitzen zum Essen auf der Terrasse. Ansonsten bin ich der einzige Gast. Ich gehe erst mal bis zum Ende der Plattform, die komplett gefliest ist, aber schon von Winterschäden arg gezeichnet, und nehme mein kleines Fernglas aus dem Rucksack. Wie im Reiseführer beschrieben, ist es tatsächlich so, dass man mit dem bloßen Auge kaum irgendeine Regung in der Ebene erkennt. Je nach Windbewegung hört man schonmal ein leises Bimmeln der Halsglöckchen von Ziegen und Schafen. Erst durch die Vergrößerung mit dem Fernglas sieht man, dass die hellen Farbflecken in der im Sommer trockenen Grasebene zahllose Ziegen-und Schafherden sind. Und es ist interessant zu beobachten, dass die modernen Hirten ihre Tiere mithilfe Ihrer Pickups hüten bzw. in die gewünschte Richtung manövrieren. Hütehunde helfen natürlich mit. Von alledem ist mit bloßem Auge fast nichts zu erkennen, weil der Höhenunterschied und die Entfernung auch von hier aus noch so groß sind.

K800_20160822_155123Nída-Hochebene im Psilorítis-Gebirge

Mir fallen auch die typischen, runden Steinhütten (mitáto) der Ziegenhirten auf, die überall vertreut stehen, und am Rand der Ebene zwischen schönem Baumbestand die Ziegenpfersche. Eine ganze Weile halte ich mich am Rande der Plattform auf und beobachte mit dem Fernglas die beeindruckende Landschaft mit dem ringsum aufsteigenden Gebirge. Dann setze ich mich auf die Terrasse und warte auf Bedienung. Es dauert ein wenig, bis eine junge Frau zu mir kommt und fragt, was ich wünsche. Sie macht einen nicht gerade freundlichen und etwas abgespannten Eindruck. Möglicherweise macht ihr der offensichtlich mangelnde Umsatz zu schaffen. Ich bestelle ein Bier, Hunger habe ich keinen. In der Küche hatte ich kurz meinen Fahrer gesehen, der dort die ganze Zeit mit groß Reinemachen beschäftigt ist. Ich weiß nicht, ob er auch Notiz von mir genommen hatte. Das Bier kommt (diesmal ohne die üblichen Leckereien) und ich halte mich noch eine Zeit hier auf, lese im „Fohrer“ und schaue in die Weite. Nach einem weiteren Bier, was ich mir an der Theke selber geholt hatte, zahle ich und verabschiede mich. Die Wirtin macht nach wie vor einen ziemlich schlecht gelaunten Eindruck.

Draußen auf dem Parkplatz ist schon keine Sonne mehr. Die Zeit ist wieder verronnen. Es ist so gegen 19..00 Uhr. Die beiden griechischen Ehepaare verlassen auch gerade das Lokal, steigen in ihr Auto und fahren ab. Für mich wäre hier kein Platz mehr im Wagen gewesen. Ich sehe nur noch den kleinen Fiat 500 der beiden Mädels einsam am Ende des Parkplatzes stehen und den Kleinwagen der Gastwirte. So langsam müssten die beiden Blondinen ja vor Einbruch der Dunkelheit mal wieder auftauchen. Ich stelle mich am Ausgang des Parkplatzes an die Straße und bin davon überzeugt, dass ich eine Mitfahrgelegenheit kriege. Nur, es kommt fast kein Fahrzeug vorbei. Ein einziger Hirtenpickup kommt am gegenüberliegenden Ende des Parkplatzes die Schotterpiste runtergefegt und donnert an mir vorbei. Ich hatte auch nicht den Daumen rausgehalten, da ich es für selbstverständlich hielt, dass er anhält. Kann eigentlich nur so sein, dass er nicht bis Anógia fährt. So spaziere ich mindestens eine Stunde vom Gasthaus zur Straße hin und her und fange an, der gespentischen Stille zuzuhören. Ich kann mich nicht erinnern, je in meinem Leben eine derartige Bewegungslosigkeit und vor allem Stille erlebt zu haben. Nur ähnlich einmal vor Jahren, als bei einer großen Sonnenfinsternis im Garten meines Elternhauses plötzlich alle Vögel verstummten und eine Totenstille war.
Mit aller Ohren-Kraft versuche ich auch nur den geringsten Laut zu vernehmen. Kein Geräusch in der Ferne, kein Vogel, kein Ziegenglöckchen, kein Windzug: Absolut Nichts! Auch aus dem Gasthaus: Null! Ein lärmgeschädigter Städter, der im abendlichen Hochgebirge Kretas plötzlich einer solch ultimativen Stille ausgesetzt ist, dass es schon fast unangenehm ist. Schönes Erlebnis.

Langsam wird mir auch klar, das die beiden Fiat 500-Mädels das einzig Richtige getan haben, nämlich am frühen Nachmittag die Besteigung des Gipfels anzugehen, um dann dort zu übernachten und am nächsten Morgen wieder abzusteigen. Ein wenig neidisch bin ich jetzt schon…

Die Dunkelheit bricht langsam an und es wird kühl. Also nehme ich meine letzte Chance auf Rückkehr war und gehe zurück ins Gasthaus. Dort sitzt mein Fahrer gemütlich mit der Wirtin am Tisch und isst. Ich begrüße sie nochmal und sage, dass ich nicht mehr wegkäme, da keine Menschenseele mehr vorbeikäme. Die beiden wundern sich offensichtlich auch darüber, der Junge sagt mir aber freundlich, dass es überhaupt kein Problem sei, mich wieder mit runter zu nehmen. Es würde nur noch ca. 1 Stunde dauern, sie hätten noch was zu erledigen. Für mich natürlich kein Problem. Efkaristó!

Der Junge stellt mir seine Mutter vor, namens Aréti, und sagt mir auch seinen Namen, den ich mittlerweile leider vergessen habe. Ich stelle mich ebenfalls vor und bin es bereits gewöhnt, dass die Griechen mit meinem Namen, Kurt, Probleme haben. Obwohl es die Lautfolge auch im Griechischen gibt, kommt es ihnen nur schwer von den Lippen. Manchmal fällt ihnen dann die englische Form leichter (wie bei Kurt Cobain), die sie dann aber eher wie „Kert“ als „Kört“ aussprechen. Wochen später in Léntas werde ich von ein paar Jungs in „Cóstas“ umgetauft, weil sie es mit meinem Namen leid sind und meinen, Cóstas würde gut zu mir passen.

Ich setze mich an den Nebentisch, trinke noch einen Nescafé und wir beginnen, uns zu unterhalten. Die Mimik von Aréti erhellt sich mehr und mehr, obwohl sie noch immer ziemlich geschafft und müde aussieht. Sie taut jedenfalls auf und findet es gut, dass ich ein wenig Griechisch spreche, denn Englisch ist garnicht ihr Fall. Anders bei Ihrem Sohn, mit dem ich beides spreche. Zwischendurch hat er Einiges zu regeln, wie z.B. gefrorene Ziegenhälften ordentlich in Kühltruhen zu verstauen.

Ich kaufe noch ein kleines Stück Ziegenkäse und ein Fläschchen selbstgebrannten Rakí. Dann brechen wir auf. Alles wird dicht gemacht. Alle Lichter aus. Alles klar. Draußen in der Dunkelheit herrscht wie gehabt Totenstille, der Fiat 500 steht noch da. Der Junge bestätigt mir, dass die beiden Frauen Gipfelschläfer sein müssen. Ich steige hinten in den Kleinwagen ein und der Junge wirft erst mal eine CD mit kretischer Musik ein. Auf der Rückfahrt reden wir noch und er fragt mich, was ich von der Musik hielte und ob ich den Musiker „Vasílis Skoúlas“ kennen würde, den wir gerade hören. Den Namen kenne ich aus dem „Fohrer“ und habe ihn mir gemerkt, weil er das Museum seines verstorbenen Vaters „Alkibíades Skoúlas“, genannt „Griliós“ (die Grille) in Anógia weiterführt, der erst mit 70 Jahren angefangen hatte zu malen und vor wenigen Jahren mit weit über 90 gestorben ist.
Als ich dem Jungen den Namen „Alkibíades“ nenne, und dass mir die kretische Musik und das Lýra-Spiel gefielen, strahlt er übers ganze Gesicht. Und ist stelle wieder fest, dass nicht nur die Älteren sondern auch die kretische Jugend ihre traditionelle Musik sehr schätzen.

Gerade Anógia ist ein Zentrum traditioneller kretischer Musik und die Brüder Nikos und Psárandonis Xiloúris sind als hervorragende Lyra-Spieler weit über die Grenzen Kretas hinaus bekannt.. Níkos Xiloúris starb allerdings schon in jungen Jahren an Krebs, Psárandonis lebt noch.

Dann kommt die Frage, wo ich denn eigentlich wohnen würde in Anógia, und als ich sage „im Arcádia“ kommt sofort: Bei Niki! Und, wen wundert´s, Níki ist die Tante von Aréti! Irgendwie ist immer jeder mit jedem verwandt…

Sie lassen mich direkt vor der Tür meiner Unterkunft raus, wünschen mir noch eine gute Reise und wir verabschieden uns herzlich.

Mein Abendessen findet heute auf meinem Zimmer statt. Die süßen Trauben, die mir Níki geschenkt hatte, stehen auf dem Tisch, dazu habe ich noch etwas Brot und den Ziegenkäse und zur Verdünnung noch eine halbe Flasche Retsína. Was will man mehr!

Das Zimt-Gebäck aus der Taverne habe ich noch 1 Woche im Rucksack, es ist die absolute Notration, aber ich halte sie natürlich in Ehren.

Ich bin hundemüde und lege mich bald schlafen. Morgen stehe ich um 6 auf, denn um 7 geht der Bus nach Rethimnon. Und dann in den Süden, langsam macht sich die Sehnsucht nach dem Libyschen Meer bemerkbar.
Im Nachhinein bereue ich es wieder, nicht mehr Fotos gemacht zu haben, aber es ist das alte Problem: Wenn´s am interessantesten ist, denk‘ ich nicht dran…

K800_20160823_064332Pension Arcádia bei Níki morgens um halb sieben

Tschüss Anógia!

Der Handy-Wecker geht um 5.45. Ich habe bestens geschlafen. Gestern Abend hatte ich Níki übrigens noch ein schwarzes Saríki als Souvenir abgekauft, 10 €.

Erstmal duschen, die restlichen Sachen einpacken, dann ein kleines Frühstück mit dem Rest Trauben, Käse und Wasser. Das nächste Zimmer muss unbedingt wieder eine Kaffee-Koch-Möglichkeit haben, was meistens auch der Fall ist.

Mein Bus um 7 hält praktischerweise genau vor der Tür, das blaue Ktel-Schild hängt an der Hauswand. Sicherheitshalber bin ich um 6.50 Uhr schon unten. Ich verabschiede mich von Níki und Ihrer Tochter, die noch schnell die Treppe hochgeht, um zu checken, dass im Zimmer und Bad alles in Ordnung ist.

Habe ich volles Verständnis für, denn, bei allem Vertrauen, machen Zimmervermieter leider auch schlechte Erfahrungen mit unliebsamen Zeitgenossen, die entweder die Sau rauslassen oder irgendwas mitgehen lassen, was sie eigentlich nicht brauchen können. Gerade auch Kurzzeitmieter, und auch Hotelbesitzer können ein Lied davon singen, dass es wirklich nichts gibt, was nicht geklaut wird.

Meine Rucksäcke stelle ich sichtbar an die schmale Straße, und ich stelle mich gegenüber hin, um einen guten Überblick zu haben. Kurz vor 7 sehe ich oben aus Richtung Heráklion einen modernen Bus heranheizen. Ich gehe über die Straße, winke kurz zur Sicherheit und will mein Gepäck nehmen. Der Bus jagt aber ungebremst an mir vorbei. Kann es sein, dass es nur ein Reisebus war? Es ist um diese Zeit kaum eine Menschenseele auf der Straße, und ich stehe nunmal deutlich sichtbar genau an der Haltestelle, von denen es hier auf der Hauptstraße auch nicht so viele gibt. Ich warte noch ein paar Minuten, dann kommen Níki und Tochter auf den Hof und ich frage sie, ob das eben tatsächlich der Linienbus gewesen sein könnte. Sie können es auch nicht glauben, die Tochter rennt einige Meter hoch zur Nachbarin und fragt nochmal nach. Sie bestätigt, dass es der 7 Uhr-Bus war. Der Bus war wirklich mit einem Affenzahn die schmale, abschüssige Straße runtergejagt, und ich war eigentlich nicht zu übersehen. Ich hatte ja auch Zeichen gegeben. Hätte ich mich mehr auf die Straße gestellt, könnte ich diesen Bericht jetzt nicht mehr schreiben. Auch Níki kann es nicht glauben und schimpft auf den Busfahrer. Schließlich hat sie ja ein Gästehaus und die Busfahrer wissen, dass hier öfter Reisende warten. Wenn ich sie richtig verstanden habe, will sie ihm morgen früh den Marsch blasen. Ich stelle mir vor, wie sie sich am nächsten Morgen mit grimmigem Blick mitten auf der Straße aufgebaut hat, um den Bus zu stoppen und dem Fahrer die Leviten zu lesen.

Nun gut, weg ist weg. Es gibt jetzt 2 Möglichkeiten, die Níkis Tochter mir aufzeigt:

1. In einer knappen Stunde kommt auf der Parallelstraße der Bus nach Heráklion, und von da fährt regelmäßig der Bus nach Réthimnon.

2. Autostop am Ortsausgang (was auch mein erster Gedanke war)

Ich will drüber nachdenken, verabschiede mich nochmal, den pirási (macht nix), und gehe erst mal über den Meintaní-Platz gegenüber auf die Parallelstraße, wo auch gleich die Bushaltestelle ist. Hier setze ich mich erstmal auf die Bank. Mit dem Gedanken, wieder in die gleiche Richtung zu fahren, aus der ich bei meiner Ankunft gekommen bin, kann ich mich beim besten Willen nicht anfreunden. Wiederholungen haben ohnehin immer einen faden Beigeschmack. Außerdem hatte ich mich auf die Fahrt durch die Landschaft über Pérama nach Réthimnon gefreut. Die Strecke bin ich noch nie gefahren. Von Heráklion aus würde ich nur über die New Road fahren, die ich zu Genüge kenne und die nur gut dazu ist, zügig von A nach B zu kommen.

Es ist noch früh am Tag und ich habe Zeit satt. Und Morgenstund hat ja bekanntlich Gold im Mund. Also schnall‘ ich alles wieder auf und gehe gemütlich die Straße abwärts Richtung Ortsausgang zum Trampen. An der Schnittstelle von Haupt- und Umgehungsstraße stelle ich mich erstmal hin, um eine zu rauchen. Hinter mir auf dem Hof eines neuen Hauses beobachtet mich mal wieder nervös ein angeleinter Hundehüttenhund, ohne einen Ton von sich zu geben, was mir jetzt auch lieb ist. Die Sonne ist schon verdammt heiß und ich stehe mitten drin. Eine Zigarettenlänge halte ich es aus, dann gehe ich die steile, kurvige Straße runter bis zum unteren Ortsausgang, wo sich beide Straßen von Ober – und Unterdorf ortsauswärts Richtung Zonianá/Áxos treffen. Hier hoffe ich auf zusätzliche Autos aus dem Unterdorf und stehe im Schatten unter Bäumen. Die wenigen Autos, die kommen, fahren vorbei. Nach vielleicht 25 Minuten kommt ein kleiner, schmutziger und verbeulter Pickup mit Baumaterial und hält an. Der Fahrer sagt mir, dass er mich bis zum Abzweig nach Zonianá mitnehmen könne. Ich nehme das gerne an, da natürlich jeder Kreuzungspunkt die Menge an Leuten, die in meine Richtung fahren, erhöht. Er wischt mit einem Armzug erst mal einen Haufen Krimskrams vom Beifahrersitz in den Fußraum, ich werfe meine Säcke auf die Ladefläche und steige ein. Der drahtige Mann, braun gebrannt, aber nicht mit dem typisch dunklen Aussehen eines Kreters, eher nordgriechisch, beginnt die übliche Konversation, woher ich komme und was ich so mache, und sagt, dass er aus „Sérvia“ komme. Ich entgegne, dass ich meine, diesen Ortsnamen kurz vor Anógia gelesen zu haben. Er lacht und sagt nochmal: No, from Sérvia! Jetzt hab‘ ich es geschnallt: Er kommt aus Serbien, ist Serbe und lebt als Bauunternehmer schon einige Zeit auf Kreta. Er fährt nach Zonianá, wo man ihn mit dem Bau eines neuen (Fußball-)Stadions beauftragt hat. Ich staune, denn die Sportanlage, die ich auf meinem Spaziergang durch Zonianá in der Ferne gesehen hatte, machte für ein Dorf dieser Größe und überhaupt für kretische Verhältnisse schon einen recht stattlichen Eindruck (übrigens ebenso in Anógia).

Tja, in Zonianá hätte man einfach zuviel Geld, was verbuddelt werden müsse, sagt er grinsend. Ich kapiere und sage: „Ja, ja, alles Mafia! Drugs and much peng, peng, peng!“ Und wir lachen uns beide kaputt. Leider dauert die Fahrt nur wenige Minuten bis er mich am Ortseingang von Áxos wieder rauslässt. Ein ungeheuer symphatischer Mensch, der mir beste Laune für den Tag verschafft hat.

Ich stehe nicht lange hier, da kommt schon ein Kleinwagen um die Kurve aus Richtung Anógia und hält an. Der Mann fährt bis Pérama, was schon wieder ein gutes Stück Wegstrecke ist. Das Gepäck kommt auf den Rücksitz, ich steige ein. Der Fahrer, rundlich und klein mit Brille, Typ Versicherungsvertreter, macht einen etwas gestressten und gehetzten Eindruck. Die ersten Kilometer achte ich mehr auf die Straße als auf die Landschaft, da er den totalen Bleifuß fährt. Ich muss erst mal rauskriegen, ob er nur schnell, aber sicher fährt, oder verantwortungslos und lebensmüde. Ich habe aufgrund mehrerer Unfälle als Mitfahrer nämlich eine Art Beifahrerneurose und bekomme Schweißausbrüche, wenn ich merke, dass jemand unsicher fährt. Er fährt aber gut, bremst an den richtigen Stellen ab, und ich kann mich etwas entspannen. Er kennt die Strecke offensichtlich wie seine Westentasche. In dieser stecken seine Zigaretten und er ist Kettenraucher. Auf der vielleicht 30 Minuten langen Fahrt steckt er sich die eine mit der der anderen an und hustet sich gleichzeitig ununterbrochen die Lunge aus dem Hals. Ohne offenes Fenster würden wir längst in dichtem Nebel, vermischt mit Bronchialauswurf sitzen. Eine Zigarette, die er mir anbietet, rauche ich aber aus Solidarität mit.

Außer dem üblichen Small-Talk kommt keine längere Unterhaltung zustande, weil er vor lauter Husten auch immer wieder im Ansatz stecken bleibt. Wir fahren also über Garázo und Mourtzaná Richtung Pérama. Die Landschaft ist hier sehr grün und durch viel Gemüse und Obstanbau geprägt. Immer wieder überholen wir Traktoren, kleine LKW, Pickups, die irgendwelche landwirtschaftlichen Erzeugnisse transportieren.

Mein Fahrer nutzt jede kleinste Abkürzung, so biegt er z.B. plötzlich von der Hauptstraße rechts in einen kleinen Ort ab, der in einer Senke liegt, zwängt sich hier, unter kurzer Zurücknahme der Geschwindigkeit, durch engste Gassen, um dann ortsauswärts wieder mit Vollgas auf die Hauptstraße zu preschen. Ich schätze, dass wir damit bestimmt 15 Sekunden gewonnen haben! Autofahren scheint ihm sichtlich Spaß zu machen.

Am Ortseingang Pérama schmeißt er mich raus und weist mich auf den Abzweig rechts nach Pánormo hin. Cooler Gig. Die letzten 30 km habe ich in Rekordzeit hinter mich gebracht und mache jetzt erst mal ein Kaffeepäuschen. Ich sehe in ca. 30 Meter auf der rechten Seite der Einfallstraße nach Pérama eine Cafeteria mit Außenbestuhlung im Schatten unter einer Markise. Ein älterer Mann mit Hut sitzt auf der Terrasse und liest Zeitung. Ich grüße, stelle mein Gepäck an einen Tisch und gehe rein. Bei einer freundlichen jungen Frau, die gerade sauber macht, bestelle ich meinen Nescafé schwarz mit Zucker, den sie mir mit einem Glas Wasser raus bringt. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt beobachte ich das morgendliche Geschehen auf der Straße, reger Arbeitsverkehr und gegenüber eine Tirokomeío (Käserei), wo die Arbeiter draußen auf dem Gehsteig mit Wasserschläuchen Bottiche ausspülen. Unmengen Wasser fließen die Straße runter und kühlen gleichzeitig die Umgebung ab.

Nach einer halben Stunde mache ich mich wieder auf zum Abzweig Richtung Pánormo, bleibe hier aber nicht lange stehen, sondern gehe gemütlich die Umgehungsstraße runter zum Ortsausgang von Pérama, da ich mir dort einen besseren Standort zum Autostop erhoffe. Viele Lkw passieren, ich komme an einer Zementfabrik vorbei und gelange schließlich zu einer größeren Kreuzung (oder Kreisverkehr), wo sich der Verkehr ortsauswärts sammelt.

Hier ist viel Gewerbe angesiedelt und ich sehe von weitem den Hauptort von Pérama, schön eingetaucht in der rötlich-gelben Morgensonne, am Fuß der hügligen Landschaft liegen.

Das wäre jetzt wieder ein Erinnerungsfoto wert. Aber das Fotografieren fällt mir bei der spontanen Wahrnehmung einer schönen Situation immer schwer, bzw. ich denke überhaupt nicht dran. Die (Wieder-)Aufnahme des Eindrucks mit technischen Mitteln ( heißt Handy oder Kamera rauskramen, richtige Einstellung vornehmen etc.) macht den ersten und einzig wahren Eindruck wieder ein Stück kaputt. Und mit Sicherheit schiebt sich in diesem Moment eine Wolke vor die Sonne oder sonst was.
Was Anderes ist es natürlich, wenn man (semi-) professionell unterwegs ist, die Kamera immer im Anschlag, um den richtigen Moment zu erwischen.
Als Erinnerungsstütze z.b. zum Schreiben eines Reiseberichts, wäre es sicher von Vorteil. Aber glücklicherweise habe ich noch freien Speicherplatz im Kopf.

Auf dem langgezogenen, staubigen Seitenstreifen stelle ich mich hin und halte den Daumen raus. Plötzlich kriege ich eine SMS und sehe, dass ein Kunde von mir in Deutschland eine, seiner Auffassung nach, dringende Info braucht. Er weiß genau, dass ich eigentlich nicht erreichbar bin und auch nicht sein möchte. Ich ärgere mich darüber, beschließe aber, kurz zu antworten und gleichzeitig deutlich zu machen, dass ich bis auf Weiteres nicht mehr ansprechbar bin. Wenn ich es nicht sofort tue, schleppe ich es nur mit mir rum. In der Zwischenzeit hatte sich einige Meter hinter mir eine junge, schwarzhaarige Frau mit schlanker Figur und rotem,gewagt kurzem und engem Minirock ebenfalls zum Trampen an die Straße gestellt, mit dem Rücken zu mir gewandt. Ich kämpfe noch mit meiner SMS- Antwort, weil ich in der Sonne auf dem Display kaum was erkennen kann, da hält ein kleiner Zweitürer bei der Dame an. Sie will schon einsteigen, da sehe ich, dass die Frau am Steuer in meine Richtung gestikulierend fragt, was denn mit mir sei. Die Tramperin winkt mich her, und als ich auf sie zukomme, sehe ich in ein vernarbtes Gesicht und aus ihrem Mund strahlen mich nur noch 2-3 Zähne an. Ein herber Kontrast zum ersten Eindruck, aber nett.

Ich zwänge mich mit meinem Gepäck auf den Rücksitz, die Zahnlose steigt vorne ein. Die freundliche, hellhaarige Griechin, (ca. 35 J.), am Steuer kann mich bis Pánormo mitnehmen. Von da aus könnte ich gut den Bus nach Réthimnon nehmen. Sie scheint Lehrerin zu sein, merkt ziemlich schnell, dass ich Deutscher bin, und spricht plötzlich in einem ziemlich flüssigen Deutsch mit mir. Sie hätte früher mal Deutsch unterrichtet, aber soooviel vergessen. Ich entgegne, dass ich froh wäre, wenn ich so gut Griechisch wie sie Deutsch sprechen könnte.

In Pánormo angekommen, setzt sie mich direkt an der Bushaltestelle ab. Die zahnlose Griechin steigt aus, aber nur, um mich rauszulassen, da sie noch weiter mitfährt. Beim Aussteigen und Rauskramen meiner Rucksäcke hat sich eine der unzähligen Riemenschnallen von meinem Zenit gelöst und ist auf die Straße gefallen. Ich hatte es nicht bemerkt. Meine nette Mit-Tramperin hebt sie auf und gibt sie mir. Evkaristó pára poli kai sto kaló!

An dem Wartehäuschen stehend, sehe ich gegenüber nur ca. 200 Meter entfernt das tiefblaue Meer hinter dem etwas höher gelegenen Küstenstreifen rausschauen. Eigentlich weiß ich jetzt überhaupt nicht so genau, wo ich bin. Ich wollte zunächst nur von Anógia Richtung Nord-Westen nach Réthimnon und hatte mir nur oberflächlich die Karte angeschaut. Ich war davon ausgegangen, dass es jetzt die ganze Wegstrecke über die „Old Road“ nach Réthimnon ginge. Der Hardcore-Raucher und Hobby-Rennfahrer hatte mir in Pérama die wohl schnellste Verbindung gezeigt, zunächst Richtung Norden nach Pánormo und von dort wieder die Küste entlang über die New Road nach Réthimnon. Ich bin jetzt also wieder am Meer. Jetzt müßte ich mir eigentlich noch Pánormo anschauen, habe mir aber fest vorgenommen, heute noch ans Libysche Meer nach Chóra Sfakíon zu kommen, um dort noch in Ruhe nach einer Unterkunft für ca. 1 Woche suchen zu können. Bisher lief alles wie geschmiert, ich bin unglaublich gut vorangekommen, aber bis in die Sfákia ist noch ein weiter Weg.

Nach ca. 10 Minuten kommt der Bus, er hält erst mal mitten auf der Verkehrsinsel und macht den Motor aus. Die zwei mit mir wartenden Leute und ich machen uns schon auf den Weg zum Bus, da zeigt uns der Fahrer die flache Hand. Soll wohl heißen: Stopp! Ich mach jetzt erstmal Pause. Ok, wir warten. Nach weiteren 5 Minuten läßt er den Motor wieder an und fährt vor. Gepäck wieder in die seitliche Klappe und vorne beim Fahrer einsteigen und bezahlen. Wir kommen nach einigen hundert Metern auf die New Road, die Umgebung wird jetzt immer flacher, links in der Ferne die Berge und rechts das Meer. Alle paar Minuten nehmen wir an Haltestellen Fahrgäste auf, meist Touristen, die wohl in den vielen Hotels ihren Pauschalurlaub verbringen und zum Shoppen etc. nach Réthimnon fahren. Zwischen der Hotelbebauung kann man immer wieder den breiten, langen Strand mit den unzähligen, aufgereihten Sonnenschirmen und Liegen erkennen. Viele Hotels und Gästehäuser liegen auch südlich der vielbefahrenen Schnellstraße, die die Urlauber immer überqueren müssen, um an den Strand zu kommen. Mir persönlich gefällt es hier nicht besonders, aber ich denke, wenn man z.B. als Kind mit seinen Eltern regelmäßig hier gewesen ist, Freunde gefunden und unbekümmerte Ferien verbracht hat, dann ist es auch wie ein „Nachhausekommen“ und man sieht es mit anderen Augen.

Der Bus wird immer voller und wir fahren durch immer dichter werdende Bebauung mit viel Verkehr in die Stadt.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielleicht 25 Jahren mit meiner Freundin von Heráklion aus schonmal mit dem Bus nach Réthimnon gefahren war, um hier in den Bus nach Plakiás umzusteigen. Die Busstation befand sich rechts an einer Straße die durchs Zentrum führte und es herrschte das übliche konstruktive Chaos.

Ich fahre bis zur Endstation am westlichen Ende der Stadt, wo sich auf einem größeren Platz der Bus-Bahnhof befindet. Durch eine Straße an der Kaimauer entlang getrennt, liegt er jetzt direkt am Meer. Hier steige ich aus.

In einem kleinen Holzhäuschen vor der Busstation befindet sich die Information und ich frage die Frau, wann und wie ich nach Chóra Sfakíon käme. Sehr freundlich erklärt sie mir, dass ich um 13.00 Uhr den Bus nach Vrísses nehmen und dort umsteigen müsse. Ich kaufe das Ticket und habe noch ca. 1 ½ Stunden Zeit.

Am Kiosk in der Busstation besorge ich mir erst mal wieder ein Spanakópita, einen Kaffee, eine Cola, ein Wasser und kaufe noch 2 Päckchen Karélia, um meinen Tabakvorrat zu strecken.

Ich habe 10 Päckchen Half-Zware-Shag à 50 Gramm (Belgien) für die gesamte Reise dabei, die ich auf die vielen Seitentaschen meines Zenit verteilt habe. Auf meinen letzten 2-4 Wochen-Urlauben auf Kreta hatte ich immer zu wenig mitgenommen und Zigarettentabak ist in Griechenland sehr teuer. Dazu kommt, dass es meist nur 20 Gramm-Päckchen sind und gefühlt mehr Verpackung als Tabak. Die griechischen Zigaretten, wie z.B. Karélia mit oder ohne Filter, kann man durchaus rauchen, aber für jemanden, der quasi von Geburt an Selbstdreher ist, kommt der Genuss nicht an die „Naturware“ ran.

Ich gehe zunächst mal über die Straße zur Ufermauer, setze mich da drauf und frühstücke mit Blick auf´s Meer und über die Bucht von Réthimnon. Nach einer halben Stunde muss ich raus aus der Sonne und gehe wieder zur überdachten Terrasse an der Busstation. Hier ist Einiges los und ich frage einen Griechen, der an einem 2er Tisch, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, das Geschehen (vor allem die Touristinnen) betrachtet, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Natürlich kein Problem. Nach 5 Minuten kommt ein gebrechlicher, alter Mann mit Gehstock an, und mein Tischnachbar lädt ihn ein, sich zu uns zu setzen. Die beiden kennen sich wohl gut. So langsam geht es auf 13.00 Uhr zu und ich fange an, auf die Lautsprecherdurchsagen zu achten, die, wie immer, ziemlich unverständlich sind. Auf Griechisch und Englisch werden die Ziele und Busnummern durchgesagt. Mein Tischnachbar fragt, wohin ich denn wolle, und als ich „Vrísses“ sage, schaltet sich der alte Mann hilfsbereit ein. Er greift sich das Faltblatt mit den Abfahrtzeiten, welches vor mir auf dem Tisch liegt, und sucht mit fachmännischem Blick nach meiner Busverbindung. Der jüngere Mann weist mich kurz darauf hin, dass sein Bekannter früher Busfahrer gewesen und nun in Rente sei.

Wahrscheinlich kann er nicht loslassen und muss täglich an alter Wirkungsstätte vorbeischauen. Ich sehe, dass er mit ernster und konzentrierter Miene auf das Faltblatt schaut. Plötzlich fragt er laut in meine Richtung: Plakiás!? Der andere Mann und ich berichtigen ihn und sagen: Ochi! Vrísses!.

Wieder schaut er professionell auf den Plan. Nach einer Minute ruft er wieder: Plakiás?!

Der andere Mann und ich schauen uns an und können uns das Lachen wegen der Situationskomik einfach nicht verkneifen. Der gute Mann hat wohl in seinem Busfahrerleben immer die Strecke nach Plakiás bedient und scheint einfach nicht mehr davon loszukommen. So traurig beginnende Demenz auch ist, so kann sie auch so unfreiwillig lustige Situationen erzeugen.

Dann verabschiede ich mich bei den beiden, weil ich meine, bei den Durchsagen das Wort „Vrísses“ identifiziert zu haben. Ich begebe mich langsam auf den von Bussen und (Rucksack)- Touristen wimmelnden Platz und finde auch meine Busnummer. Ein junges Paar, das auch mit Rucksack unterwegs ist und mir auf der Terrasse schon aufgefallen ist, verstaut gerade sein Gepäck im Laderaum.

Den beiden begegne ich in den nächsten Tagen öfter, und das junge, blonde Mädchen, maximal 20, wird mich auch ein paar Mal freundlich grüßen, da wir nunmal auf gleichen Pfaden unterwegs sind und dann kann man sich ja ruhig mal grüßen. Ihr Partner, der bestimmt 10-15 Jahre älter ist und der Physiognomie nach schon Einiges hinter sich zu haben scheint, schaut dann jedesmal entweder total unsicher oder grimmig weg. So, als hätte er was zu verbergen. Ich denke nur: Junge, dass deine Braut nur halb so alt ist wie du, ist mir sowas von egal, aber ein bisschen lockerer könntest du schon sein.

Wir steigen ein und der Bus füllt sich langsam. Über die New Road fahren wir zunächst immer am Meer entlang Richtung Westen. In Giorgiópolis, was wir uns vor 2 Jahren auf der Fahrt vom Flughafen Chaniá nach Léntas schonmal angeschaut hatten und ein ganz netter Ort zu sein scheint, geht es über einen Abzweig nach Vrísses. Es liegt etwa auf halber Strecke zwischen Réthimnon und Chaniá wenige Kilometer im Landesinneren. Im Ortszentrum steigen wir wieder an einem typischen Bushalte-Kafeníon aus: „O Stathmos“. Wunderbar! Wieder der absolute Dreh-und Angelpunkt des Ortes. Ich stelle mein Gepäck an einen Tisch auf der Terrasse und hole mir an der langen Theke im Lokal ein schönes, kaltes Bier. Es dauert mindestens noch eine gute Stunde bis der Bus nach Sfakiá kommt. Solange will ich hier nicht sitzen bleiben und beschließe nach einer Viertelstunde, etwas durch den Ort zu laufen. In der hintersten Ecke des Kafeníons kann ich meinen Zenit deponieren, was die Kellnerin mir auf meine Frage hin auch wohlwollend bestätigt. Ich vertraue darauf, dass hier nichts wegkommt, und mache mich zu meinem Spaziergang auf.

K800_20160823_142529Typisches Busstations-Kafeneíon in Vrísses

Durch Vrisses bin ich früher schon einige Male durchgefahren, vor über 25 Jahren das erste Mal aus Richtung Süden kommend mit dem Motorrad. In Plakiás hatte ich mir eine (ziemlich schrottige)  250er Yamaha-Enduro gemietet und habe von dort aus einige Touren unternommen. An der Küste entlang über Frangokástello, Chóra Sfakíon, über die Berge nach Norden bis Vrísses, ein Stück die Küste entlang Richtung Réthimnon und über Nebenstraßen und viele kleine Abstecher wieder durch die Berge gen Süden nach Plakiás.

Den Führerschein Kl. 1 hatte ich mit 18 mit dem PKW-Führerschein gleich mitgemacht, in der Erwartung, dass ich mir mal ein Motorrad zulegen würde. Bis dahin war ich immer Mofa und frisiertes Moped mit kleinem Nummernschild gefahren. Ein eigenes Motorrad habe ich aber fortan nie besessen, sondern immer nur schonmal von Freunden ausgeliehen oder eins gemietet. Verlernen tut man das Motorradfahren eigentlich nie, wie das Fahrradfahren, aber man sollte schon sehr vorsichtig fahren, gerade auf Kreta. Damals waren die Straßen noch schlechter, und die plötzlich auftretenden Schlaglöcher, Schotterpisten-Abschnitte und das Geröll vom Steinschlag waren nicht ohne. Und Helmpflicht gab es (zum Glück) nicht. Ich hatte einige Male einen guten Schutzengel bei mir, und es ist glücklicherweise nie was Schlimmeres passiert. Ich kann heute jedenfalls behaupten, dass diese Touren mich in Gefühlszustände versetzt haben, die ich bis Dato nur in zwischenmenschlich, erotischer Hinsicht kannte. Die atemberaubenden Panoramablicke über das Libysche Meer und die intensiven Gerüche in der Bergwelt mit ihren fruchtbaren Tälern, das Alles auf durchgerütteltem Sattel, sind wahrscheinlich Schuld daran, dass ich mich damals schon in Kreta verschossen habe. Und mit Helm wäre das womöglich nicht passiert, denn ohne ist es einfach geiler.

Heute gibt es zwar die Helmpflicht auf Kreta, aber es scheint niemanden zu interessieren, ob man mit oder ohne fährt, auch nicht die Polizei. Ich denke aber, dass man im Falle eines Unfalls schlechte Karten hat, nicht nur wegen der erhöhten Verletzungsgefahr, sondern auch „versicherungstechnisch“, egal, ob man den Unfall verschuldet hat oder nicht.

Vrísses (wahrscheinlich von „Vríssi“, Wasserzapfstelle) war mir von den Durchfahrten her schon immer positiv aufgefallen, weil es sehr grün ist. Am Ortseingang, aus Richtung Süden kommend, überquert man den noch nicht ganz ausgetrockneten Dorfbach Voutakás, dem die alten, großen Platanen und sonstiges, üppiges Grün ihre Existenz verdanken. Nur ca. hundert Meter von der Busstation entfernt, komme ich hier an und schaue mich ein wenig um. Man hat sich schon Mühe gegeben, die grüne Oase zu einem Besucherzentrum zu gestalten. Es ist ganz schön angelegt mit kleineren Holzbrücken und einige Wasservögel tummeln sich hier. Das Ganze erinnert mich ein wenig an ein typisches Wochenend-Ausflugsziel in der Eifel. Allerdings sieht man auch ziemlich versiffte, kloakenartige Pfützen mit Unrat, was widerrum typisch für Kreta ist.

Ringsum liegen Tavernen mit schönen Außenterrassen unter den Schatten spendenden Bäumen. Zu dieser Tageszeit ist es aber nix los. An einer Taverne sehe ich wieder Schaf oder Ziege oder Beides auf dem Flammengrill brutzeln und werde von einem freundlichen jungen Mann aufgefordert, Platz zu nehmen. Als ich ihm sage, dass ich aus Anógia käme und dort auf einer Hochzeit war, weiß er direkt Bescheid und versteht, dass ich beim Anblick dieser kulinarischen Köstlichkeit jetzt nicht unbedingt schwach werden muss.

K800_20160823_141734Vrísses

Langsam bewege ich mich wieder Richtung Kafeníon. Das erwähnte, ungleiche Pärchen sitzt auf der Terrasse und spielt Karten. Ich stelle fest, dass ich kein Kleingeld mehr habe. Das Bier hatte ich noch nicht bezahlt und müßte das jetzt mit einem 100 €-Schein erledigen. Ich bestelle mir noch eins, damit es nicht gerade so krass ist. Die Kellnerin ruft beim Bezahlen den „Mann für alle Fälle“ her, der hier offensichtlich alles koordiniert und im Griff hat. Er palavert mit den Busfahrern, hat alle Infos für die Touris parat und hat wohl auch die Procura über die Kasse. Die Kellnerin gibt ihm meinen 100 €-Schein und er macht erst mal seine Zirkusnummer, indem er ihn demonstrativ ins Licht hält und durchknetet und dann: „Oh, its all Mafia!“ Und ich bestätige: „Sure man, I‘ m coming from Zonianá!“ Wir lachen beide und er gibt mir das Wechselgeld. Lustiger Typ und wie geschaffen für den Job.

Der Bus kommt und alles steigt ein. Die Fahrstrecke in die Sfakiá ist landschaftlich für mich eine der schönsten Nord-Süd Verbindungen, die ich bisher gefahren bin. Sie ist auch eine der Kürzestens an dieser Stelle Kretas und misst nur ca. 40 km Fahrstrecke.

Die grobe Orientierung ist auf Kreta relativ einfach, dank der schmalen, langezogenen und quasi waagerechten Lage der Insel im Mittelmeer. Wer mit den Himmelsrichtungen Probleme hat, der kann sich auch an oben und unten, und rechts und links orientieren. Die Insel ist geografisch auf den ersten Blick ziemlich klar gegliedert. Die Hauptstadt Heráklion mit dem Hauptflughafen liegt oben ungefähr in der Mitte. Von Norden (also oben) aus kommend geht’s dann zunächst entweder nach rechts, links oder geradeaus. Die 3 großen Gebirgsmassive sind mit den jeweils bis zu 2.500 m hohen Gipfeln ziemlich gleichmäßig verteilt: In der Mitte das Psiloritis Gebirge mit dem Tímios Stavrós (der Höchste der 3 Gipfel) rechts im Westen die Lefká Óri (die weißen Berge) mit dem Páchnes, und links im Osten das Dikti Massiv mit dem Díkti. Mit Verlaub könnte man Kreta auch die 3-tittige-Insel nennen.
Die horizontale Ausdehnung von Kreta beträgt Luftlinie maximal ca. 260 km und die vertikale maximal nur ca. 60 km, an der schmalsten Stelle sogar nur 15 km.. Eigentlich ein Katzensprung von Nord nach Süd, aber was sich dazwischen auftut, ist ur-gewaltig und auf diese Art wohl einzigartig. Kein Wunder, dass die Kreter von ihrem eigenen Kontinent sprechen, denn die Entfernung zum griechischen Festland im Norden und im Süden zu Nordafrika ist schon beträchtlich. Und mitten im Mittelmeer geht’s dann mal eben 2,5 km vertikal nach oben, mit unzähligen gewaltigen Schluchten. Hier muss wirklich was los gewesen sein bei der Erdentwicklung. Kurz gesagt hat das Ganze dazu geführt, dass man sich auf Kreta niemals vornehmen sollte, insbesondere in abgelegeneren Gegenden, mal für einen halben oder auch ganzen Tag eine Erkundungstour mit mehreren Zielen zu machen, sei es zufuß oder motorisiert. Man ist immer mindestens doppelt solange unterwegs als man denkt und hat am Ende nicht wirklich was gesehen. Also besser ein bestimmtes Ziel und sich dieses entspannt anschauen. Leichter gesagt als getan, ich werde wohl auch beim hundertsten Mal auf Kreta noch den Fehler machen, mir möglichst viel anzusehen, wenn ich z.B. ein Mietauto habe, und bin am Ende vor lauter Serpentinen- und Schotterstraßenkurverei vollkommen geschafft (und meine Begleitung umso mehr).

Nur ein Beispiel: Vor 3 Jahren das erste Mal in Soúgia im Süd-Westen (für eine Woche, um dann später noch für 3 Wochen nach Léntas überzusiedeln, nach über 30 Jahren der längste Urlaub, 4 Wochen!) Der Plan war, für einen Tag von Soúgia aus mit dem Mietwagen über Paleochóra nach Elafoníssi und zurück. Zwischendurch noch die ein oder andere Sehenswürdigkeit auf der Strecke mitnehmen. Von der Karte und der Entfernung her ein durchaus überschaubares Unternehmen. Auf dem Hinweg ein Frühstück an der Promenade von Paleochóra und dann weiter nach Elafoníssi an die bekannten, unter Naturschutz stehenden, südsee-ähnlichen Strände. Auf dem Rückweg kann man sich ja dann Paleochóra, insbesondere das alte Hafenviertel, noch genauer anschauen und noch schön was essen gehen. Denkste!

Obwohl wir in Elafoníssi beim Anblick völkerwanderungsähnlicher Besucherströme und Massen von Reisebussen sofort wieder kehrt gemacht hatten, haben wir es so gerade bei Einbruch der Dunkelheit zurück nach Soúgia geschafft. Den erneuten Besuch von Paleochóra auf dem Rückweg hatten wir uns dann gespart, weil wir durch Umleitungen und schlechte Beschilderung auf Schotterwegen gelandet waren, die teilweise im Niemandsland endeten, und dann auch noch einige Male im Kreis gefahren waren, was unglaublich viel Zeit in Anspruch genommen hat. Wenn ich alleine bin, verfahre ich mich eigentlich immer ganz gerne im Urlaub, da man so an Stellen kommt, die man sonst nicht gesehen hätte. Aber Mitfahrern ist es kaum zuzumuten, da es eher eine Quälerei ist, wenn man nicht selber am Steuer sitzt.
Das Fazit war jedenfalls einmal mehr, dass wir uns besser nur einen schönen Tag in Paleochóra gemacht und auf Elafoníssi verzichtet hätten. Aber im Nachhinein ist man ja immer schlauer.

Zurück zur Bustour:
Ab Vrísses geht es durch herrliche Landschaften am Rande der Lefká Óri über die Askífou-Hochebene nach Chóra Sfakíon. Der Westen Kretas ist besonders um die Region Chaniá relativ grün und teilweise stark bewaldet. Teilweise auch Nadelbaumbestand, der ein wenig an das Alpen-Vorland oder deutsches Mittelgebirge erinnert.

Auf der ca. einstündigen Busfahrt in den Süden lasse ich links und rechts wieder etliche, im „Fohrer“ beschriebene Orte liegen, die bestimmt einen Abstecher wert wären. Aber das Libysche Meer zieht mich an wie ein Magnet, und so fahre ich durch. Das letzte Stück hinter der Askífou-Hochebene führt entlang der Ímbros-Schlucht über unendliche Serpentinen runter nach Sfakiá, wie der Ort und die ganze Umgebung auch verkürzt genannt werden. Ich erinnere mich wieder an meine damaligen Motorradtouren und bin hingerissen von den fantastischen Ausblicken auf das Meer und die weite Küstenebene um Frangokástello. Und alles liegt in einem unvergleichlichen Licht, für mein Empfinden anders als im Norden der Insel.

Die Straße ist mittlerweile richtig gut ausgebaut und dem starken Reise(-bus) verkehr angepasst. In Chóra Sfakíon steige ich auf dem kleinen Umschlagplatz etwas oberhalb des Dorfes aus. Ich nehme mein Gepäck und mache mich auf zur Zimmersuche.

„ Room, you want room?“– rufende Zimmeranbieter gibt’s auch hier nicht mehr. Aber es ist ja auch noch Hochsaison. Im Ort mache ich später das erste „Selfie“ meines Lebens mit dem glücklichen Gesichtsausdruck, endlich wieder am Libyschen Meer zu sein.

Ich versuche, meinen Bericht jetzt etwas zu straffen und bald zum Ende zu kommen, da ich in 1 Woche wieder auf Kreta bin (für 3 Wochen) und dann bestimmt keine Lust mehr habe, über das vergangene Jahr zu schreiben. Durch meine Echtzeit-Schilderung habe ich mich doch ziemlich im Detail verloren und kann es selber kaum glauben, dass ich gerade mal erst seit einer Woche unterwegs war. Wenn ich diesen Schreib-Rhythmus also beibehalten würde, dann bräuchte ich hochgerechnet noch einige Jahre, um fertig zu werden. Das Problem ist, dass ich jedes Mal, wenn ich Zeit und Lust habe, weiterzuschreiben, mindestens eine halbe bis ganze Stunde brauche, um anzufangen und einzutauchen. Wenn ich dann wirklich drin bin, läuft der Film in der Tat fast in Echtzeit ab und ich muss zusehen, dass ich mich nicht verzettele. Und das Aufhören fällt dann umso schwerer.

Ankunft in Chóra Sfakíon

Beim Entladen des Gepäcks aus der Seitenklappe des Busses lasse ich einem einheimischen Mann den Vortritt, der ein riesiges, grob verschnürtes Paket aus der Ladefläche rauszieht. Die Busse fungieren wohl auch als Paketzustelldienst für die abgelegeneren Orte.
Ich diesem Moment weiß ich noch nicht, dass genau dieser Mann ganz zufällig mein Vermieter für die ganze Woche sein wird.

Von früheren Kurzbesuchen habe ich nur die Promenade in Sfakiá in Erinnerung, wo man durch eine Tavernengasse hindurch geht, links die am Ufer gelegenen, überdachten Terrassen, rechts die Tavernen mit den Speisekartenständern und den verlockenden Auslagen in den Vitrinen, aus denen einen so manches, mehr oder weniger, appetitliches Meeresgetier anlacht (für meinen Geschmack eher mehr).

Der optische Eindruck von dem Örtchen war jedenfalls damals schon nicht schlecht.

Den Spießrutenlauf tue ich mir aber jetzt nicht an, weil man an jeder Taverne von den eigens hierzu auserwählten Bediensteten angebaggert wird, um doch bitte Platz zu nehmen. Typisch für alle größeren Orte mit viel Tagestourismus, nicht nur auf Kreta.

Ich gehe durch die ruhige Parallelgasse durch den Ort, die am Ende wieder leicht ansteigt und komme auf einen schönen, mit Naturstein gepflasterten Platz mit einer uralten, schattenspendenden Tamariske und Holztischen und -stühlen. Er wird von einem ziemlich gepflegt aussehenden Gästehaus dominiert, ich glaube Stávris, gehe rechts vorbei Richtung Ortsausgang und habe dort wieder Blick aufs Meer. Hier bleibe ich erst mal stehen und mache mein besagtes, erstes Selfie.

Ich hatte mich schon etwas im „Fohrer“ schlau gemacht, wie es hier mit Unterkünften aussieht. Das „Stavris“ machte einen guten Eindruck, aber vielleicht zu gut, ich denke dann immer:
„Nee, das ist zu fein und bestimmt teuer..“ und so einen Blödsinn, weil ich immer noch von den kleinen, alten Privat-Unterkünften träume, wo man die kretische Gastfreundschaft noch immer am meisten genießen kann, und die Oma einem nach dem Aufstehen, wann auch immer, die frischen Feigen oder Honigmelone auf einem kleinen Tellerchen serviert….

Aber auch die etwas besser aussehenden Häuser bieten durchaus günstige Zimmer an, auch für Alleinreisende. Und da Chóra Sfakíon sich zu einem Tagesausflugsziel entwickelt hat, sind die Häuser auch froh, Ihre Zimmer möglichst erst mal vermietet zu haben. Der Preis-Schnitt liegt, ganz grob gesagt, zwischen 25 u. 50 €, je nach Personenanzahl (und damit Größe), Auslastung und vor allem Aufenthaltsdauer. Die Verhandlungsspanne liegt im Schnitt bei 5-10 €, je nach Symphatie und Geschick, und natürlich daran, ob man überhaupt handeln will. Denn gegen das Preisniveau ist m.E. eigentlich nichts einzuwenden. Und es ist deshalb nicht höher, weil die Pauschalurlaubsangebote den Pensionen und Privatvermietern das Leben schwer machen. Und wenn du richtig rechnest, kostet der Urlaub auf „eigene Faust“, d.h. mit Transfer und sonstigen Mobilitätskosten und Verpflegung, insbesondere täglich Essen gehen etc. genauso viel, wenn nicht mehr.
(Das, aus der Sicht eines End-Fuffzigers, der sich mal was gönnen will. Es geht natürlich auch viel günstiger, wenn man weniger Ansprüche stellt, oder diese ohnehin schon durch die Natur in jeder Hinsicht befriedigt werden, so wie bei jungen, frisch Verliebten und anderen Nicht-Verdorbenen).

Die Taverne „The Three Brothers“ liegt am Ende des Ortes oberhalb der Badebucht „Vrissi“ . Ich hatte im „Fohrer“ gelesen, dass diese schön gelegen sei und auch Apartments vermietet, und gehe dahin. In der Taverne nehme ich Platz und bestelle was. Der Wirt ist der Mann, den ich beim Ankommen am Bus getroffen hatte. Ich frage ihn nach einem Zimmer und er setzt zunächst mal eine ernste und nachdenkliche Mine auf. Nach wenigen Minuten kommt ein junger Mann, ca. Anfang 20 mit hellen Haaren und einem Schlüssel in der Hand und meint, ich solle mitkommen. Wir gehen zu einem Haus ca. 30 Meter hinter der Taverne einige Treppen hoch und er zeigt mir ein sehr sauberes und gut ausgestattetes Zimmer, was mir, angesichts der zuletzt gehabten Unterkunft, schon als Luxus erscheint. Ein Kühlschrank und ein großer Balkon mit Meerblick, nicht frontal, aber nach rechts rüber, und ein geräumiges, neuwertiges Bad mit Dusche. Ich sehe sofort, dass das mein Zimmer sein wird. Mit dem Jungen spreche ich nur wenig, und wenn, dann Griechenglisch. Eine Kocheinrichtung gibt es auch in diesem Zimmer nicht, weshalb ich ihm sage, dass ich nur noch einen Camping-Gas-Kocher benötigte. Er sagt mir, dass ich alles Weitere mit dem Patron besprechen müsse.

Wir gehen zurück zur Taverne und ich signalisiere dem Chef, dass ich das Zimmer gerne zunächst einmal für 5 Nächte mieten würde, möglicherweise auch noch etwas länger. Die Preisverhandlungen sind relativ schnell erledigt, er sagt 35 €, ich setze mein schmerzverzerrtes Gesicht auf, er sagt 30 € last price, ich sage ok. Mein Sonderwunsch mit dem Gaskocher geht auch klar, da Kaffeekochen nunmal ein Grundbedürfnis ist und für Griechen nur allzu verständlich. Er wird ihn mir besorgen. Ich bekomme den Schlüssel und gehe zurück zu meinem Zimmer, wo ich mich erst mal einrichte.

Zurück in der Taverne setze ich mich erst mal an einen Tisch mit Blick über die schöne Badebucht, bestelle mir was und lasse die neue Umgebung auf mich wirken. Die Bedingungen sind optimal. Im Urlaub versuche ich immer, möglichst ein Zimmer in Strandnähe zu bekommen, um morgens nach dem Aufstehen und vor dem Frühstück, zunächst mal nur mit Badehose und Handtuch bekleidet, wenige Meter zum Meer schwimmen gehen zu können. Ich empfinde es als puren Luxus und würde es jederzeit dem Aufenthalt in einem Wellness-Tempel vorziehen.

Nachdem ich meine Unterkunft direkt komplett bezahlt habe, gehe ich zunächst mal wieder aufs Zimmer, da mir eine alte Frau, wahrscheinlich die Mutter des Tavernenwirts Jánnis, noch den Gaskocher mit neuer Kartouche und eine große Kaffeetasse mit 2 Löffelchen in die Hände gedrückt hatte. Evkaristó polí!

Danach gehe ich zu einem kleinen Mini-Market im Ort, um mich mit den wichtigsten Lebensmitteln für Frühstück und Zwischenmahlzeiten einzudecken und spaziere noch was durch den Ort.

Den Tag lasse ich langsam ausklingen und gehe abends in der Taverne „Nikos“, am Anfang der Promende aus Richtung Hafen kommend, noch was essen. Der Kellner, der auch vor dem Lokal um Kundschaft wirbt, überschlägt sich fast vor Freundlichkeit. Ich bleibe noch lange hier sitzen, trinke noch was und gehe erst, als das Lokal geschlossen wird.
Ich habe zwischendurch beschlossen, die nächsten Tage im Wechsel von Wellness-Tag am Strand und Wandertag zu verbringen. Morgen gehts‘ erst mal zum Strand.

1. Strandtag, Vrissi-Bucht

Ich habe bestens geschlafen und frühstücke zufrieden auf meinem Balkon. Auf meinem Nachbarbalkon sitzt ein ruhiges Paar, ca. 30, auch beim Frühstück. Wir sind durch ein relativ hohes Mäuerchen getrennt, sodass man sich nicht direkt auf der Pelle sitzt.

Während der nächsten Tage bekomme ich immer wieder Gesprächsfetzen der beiden mit und rätsele angestrengt, welche Sprache sie sprechen. Ich tippe auf was Skandinavisches, was zu den hellhäutigen Leuten auch passen würde, werde es aber bis zum Ende nicht erfahren. Small-Talk ergibt sich die nächsten Tage nicht.

Nach der obligatorischen Morgentoilette gehe ich gegen Mittag zum Strand.

Ich erwähne die Toilette hier nur deshalb, weil es sich bei diesem WC mal wieder um ein ganz besonderes Exemplar handelt. Griechische Toiletten sind nie „normal“. Die WCs sind immer so montiert, dass man die Klobrille nicht hochklappen kann, ohne dass sie wieder runterfällt, d.h., dass sie senkrecht am Spülkasten stehen bleibt, z.B. zum Saubermachen (natürlich nicht zum Stehpinkeln:-)).
Auffällig ist auch, dass die Spülung entweder garnicht funktioniert, oder nur mit so wenig Wasser und so schwach, dass man 5 Mal nachspülen muss. Oder sie ist dermaßen übertrieben stark, dass man Angst bekommt, mit abgezogen zu werden. Letzteres ist hier der Fall. Einen solch sturzbachartigen Spüldruck mit Unmengen von Wasser habe ich noch nie gesehen und mit einem Lärm, dass ich jedesmal beim Abziehen befürchte, dass alles auseinanderfliegt und das Apartment geflutet wird.
Und es ist allseits bekannt, dass man in Griechenland das Klopaier nicht mit abspült, da es die Abflüsse verstopft. Es steht ein kleiner Mülleimer da und meistens hängt auch ein Hinweiszettel über dem WC.
Die Verstopfung der Abwasserrohre ist überall ein großes Problem, da häufig die Hochdruck-Spülwagen anrücken müssen, um die Rohre und Kanäle wieder frei zu kriegen, was für die Eigentümer auch ein ziemlich kostspieliges Unterfangen ist.
Mir ist schon in der Vergangenheit aufgefallen, das die Küchen-und WC-Abflussrohre einen deutlich geringeren Querschnitt haben, als bei uns, sodass es eigentlich kein Wunder ist, dass sie leicht verstopfen. Ich frage mich nur, warum man dies, zumindest bei Neubauten,  noch nicht geändert hat. Über Jahrzehnte hinweg müße doch die Umstellung auf ein neues Normsystem möglich sein,  und man würde dieses Problem weitgehend in den Griff kriegen. Viellicht kann ein Insider mehr dazu sagen….

Am Strand, in der kleinen, von Felsen eingerahmten Bucht, ist noch nicht viel los, und es sind auch hier Sonnenschirme mit Liegen aufgestellt. Ich suche mir wieder ein schönes Plätzchen mit Liege und Schirm und Frontalblick über das Libysche Meer Richtung Afrika. Nach einer Weile kommt ein junges, sehr hübsches Mädchen vorbei und kassiert 4 Euro für das Strandset. Ich wechsle noch ein paar Worte mit ihr, sie ist Studentin aus Bulgarien und verdient sich hier in den Semesterferien etwas Geld mit dem Strandsetverleih.

Gut finde ich, dass sie jedem Strandresidenten einen mit Sand gefüllten Plastikbecher als Aschenbecher bringt, mit dem freundlichen Hinweis, die Kippen doch bitte darin auszudrücken. Selbst ich als Raucher finde die Massen an Filterzigarettenstummeln, die achtlos im Sand oder Kies zurückgelassen werden, ziemlich fies.

Der grobe Kiesstrand ist leidlich gut besucht, nicht überfüllt und wunderbar zum Relaxen. Ich habe W-Lan von meiner 10 Meter steil über mir liegenden Haustaverne „The Three Brothers“, lese, döse, schwimme, rauche, schlafe, und das den Rest des Tages. Auf meinem Handy habe ich meine Lieblingsmusik gespeichert und 2 Sprach-CDs mit Griechisch-Lektionen aus meinem Volkshochschulkurs. Ich bin noch nicht dazu gekommen, getrennte Ordner in meinem Samsung S4 mini dafür anzulegen. So kommt es, dass ich bei der Zufallswiedergabe von Musiktiteln über Kopfhörer immer wieder überrascht werde, wenn z.B. auf Jimi Hendricks “Little Wing“ —- Máthima Pénde “Níco échi Jenéthlia“ (Lektion 5, Nico hat Geburtstag) auf Griechisch folgt. Der Kontrast ist hart, aber so verbinde ich dann das Angenehme mit dem Nützlichen und trainiere das „Spontanverstehen“.

K800_20160826_150618Vríssi Bucht in Chóra Sfakíon

1. Wandertag: Von Sfakiá nach Loutró

Mein erster Ausflug soll an der Küste entlang nach Loutró gehen, wovon ich schon soviel gehört habe, aber wo noch nie gewesen bin. Ich will es mir wenigstens mal anschauen und eine Vorstellung von dem ursprünglich so verträumten Fischerdorf bekommen, welches nur zufuß oder über das Wasser zu erreichen ist. Und ich mache es jetzt, weil ich in ein paar Jahren womöglich vor einem Schild stehe: „Wegen Überfüllung geschlossen“.

Zurück nach Sfakiá fahre ich dann mit der Fähre, ich kenne zwar den Fahrplan nicht, aber irgendwie komme ich irgendwann schon zurück.

Ich gehe von meinem Zimmer aus direkt hoch durch das Dorf in Richtung der weit oben verlaufenden Küstenstraße nach Anópolis mit der Gewissheit, dass es einen Trampelpfad hoch auf die Straße geben muss. An einem Apartmenthaus oben am Ortsrand frage ich eine Griechin nach dem Weg und sie sagt, dass ich nur durch den überdachten Eingangsbereich des Hauses durchgehen müsse und da wäre dann auch schon der Weg.

Ich finde es immer wieder toll, wie selbstverständlich viele Wege über Privatgrundstücke und durch Wohnhäuser führen, und dass jeder sie benutzen kann. Trotz Expansion und reger Bautätigkeit wird sinnigerweise noch darauf geachtet, dass ursprüngliche Zuwegungen und Abkürzungen nicht einfach zugebaut und abgeriegelt werden dürfen. In der Tradition der alten (Berg-)Dörfer, wo man oft das Gefühl hat, durch die Wohnbereiche der Bewohner hindurchzugehen, und das Ganze wie ein einziges Wohn-Labyrinth wirkt.

Durch ein paar offene Gittertörchen hindurch kraxle ich über einen ausgetrampelten, steinigen Weg den verdorrten Berghang hoch auf die Straße. Ich gehe links die Straße entlang ca. 1 km bis zur ersten 180 ° Kehre, wie es im „Fohrer“ beschrieben steht. Die Straße steigt leicht an und der Blick über die gesamte Bucht von Sfakiá wird immer grandioser. Ich komme noch an einem Abzweig links zum Meer runter vorbei, wo sich eine weitere, ruhige Badebucht mit Gästehaus, beides namens Ilíngas, befindet. Die gleichnamige Schlucht führt gegenüber rechts hoch durch die Berge und soll zu einem verlassenen Dorf namens „Mourí“ führen.

In der Spitzkehre gehe ich links von der Straße ab auf den steinigen Weg im Berghang, von dem es teilweise ganz schön steil nach unten geht. Obwohl dieser Pfad zum E4-Wanderweg gehört, darf man ihn sich nicht als gut ausgebauten Weg vorstellen. Man muss ihn eher suchen, denn er hebt sich von Felsen und Geröll kaum ab. Durch die starken Regenfälle im Winter wird er wohl auch immer wieder verschüttet, und es sorgt bestimmt niemand jedes Frühjahr dafür, dass er wieder ordentlich frei geräumt wird. Das müssen die Wanderer dann schon selber machen oder drüber kraxeln.

K800_20160825_131307Blick auf Chóra Sfakíon von der Staße nach Anópolis

Ich stelle fest, dass ich heute nicht gerade der Fitteste bin und ich muss ganz schön aufpassen, nicht abzuschmieren. Grund dafür ist mit Sicherheit die nicht unerhebliche Menge an Retsina und Raki, die ich mir gestern abend genehmigt habe. Mein Mund und Rachen sind vollkommen ausgetrocknet, und ich müßte eigentlich so eine Standleitung mit Wasser im Rucksack haben, worauf ich beim Kauf meiner Ausrüstung aber verzichtet hatte. Und ganz Schwindelfrei bin ich heute auch nicht, aber da muss ich jetzt durch.

K800_20160826_223459Stillleben

Nach ca. einer guten halben Stunde Stolperns, sehe ich von Weitem mein Zwischenziel, den „Glikanéra“-Strand. Kurz bevor ich ihn erreiche, muss ich aber nochmal richtig über Felsen klettern, die hier abgegangen sind.

Ich hatte im „Fohrer“ gelesen, dass der Strand an der Ostseite der Bucht vor einigen Jahren durch einen Bergrutsch verschüttet worden ist und 2 Touristen dadurch zu Tode gekommen sind. Der Strand wird auch von vielen Wildzeltern genutzt.

Die Bucht hat ihren Namen von „glikós-süß“ und „neró-Wasser“, da hier unterirdische Süßwasserquellen entspringen

Nassgeschwitzt und erschöpft erreiche ich den Strand und bin im Zwiespalt, ob ich jetzt sofort ins Wasser renne oder erst mal bis zum Ende des Strands in die kleine Taverne, die als Pfahlbau ins Wasser gebaut und über einen kleinen Steg zu erreichen ist. Ich entscheide mich für das Zweite und gehe dorthin, weil ich unbedingt in den Schatten muss. In dem gut besuchten „Strandpavillon“ angekommen, setze ich mich an einen langen Holztisch in der Mitte und warte auf die Bedienung. Am Tischkopf sitzt eine schwarz gekleidete, ältere Frau mit weißen Haaren, die meinen Zustand sofort erkennt. Sie scheint die Mutter des Familienbetriebs zu sein und signalisiert dem ebenfalls ganz in schwarz gekleideten, jungen Wirt, der alle Hände voll zu tun hat, dass bei mir Versorgungsbedarf bestehe. Er fragt, was ich wünsche, und ich bestelle mein traditionelles Herrengedeck, welches ich in solchen Extremsituationen aus medizinischen Gründen bevorzuge: Eine große Flasche Wasser, eine Cola und ein Bier. Kommt sofort!

Er geht natürlich davon aus, dass bei dieser Bestellung gleich meine Begleitung nachkommt.

Ich halte mich ca. eine dreiviertel Stunde hier auf, gleiche meinen Elektrolythaushalt aus und beobachte das rege Geschehen in der Taverne, in der auch typisch kretische Tagesgerichte angeboten werden. Das Publikum besteht hier aus einer bunten Mischung von „Normal“-Touristen, Strandschönheiten in aktuellster Bademode, also die, die quasi unsichtbar ist, und Rasta-gelockten (Neo)-Hippies.

Auf dem Meer sehe ich einige Ausflugsboote, die die Strandgäste anschippern und abholen. Die ganze Bucht mit der steil aufsteigenden Bergwand zählt zu den schönsten Badebuchten, die ich bisher auf Kreta gesehen habe, und der Strand ist ziemlich gut besucht, obwohl er (glaube ich) nur über das Wasser oder über lange Schotterwege zu erreichen ist.

Als ich bezahlen will, fragt mich der Wirt, wieviele Personen ich sei, (frei nach Richard D. Precht: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele). Ich sage zwar, dass ich alleine sei, dennoch kommt er gleich mit einer kleinen Karaffe Rakí an, stellt sie mit 2 Gläschen hin und prostet mir zu. Jámmas! Die Mutter sitzt nach wie vor mit zufriedenem Gesichtsausdruck am Tisch und auf meine Frage hin, wie weit es noch zufuß nach Loutró sein, sagt sie mir, noch eine knappe Stunde. Das passt! Von dem Rakí genehmige ich mir immerhin Hälfte, und dann gehe ich runter zum Strand baden. Ich will mich nicht lange aufhalten, deponiere meine Klamotten auf einer freien Liege direkt am Wasser und genieße ein unglaublich wohltuendes und erfrischendes Bad. Das Wasser ist zumindest im Uferbereich tatsächlich süß und sehr weich, und mir fällt auf, dass die Kieselsteine am Strand und im Wasser viel bunter sind als sonst und in allen Farben wie Halbedelsteine aussehen, besonders unter Wasser. Für Steinsammler und Schmuckmacher ein absolutes El Dorado. Ich stecke mir auch einige kleine, schöne Stücke in den Rucksack.

Gut erholt mache ich mich auf nach Loutró. Der Weg führt hinter der Taverne steil hoch weiter an der schönen Küste entlang. Oben angekommen mache ich noch ein paar Fotos von Glikanéra und denke, dass es mich bestimmt nochmal hier hinziehen wird.

K800_20160825_162644Glikanéra

Der Fussweg nach Loutró ist gut ausgetrampelt und läßt sich bequem gehen. Es ist aus der Erinnerung heraus nichts Besonderes hervorzuheben auf der Wegstrecke, bis auf Eines:
Ungefähr auf halber Strecke gehe ich auf einen freistehenden Felsbrocken rechts am Wegesrand zu, der sich voll in der Farbe lila von der übrigen Landschaft abhebt. Ich schließe die Augen, drehe mich um, schau wieder hin und es bleibt lila. Enthielt der Rakí vielleicht eine halluzinogene Substanz? In der gesamten Umgebung kann ich keinen Stein oder eine sonstige Stelle erkennen, die auch nur annähernd lila leuchtet. Alles liegt im üblichen verdorrten Grau-Grün-Beige-Braun.

Ich hatte mir in Chóra Sfakíon eine neue Billig-Sonnenbrille gekauft (Lacoste-Fake, 8 €), die ich kurz absetze und nun sehe, dass sie dieses Phänomen verursacht. Ohne Brille alles ganz normal, mit Brille voll lila, aber nur dieser eine Felsen. Ein Geologe oder sonstiger Fachmann könnte mir vielleicht erklären, welches Element in dem Gestein enthalten ist und warum diese Erscheinung nur in Verbindung mit dem Blick durch meine Sonnenbrille hervorgerufen wird.. Aber wieso weit und breit nur dieser eine Brocken??

Etwas nachdenklich gehe ich weiter und versuche mir die Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, dass es sich vielleicht um ein übersinnliches Zeichen gehandelt hat. Aber was will es mir sagen?? Vergiss es, alles Quatsch!

Mir begegnen auf dem Weg nur wenige Wanderer und kurz vor Loutró wird die Gegend deutlich grüner mit mehr Baumbestand. Unter einem Baum direkt am Wegesrand halten sich einige Ziegen im Schatten auf, schöne Exemplare. Von einem Bock mache ich das Porträt-Foto, was später mein Profilbild wird.

Ich schaue von oben auf die Bucht von Loutró herab, die wirklich sehr pittoresk ist. Durch einige Abzäunungen hindurch gehe ich runter in den Ort, wo ich zuerst durch kleine, verwinkelte und sehr gepflegte Gässchen komme, in denen kleinere Geschäfte und Cafés liegen. Nach wenigen Metern gelange ich an den Beginn der schmalen Uferpromenade, an der einige Restaurants liegen, durch die der Weg hindurch führt. Hier brutzelt schon das Fleisch auf den Holzkohle-und Flammengrills und wartet auf den abendlichen Ansturm der Touristen, die jetzt noch wie die Ölsardinen aneinandergereit am schmalen Kiesstrand liegen. Ich gehe bis ungefähr zur Mitte der Promenade und bleibe an einer kleinen Bude stehen, die Getränke und Eis verkauft. Hier kaufe ich mir bei einem freundlichen jungen Mann eine Dose Bier, setze mich auf das Mäuerchen nebenan und schaue durch die Sonnenschirme am Strand hindurch aufs Meer. Hier ist alles dicht an dicht gedrängt und man merkt, dass der schöne Ort eigentlich kaum in der Lage ist, die Massen an (Tages-) Touristen aufzunehmen.

K800_K800_20160825_170116Nette Begegnung

K800_20160825_170153Loutró

K800_20160825_172037Ankunft Loutró von Osten her kommend

Eine Amerikanerin erzählt dem Mann am Kiosk gerade, dass sie in Réthimnon auf einer Hochzeit gewesen sei und 2 Männer, die in der Nacht Gewehrsalven losgelassen hätten, sofort verhaftet worden wären. Laut Gesetz würde unerlaubter Waffenbesitz und Schießerei in der Öffentlichkeit neuerdings sofort mit Gefängnis bestraft, wenn man dabei erwischt würde. Ich denke natürlich sofort an Anógia.

Ich gehe bis zum Ende der Promenade, wo die Schiffe anlegen und erkundige mich nach der Fähre zurück nach Sfakiá. Sie geht (glaube ich) um 16.00 Uhr. Ich kaufe an einer Holzbude ein Ticket (vielleicht 9 €?) und habe noch über eine Stunde Zeit. Hier in der Nähe der Anlegestelle reiht sich auch ein Lokal an das Andere, dazwischen einige Läden mit (Kunst-) Handwerk und dem üblichen Souvenir-Kitsch. Die Lokale sind teilweise aber sehr geschmackvoll gestaltet und durchaus einladend. Trotz oder wegen der Touristenströme hat man sich bemüht, ein gewisses idyllisches Flair zu bewahren. Das ürsprüngliche Fischerdorf wirkt aber mittlerweile eher wie ein stark frequentieres Freilichtmuseum.

Ich gehe nochmal bis ganz ans östliche Ende der Promenade, von wo ich gekommen war, setze mich dort auf eine ins Wasser gebaute Terrasse einer Taverne, habe die schöne Bucht komplett im Blick und trinke noch was. Ich bin zu faul, noch durch den Ort zu laufen und erwarte davon auch nicht allzu viel, da mir alles zu unecht und voll und ganz auf Geschäft fixiert zu sein scheint.

Als die große Fähre der „Anendyk Lines“ auf den Hafen zufährt, bewege ich mich wieder dorthin. Hunderte Leute entern das Schiff. Auf der Rückfahrt nach Chóra Sfakíon sitze ich bei einer Gruppe von jungen Leuten, die mit Gitarre und Percusionsintrumenten Musik machen. Entspannt lasse ich die steile Küste mit den vielen kleine Buchten an mir vorbeiziehen und kann kaum glauben, dass ich diese Wegstrecke heute zufuß gelaufen bin.

Ich schätze, dass die Fahrt eine dreiviertel Stunde gedauert hat, und gehe mit der Menschenmasse in Sfakiá von Bord. Die Restaurants sind schon bestens auf die Attacke vorbereitet. Ich gehe zuerst mal auf mein Zimmer und erst bei Dunkelheit wieder raus zum Essen. Dann liegt der Ort wieder im Dornröschenschlaf, denn 80-90 % der Gäste sind Tagestouristen, und die sind jetzt mit den Reisebussen wieder weg.

2. Strandtag, Vríssi-Bucht

wie der erste, s.o.

Strandtag Vríssi-BuchtVríssi-Bucht (hinterm Horizont liegt Afrika…)

2. Wandertag: Chóra Sfakíon –Arádena-Schlucht – Mármara-Bucht – Loutró

Der Bus in die Berge nach Anópolis geht um 10.00 Uhr. Ich trinke nur einen Kaffee auf dem Zimmer und nehme mir vor, in Anópolis zu frühstücken, bevor ich den Weg zur Arádena-Schlucht antrete. Ich gehe zur Haltestelle auf dem Umschlagplatz am Ortseingang. In mein Daypack packe ich wieder nur Handtuch, Badehose, ein bisschen Brot, Obst und zwei kleine Flaschen Wasser, die müssen reichen, und natürlich den nötigen Kleinkram, wie Mini-Fernglas, Handy, Tabak und den „Fohrer“ . In einer Flasche Wasser habe ich 2 Magnesium-Brausetabletten aufgelöst, da ich mir einbilde, dass das gut ist, und eine halbe Zitrone ausgedrückt.

Früher habe ich in manchen Urlauben auf Kreta öfter den Fehler gemacht, spontan bei einem kleinem Nachmittagsspaziergang um die Häuser, einfach immer weiter zu gehen und mir irgendein Ziel zu stecken, was schon nicht so weit sein wird. Im Dorf schläft gerade sowieso alles, einschließlich der Familie, und auf Strand habe ich heute keinen Bock. Also was soll’s. An Wasser habe ich dann allerdings nicht gedacht und bin dann einige Male echt an meine Grenzen geraten, besonders, wenn es in der Nachmittagssonne nur bergauf ging. Einen Hang zum Übertreiben hatte ich schon immer, aber auf diesen Wander-Exzessen auch immer den unbedingten Willen, dass mir die Lampe nicht ausgeht, auch wenn das Licht schon oft bedenklich flackerte. Eine Art Überlebenstraining (geht auch ohne Militär). Und die Belohnung am Ende mit schon erwähnten Herrengedeck in irgendeiner Taverne ist die Erlösung pur.

Nach kurzer Zeit kommt ein Kleinbus und nimmt die wenigen Leute auf, die heute morgen nach Anópolis hoch wollen. Vielleicht 10, die Hälfte davon Touristen. Die Fahrt dauert etwa eine gute halbe Stunde und man hat anfangs noch schöne Blicke zurück auf Chóra Sfakíon und das Libysche Meer.

Im Dorf Anópolis hält der Bus auf dem zentralen Platz mit einem großen Denkmal für einen kretischen Widerstandskämpfer gegen die Türken. An dem Platz liegen 2 Tavernen mit Außenterrasse, die wohl u.a. vom Wandertourismus leben. Ich nehme die linke der beiden und setze mich außen hin, um erst mal gut zu frühstücken.

Ohne anständiges Frühstück geht bei mir fast garnix. Ich kann den Tag gut ohne Essen verbringen, aber gut Frühstücken muss sein, das war schon immer so. Ich habe morgens immer einen Riesen-Appetit, und sollte das mal nicht so sein, dann kann das nur mit Krankheit oder sonstigen Notfällen, wie z.B. verpennt haben, zu tun haben.

Ich bin der einzige Gast hier. In der Taverne nebenan sitzen, halb drinnen, halb draußen, einige „Anópoler“, immer Alles im Blick und palavern.

Eine freundliche Frau kommt raus und ich bestelle bei ihr ein komplettes Omelett mit Schinken und Schafskäse und den Néßcafe. Hin und wieder kommen Bauern mit Landmaschinen vorbei und gehen Ihrem Tagesgeschäft nach.

Das gute Frühstück war genau die richtige Ration, und ich mache mich auf über den Platz hin zu einer Hinweistafel, wo ein junges und ein älteres Paar stehen und sich unterhalten. Ich schaue auch auf die sonnengebleichte Tafel, die mich ziemlich anstrengt, und komme mit den Leuten ins Gespräch. Beide Paare haben bereits die Arádena-Schlucht „gemacht“ , und können mir die Tour nur empfehlen. Das junge Paar aus Deutschland will heute zum Gipfel des Páchnes hoch. Die beiden sind mir symphatisch, leicht verwildert, ca. Ende 20, er mit langen Haaren, sie einfach dazu passend. Naturfreaks.

Der Páchnes ist als höchster Gipfel der „Léfka Óri“ der „Weißen Berge“ mit 2453 m nur ca. 3m niedriger als Tímios Stavrós im Psiloritis-Gebirge, aber laut Reiseführer einfacher zu besteigen. Man kann es in einem Tag schaffen, wenn man früh genug aufbricht und mit dem Auto, am besten Jeep, bis auf 2050 m Höhe fährt. Von dort aus sind es nur noch 3 Stunden zufuß hin und zurück. Warme Kleidung sollte man immer dabeihaben, da es wohl auch im Juni bis September tagsüber schon mal ziemlich kühl werden kann. Der Panorama-Blick von dort oben ist bestimmt sehr geil, vor allem kann man im Osten den größeren Bruder im Psiloritis-Gebirge sehen, den Tímios Stavrós, der alles überragt.

Ich gehe ortsauswärts die schmale, asphaltierte Straße entlang, immer der Nase nach. Es gibt auch einen alten Eselsweg, der irgendwo parallel verläuft, aber ich ziehe heute mal die Straße vor. Links und rechts des Weges stehen einige Häuschen mit mehr oder weniger angelegten Gärten, es rührt sich nichts, kein Mensch zu sehen. Manche Hütten sehen ein bisschen aus wie Wochenend – oder Ferienhäuser, die zum Teil mit wenig Mitteln, aber kreativ zusammengefrickelt sind.

Nach einer Weile schlängelt sich die schmale Straße durch die hügelige und immer karger werdende Landschaft. Plötzlich blinzelt mich auf dem von der Sonne schummernden Straßenbelag ein kleines, glänzendes Teil an. Sieht aus wie Gold. Als ich es aufhebe, habe ich eine abgefeuerte, zerdötschte Patronenhülse in der Hand. Die wenigen Straßenschilder, die hier stehen, sind selbstverständlich alle durchlöchert. Zum Andenken an die Wanderung stecke ich das Teil in meinen Rucksack, nicht ahnend, dass das dumme Ding ganz am Ende meiner Reise noch eine besondere Rolle spielen wird.

Nach ca. 40 Minuten Fußweg komme ich an eine Kreuzung hinter der die Straße leicht abschüssig am Einstieg zur Schlucht entlang verläuft. Einige hundert Meter weiter gelange ich zur Brücke über die Arádena-Schlucht.

Die Brücke ist eine Art Stiftung zweier Brüder aus der Umgebung, die irgendwann in der Ölindustrie zu viel Geld gekommen sein sollen und dann aus Heimatliebe diese aufwändige Schluchtüberquerung gebaut haben.
Die Arádena ist eine von unzähligen Schluchten im Westen Kretas und eine der mittellangen- und hohen Schluchten, die alle ins Meer münden. Im Winter und Frühjahr sind viele nicht begehbar, da Sturzbäche vom Regen und der Schneeschmelze aus den Bergen sich den Weg ins Meer suchen.
Die höchste, längste und bekannteste dieser Schluchten ist die Samariá, die etwas weiter westlich liegt und bei Agia Roumeli an der Südküste ausläuft. Hier findet ein seit vielen Jahren immer stärker werdender Schlucht-Wandertourismus statt, mittlerweile sogar mit Eintritt. Ich bin noch nie da gewesen und strebe es auch nicht mehr an, da ich auf Massenwanderung keine Lust habe. Allerdings will ich zumindest mal eine richtige Schlucht durchquert haben, und da erscheint mir die Arádena willkommen. Den Tipp habe ich aus der schon erwähnten Reisereportage „Wunderschönes Kreta“ des WDR. Ich denke mir, eine Schlucht reicht. Hast du eine gesehen, dann hast du alle gesehen, da sie sich wahrscheinlich nur in den Dimensionen unterscheiden.

Auf der anderen Seite der Brücke kann man übrigens weiter wandern, über den kleinen Ort Ágios Ioánnis und Ágios Pávlos, vorbei an der Elegiás-Schlucht, bis runter an die Küste nach Ágia Rouméli, wo die Samariá-Schlucht ins Meer mündet.

Ich gehe über die Brücke, eine Holz-Stahlkonstruktion, die auch auch mit dem Auto zu befahren ist. Über den seitlichen Brüstungen sind Metallnetze gespannt und die ganze Konstruktion sieht ein wenig befremdlich aus. Ein paar Männer turnen mit Sicherheitsgurten auf der Brüstung herum und montieren irgendwas. Ich wage einen Blick nach unten in die Schlucht, die schon mächtig tief ist. Am Ende der Brücke komme ich auf einen kleinen Platz mit einem Kiosk, wo ich mir ein Dose Cola kaufe und auf einer Holzbank eine Pause mache. Es dauert nicht lange, da setzt sich eine Gruppe dieser sportlich aussehenden Männer an den Tisch neben mir und macht Mittagspause. Einer hat eine Papiertüte mit Obst dabei, kommt an meinen Tisch und bietet mir zwischen 2 Fingerspitzen eine frische Birne an. Sehr nett, efkaristó polí.

Die Typen im Alter von ca. Mitte 30 machen alle einen sehr fitten und vitalen Eindruck. Voll im Leben stehend. Sie wirken auf mich wie irgendwelche Spezialkräfte und sind bestimmt keine Ziegenhirten aus der Umgebung, aber Kreter. Während sie palavern, fällt bei mir endlich der Groschen: Von der Brücke über die Arádena stürzen sich am Wochenende schonmal einige waghalsige Bungee-Jumper in die Tiefe.

Ich hatte ganz vergessen, dass ich im Reiseführer darüber gelesen hatte und auch in besagter WDR-Reisereportage darüber berichtet wurde. Mit 138 m Tiefe ist das hier angeblich der höchste Bungee-Spot Griechenlands und der zweithöchste Europas.

Meine Tischnachbarn sind wohl so eine Art Höhenretter, die die entsprechende Absprungvorrichtung jedes Wochenende eigens montieren und für den sicheren Ablauf des Spektakels zuständig sind.

Ich überlege, ob ich hier oben warte, bis die ersten Gummi-Twister erscheinen und ich mir das Procedere hier oben anschaue, oder meine Wanderung fortsetze. Da ich in jedem Fall heute noch die Arádena durchqueren und nach Möglichkeit auch noch nachhause kommen will, entschließe ich mich, weiterzugehen. Hinter dem Kiosk führt der Weg weiter durch den verlassenen Ort Arádena, dessen Ruinen und teilweise restaurierten Bruchsteinhäuser erahnen lassen, dass es mal ein bedeutender Ort gewesen sein muss.

Das Dorf ist aufgrund einer Familienfede seit Ende der 40er Jahre verlassen. Ein Junge hatte wohl die Glocke einer Ziege von einer anderen Sippe gestohlen, was dermaßen ausartete, dass sich die Sippenmitglieder gegenseitig umbrachten. Um die totale Ausrottung der Bewohnerschaft zu vermeiden, einigte man sich darauf, den Ort komplett zu verlassen.

Die Siedlung ist zwischen dichtem Baumbestand sehr malerisch eingebettet in die hüglige Landschaft und könnte auch wieder als Filmkulisse oder Beispiel für fantastische Computerspiel-Animationen dienen. Einige wenige Gebäude wurden mit EU-Mitteln renoviert und irgendwann wird das ganze Ensemble wohl zum Freilichtmuseum werden und mehr Touristen anziehen.

Ein alter Eselspfad schlängelt sich steil hinunter zum Grund der Schlucht. Auf der gegenüberliegenden Seite könnte man wieder hinaufgehen, um wieder auf den Weg zurück Richtung Anópolis zu kommen. Ich gehe planmäßig über das ausgetrocknete Flussbett Richtung Schlucht-Schlund und sehe die Brücke, die weit oben wie ein schmaler, schwarzer Strich vor blauem Hintergrund die beiden steilen Felshänge verbindet. Ich hatte gehofft, dass ich jetzt von hier unten vielleicht einen lebensmüden Bungee-Jumper sehen könnte, der dann haarscharf über meinem Kopf wie ein Jojo wieder raufgezogen würde. Aber Fehlanzeige. Wahrscheinlich ist es noch zu früh. Ich kann auch hoch oben keine Anstalten erkennen, die auf einen baldigen Sprung hindeuten. Also setze ich meinen Weg fort. Am Anfang kommt mir noch ein Paar mit Kind entgegen, was wohl einen kurzen Abstecher in den Schluchteingang gemacht hat und wieder hoch will. Ab jetzt begegnet mir bis auf weiteres niemand mehr. Der mit Kies bedeckte Schluchtboden ist anfangs noch ziemlich ausgetreten, wird aber bald unwegsamer, und ich muss das ein oder andere Mal über größere Felsbrocken steigen, insgesamt ist er aber durchaus gangbar.

Arádena-Schlucht Brücke
Brücke über die Arádena-Schlucht

Klar sollte man festes Schuhwerk anhaben (im „Fohrer“ sind Wanderstiefel unbedingt empfohlen), aber ich hatte keine Lust gehabt, mir vor der Abreise noch richtige Wanderschuhe zu kaufen, mit denen ich dann immer rumlaufen muss, wenn ich mal etwas weitere Strecken gehe und vielleicht auch zwischendurch mal ins Wasser hüpfen will, worauf ich dann möglicherweise verzichte, weil das Aus- und Anziehen der steifen und hohen Schnürer mir zu mühsam ist. Und ich hatte mir fest vorgenommen, mit einem Paar Trekkingsandalen und einer Art Allround-Schuh klarkommen zu wollen. Insgesamt 3 Paar Schuhe mitzunehmen wäre mir zuviel gewesen. So hatte ich mir einen halbwegs „normalen“ Camel-Sneaker aus Wildleder mit Leder-Innensohle zugelegt, in dem man auch nicht so schwitzt (ca. 90 €) Die Suche nach einem geeigneten Schuh war äußerst mühsam und langwierig bis ich mich für diesen Halbschuh entschieden hatte, der relativ leicht und trotzdem stabil ist und nicht so nach Eifelverein-Wandertreter aussieht.

Das größte Problem ist, dass das Angebot an „Turnschuhen“ mittlerweile dermaßen unüberschaubar geworden ist, das man völlig ratlos dasteht. Insbesondere, wenn einem die knallig-bunten und auffälligen Plastikapplikationen nicht gefallen, die zzt. Inn sind. Und ob die Qualität die teilweise horrenden Preise bei den Topp-Marken rechtfertigt, bleibt dahingestellt. Wahrscheinlich ist der NoName-Deichmann-Sneaker genauso gut.

Je weiter ich in die Schlucht vordringe, desto dunkler und stiller wird es. Weder Schlangen noch irgendwelches Kleingetier kann ich wahrnehmen. Hin und wieder sehe ich weit oben große Raubvögel, wahrscheinlich Geier, majestätisch über der Schlucht kreisen, die nach einer Mahlzeit Ausschau halten. Ich beschließe, vorsichtig zu sein und hierzu nicht zur Verfügung zu stehen.

So manches Ziegengerippe, das längst gefleddert wurde, liegt verwesend herum. Diese Tiere haben leider Pech gehabt und sind trotz ihrer akrobatischen Fähigkeiten in den steilen Felshängen abgestürzt. Die Geier lauern wohl nur darauf.

Arádena-Schlucht
Arádena-Schlucht

Nach ca. einer dreiviertel Stunde gelange ich zu einer im Reiseführer beschriebenen, steilen Bruchkante, die man entweder über eine angebrachte Eisenleiter 12 m tief hinuntersteigen, oder über einen in den Felshang gehauenen, schmalen und holprigen Pfad umgehen kann. Ich entscheide mich für den Pfad, der zwar teilweise mit mittlerweile morschem Geländer gesichert, aber durch Regenfälle und Steinschlag nicht mehr ganz leicht zu begehen ist. Er führt erst steil hoch an der Felswand entlang und dann ebenso steil wieder runter. Am gefährlichsten sind immer die Ansammlungen von feinem Geröll, die wie ein Rollbett wirken. Hier nützen auch die profiliertesten Sohlen nicht viel. Konzentration ist hier jedenfalls angesagt. Unten am Schluchtboden wieder angekommen, kann ich auf die mächtige Bruchkante zurückschauen und sehe auch die mehr schlecht als recht angebrachte Eisenleiter. Ich stelle mir vor, wie hier im Winter ein Wasserfall herabstürzt. Ein junges Paar aus Deutschland kommt mir strammen Schrittes entgegengestiefelt und steuert gezielt den Abhang mit der Leiter an. Ich sage ihnen, dass es auch einen Umgehungspfad gäbe, aber die beiden kennen sich bestens aus und wollen lieber die Leiter nehmen. Sie sind schon bis zur Mármara-Bucht runtergelaufen und wandern jetzt wieder zurück.

Die Natur hier in der Schlucht ist recht abwechslungsreich, mit bizarren Felsformationen und viel unterschiedlichem Gewächs, teilweise Nadelbäume. Kleinere Felshöhlen sind überall und man kann sich gut vorstellen, dass die Schluchten gerade hier in der Sfakiá im 2. Weltkrieg und auch gegen die Türken das ideale Versteck für kretische Widerstandskämpfer waren. Eindringende Feinde konten hier nur in den Hinterhalt geraten und zogen es eher vor, draußen zu bleiben.

Nach insgesamt vielleicht 2 Stunden werden die Felswände niedriger, es wird heller und man kann das Meer praktisch riechen. Die Schlucht wird breiter und offener und man geht über weichen Untergrund aus Sand und Kies durch ein Oleanderwäldchen bis einen das tiefblaue Meer über der Mármara-Bucht anlacht. Einige Backpacker haben hier im Schluchteingang zwischen den Oleanderbäumen ein schattiges Plätzchen gefunden und ihre Zelte aufgeschlagen ( Ein ähnliches Bild sehe ich einige Wochen später in der kleinen Agío Fárango-Schlucht, die zwischen Káli Liménes an der Südspitze Kretas liegt. Ein ziemlich magischer Ort mit Höhlen in den Felshängen, wo einst Eremiten gelebt haben. Warum sich ausgerechnet an diesen Stellen, wo sich die Schlucht zum Meer hin öffnet, Oleanderwäldchen ansiedeln, wird ein Botaniker oder Biologe sicher erklären können.

Den Strand der Mármara-Bucht (Marmor-Bucht, da hier Marmor-Felsen bis ins Meer hineinreichen), hatte ich mir größer vorgestellt und vor allem war er in dem WDR-Reisebericht ziemlich verlassen und einsam. Die Sendung war aber, glaube ich, im Spätherbst aufgenommen worden. Jetzt sehe auf dem relativ kurzen Stück Strand Liegen und Schirme dicht gedrängt nebeneinander und alle besetzt. Es ist kaum ein freies Plätzchen vorhanden und sehr viel los. Rechts oben auf einem Felsvorsprung sehe ich eine sehr schöne, begrünte Taverne zu der eine Treppe vom Bootsanleger hinaufführt. Zum Baden habe ich noch keine Lust, vor allem in dem Trubel, also begebe ich mich dorthin. Ein Bier kommt jetzt bestimmt gut. Die überdachte Außenterrasse mit Blick aufs Meer ist fast voll besetzt. Mehrere Kellner versorgen die Leute mit Essen und Trinken. Es sind überwiegend größere Gruppen, auffallend viele mit slawischer Sprache, aber auch Griechen, Franzosen, Holländer, Deutsche…. An dem in die Holzbude reingebauten Tresen bestelle ich mir eine Flasche Bier, zahle direkt und gebe zu Verstehen, dass ich nur was trinken möchte. Ein freundlicher Kellner weist mir einen Platz am Ende eines langen Holztisches zu, an dem noch genügend frei ist.

Mármara BuchtMármara

Taverne Mármara-Bucht

Ich kann mich gut an eine Szene aus der erwähnten TV-Reportage erinnern, in der die Moderatorin mit einem Griechen, der hier in der Mármara-Bucht mehrere Ausflusgboote liegen hat, eine Bootstour unternimmt und ihn interviewt. Er hat jahrelang in Düsseldorf gelebt und dort als Büromensch gearbeitet. Irgendwann wurde die Sehnsucht nach seiner Heimat Kreta so groß, dass er die Kravatte ablegen musste und wieder zurückkam. Er baute sich das kleine Geschäft mit den Bootstouren auf und genießt nun das süße Leben auf seinem sonnigen „Kontinent“, der für die meisten Kreter ohnehin die ganze Welt bedeutet.

Ich bin sicher, dass ich den Typen erkennen werde, und es dauert auch nicht lange, dass besagter Kapitän (Jiorgos?) eine Stippvisite an der Theke macht, mit dem Personal schwätzt und die Lage peilt. Ich habe mein Bier leer und hatte sowieso vor, aufzubrechen, gehe aber nur bis zum Bootsanleger und warte, ob mein „TV-Star“ runterkommt, um ihn mal anzusprechen. Nach ein paar Minuten kommt er auch und ich frage ihn, ob er derjenige aus der WDR-Sendung sei. Er lacht und erzählt mir in fließendem Deutsch, dass er seit der Sendung schön öfter angesprochen worden sei und er wäre es. Wir unterhalten uns noch was , und ich frage ihn, ob er heute noch nach Loutró fahren würde, was er verneint. Er hätte gleich eine Termintour in die andere Richtung, ich glaube Rouméli. Aber wenn ich nach meiner Fußtour schon hier wäre, dann könnte ich es auch noch locker bis Loutró machen, gute Stunde.

Hatte ich ohnehin vor. Wir verabschieden uns und ich setzte meinen Spaziergang fort.

Ich gehe über den Strand die trockene Landzunge hinauf auf den ebenso trockenen Pfad am steilen und steinigen Küstenhang, der hier wieder den E4 Wanderweg beschreibt. Die Wegmarkierungen sind allerdings wieder abenteuerlich. Es kommt auf dem felsigen Weg immer wieder vor, dass die Markierung nach einigen Metern voll in den Abgrund führt. Noch einen Schritt und du liegst 15 Meter weiter unten im Meer oder knallst auf die Klippen.

Der nächste Spot ist die Lýkos-Bucht, die ich nach ca. 25 Minuten auf einem Felsabhang erreiche, an dem ich einige Meter zum Strand runterklettern muss. Es ist Ebbe, die sich hier in der Ecke der Bucht deutlicher zeigt als gewöhnlich, und direkt am Wasser haben sich einige Schafe versammelt, die mich oben schon gesehen hatten und mich blökend empfangen. Ich grüße zurück und bin erst mal froh, heil am Strand angekommen zu sein. Der Weg war doch ziemlich anstrengend. Die Schafe lassen mich skeptisch aber unaufgeregt vorbeiziehen, und ich kann jetzt wieder ein Stück entspannter am Meer entlang gehen. In ca. 200 Metern sehe eine Ansammlung von kleinen Häusern mit einigen Tamarisken in der langezogenen, steinigen Bucht.

Lýkos ist ein Ort mit antiker Bedeutung, wie eigentlich alle Orte, und besteht heute aus ein paar Häuschen mit einigen Gästezimmern, wahrscheinlich überwiegend für langjährige Stammgäste, die einzig und allein nur Ruhe wollen. Sehr familiär und die Touristenboote fahren größtenteils vorbei und gucken nur. Wer absolut abschalten will, ist hier gut aufgehoben.

Als ich durch die lose Häusergruppe durchgehe, alles sehr bunt und kinderfreundlich, sehe ich zwischen 2 Häusern rechts zum Meer hin eine größere Gruppe von Leuten unter Bäumen zum Essen sitzen. Wir grüßen uns und ich ziehe meines Weges.

Den Weg weiter Richtung Fínix kann ich nicht erkennen, er muss irgendwo hinter den Häusern wieder steil hoch auf den Küstenpfad führen. Wieder der Nase nach, gehe ich einige Stufen hoch durch ein Haus, wo 4 schwarz gekleidete, total-vollbärtige und absolut urig aussehende Typen auf dem Innenhof an der Wand aufgereiht auf Ihren Stühlen sitzen. Offensichtlich das Kafeneíon der Eingeborenen. Ich habe keine Ahnung, wie oft das vorkommt, dass hier Wanderer nach dem Weg fragen, aber ich denke schon des Öfteren. Trotzdem kommen mir die 4 genauso verdutzt vor, wie ich ihnen. Die Männer weisen mir aber freundlich den Weg, der irgendwo hinter dem Haus hochführt. Ich gehe durch den seitlichen Torbogen um das Haus herum und ich muss fast wieder kraxeln, denn er führt am Anfang sehr steil und unwegsam auf den Küstenpfad nach Finix. Vielleicht habe ich auch den falschen Einstieg erwischt.

Von oben aus schaue ich nochmal zurück auf die Lýkos-Bucht. Ein schöner Platz, hoffentlich bleibt er noch lange so erhalten.

Lýcos1Lýcos

In weiteren ca. 25 Minuten erreiche ich Finix. Der Weg war nun etwas besser zu gehen, aber ich kriege verdammt müde Füße und fühle mich ziemlich kaputt. Das Einzige, was jetzt hilft, ist ein erfrischendes Bad im Meer.

Finix soll der Hafen des antiken Anópolis gewesen sein und ist auf den ersten Blick etwas beschaulicher als Lýcos. Ich komme über einen Hügel von hinten in den Ort rein, wo einige kleine Häuser im Grünen mit gewachsenem Baumbestand stehen. Nach einigen Metern erreiche ich die kleine und schmale Kiesbucht, an der sich nur 2-3 Menschen auf Liegen entspannen, halb im Schatten unter Bäumen, die von der Böschung überhängen. Ich werde kurz als unbekannter Eindringling registriert und gehe schnurstracks auf ein direkt vorne liegendes Holzboot zu, wo ich mich zeitlupenmäßig ausziehe, weil ich so kaputt bin. Die erlösende Erfrischung im Meer setzt aber wieder die Glückshormone frei. Ich schwimme etwas raus und schaue mir vom Wasser aus an, wo ich eigentlich bin. Eine kleine Natursteinmole, an der Boote anlegen können, führt einige Meter ins Meer rein, und begrenzt die kleine Badebucht. Wenige Meter oberhalb vom Strand liegt eine Taverne/Pension mit relativ großer, überdachter Außenterrasse. Es ist noch Ruhezeit, nichts bewegt sich.

Nach ausgiebigem Bad ziehe ich mich direkt wieder an und checke die Uhrzeit. Für ein Getränk muss die Zeit reichen. Ich gehe die Stufen hoch und begrüße die Wirtsfamilie, die um einen Tisch herum sitzt. An der Brüstung über dem Meer setze ich mich hin und bestelle ein Bier. Die Taverne macht einen ziemlich gepflegten Eindruck, auf den Tischen liegen Stoffdeckchen und die blauen, typisch griechischen Stühle stehen ordentlich in Reih und Glied an den Tischen. Ich denke, dass hier mittags und vor allem abends Betrieb ist, und vielleicht auch einige Touristen von außerhalb hier herkommen-wie sie das auch immer schaffen mögen, denn eigentlich ist die Fínix-Bucht, glaube ich, fast nur vom Meer aus zu erreichen.
An an der Mole legt gerade ein Mann mit seinem kleinen Außenborder Richtung Loutró ab. Er hätte mich bestimmt mitnehmen können, aber ich bin einfach zu träge, um irgendwelche Spontan-Aktionen zu unternehmen und ihn anzusprechen. Vielleicht habe ich auch einen kleinen Sonnenstich, denn auch zur Griechisch-Kommunikation mit der Wirtsfamilie bin ich kaum in der Lage. Es kommt nur Mist raus.

Alles in Allem gilt für Finix als Erholungsort das Gleiche wie für Lýcos. Ruhe und Entspannung pur.

Fínix Rückblick1Fínix

Auf dem letzten Stück Weg mache ich zurückblickend noch ein Erinnerungsfoto von der Finix-Bucht und erreiche in knapp 30 Minuten Loutró. Diesmal komme ich von der westlichen Seite in das Touristenidyll rein. Der Zugang von den Felsen aus ist richtig gut ausgebaut, Natursteinwege mit Geländer und so. Wie es sich für ein Touristenzentrum gehört.

Ankunft Loutró von WestenAnkunft Loutró von Westen her kommend

Mein Timing stimmt. Es dauert nur ca. eine Viertelstunde und die große Fähre der Anendyk-Lines legt an. Mit der Rückfahrt nach Chóra Sfakíon folgt die Wiederholung von vorgestern. Ich bin müde, aber zufrieden, dass ich nun den Küstenabschnitt zwischen Sfakiá und der Marmorbucht endlich kennengelernt habe und ich ihn vorerst auf meiner Agenda streichen kann. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt immer, denn man könnte alleine in dieser Gegend locker einige Wochen verbringen und sich noch Vieles anschauen. Aber die Hot-Spots sind jetzt jedenfalls gespeichert.

Am Abend gehe ich nur noch in meiner Haustaverne was essen und mache mit meinem Patron Jánnis die Verlängerung meines Zimmers um weitere 3 Nächte klar. Die brauche ich hier noch, denn ich habe beschlossen, endlich mal auf die Insel Gávdos zum südlichsten Punkt Europas rüberzuschippern. Wenn ich es jetzt nicht mache, dann wahrscheinlich nie mehr.

Ich esse und trinke bestimmt noch 2 Stunden und als ich bezahle, drücke ich dem Chef separat die 90 € für das Zimmer in die Hand, ohne Worte. Wir verstehen uns blind.

Das Aufstehen fällt schwer, und ich schleppe mich nur noch ins Bett. Morgen nur Strand…

3. Strandtag ( wie der erste und zweite, s.o.)

K800_20160826_150544Blick von der Taverne „The Three Brothers“ in die Vríssi-Bucht

3. Wandertag: Mit Captain Cóstas nach Gávdos zur südlichsten Insel Europas

Vom Balkon meines Zimmers konnte ich die Insel Gávdos in der Ferne immer gut erkennen. Sie ist ca. 40 km (20 Seemeilen) von der Südküste entfernt, was mir als Leichtmatrose allerdings nicht viel sagt. Bei klarer Sicht sieht es so aus, als könne man mit dem Motorböötchen mal locker rüberschippern, aber der Schein trügt gewaltig.

Einige Meter von meinem Apartment entfernt war ich immer an einem kleinen Schild an einer Hauswand vorbeigekommen, auf dem Captain Cóstas seine „Gávdos Cruises“ mit Telefonnummer anbietet. Telefonieren war mir zu anstrengend, und deshalb war ich dann gestern Nachmittag zum Hafen gegangen, um Captain Cóstas zu finden und für heute die Überfahrt klarzumachen. An einem Container-Büro wird auf großen Schildern dafür geworben, dass alle Infos zu sämtlichen Schiffstouren dort erhältlich seien. Hinter dem Touristen-Office saß ein Mann auf seinem Stuhl im Schatten. Als ich ihn auf Captain Cóstas ansprach, gab er vor, ihn nicht zu kennen. Mir schien, dass man ihm Maulsperre verordnet hat, weil man den kleinen Privatanbietern offensichtlich nicht die Butter auf dem Brot gönnt und nur für die große „Anendyk Lines“ o.a. wirbt. Also spazierte ich etwas rum und erkundigte mich bei einem Griechen auf einem anliegenden Boot. Er wies mich sofort auf die hintere Ecke am Kai hin, unterhalb der Straße, die zum Hafen führt. Hier saß eine kleine Gruppe von Leuten und als ich darauf zukam, empfing mich der Vater meines Vermieters Jánnis von The Three Brothers und streckte mir hell erfreut die Hand entgegen. Wir kannten uns aus der Taverne, wo er den lieben langen Tag in seinem weißen Ripp-Träger-Unterhemd seinen Ellinikó genießt. Er sieht schon ziemlich verlebt aus, der ein oder andere Rakí hat möglichweise seinen Teil dazu beitragen. Das Arbeiten hat er wohl schon seit Längerem eingestellt und hat es wohl auch nicht mehr nötig. Seine noch rüstige Frau, die Mutter der Company, hat offensichtlich die Hosen an und schmeißt den Laden mit dem Rest der Familie. Vattern genießt seinen Lebensabend.

Captain Cóstas, ein stolzer, kantiger Grieche mit längerem, welligen Haar saß mit seiner Familie da. Mit seiner deutschen Frau Bettina, ich glaube aus Darmstadt, und zwei prächtigen Söhnen im Alter von ca. 13-15 Jahren, macht er während der Saison die Schiffstouren nach Gávdos. Nachdem ich mich eine Weile dazugesetzt und mit Bettina auf Deutsch unterhalten hatte, machte ich mein Ticket für heute klar, Abfahrt 9.30 Uhr, um die 40 €.

Ca. 10-12 Personen haben sich heute morgen zum Trip nach Gávdos angemeldet. Die Hälfte davon Deutsche. Bettina, Costas‘ Frau, kassiert von jedem Einzelnen das Geld und wir legen ab. Mit dem Rücken zur Passagierkabine des vielleicht 12-14 Meter langen Boots setze ich mich außen auf eine Bank mit Blick auf den immer kleiner werdenden Hafen von Chóra Sfakíon und das immer größer werdende Kreta. Die Gischt, die das Boot hinter sich läßt, ist schon kräftig und man merkt deutlich, dass das Schiff schon richtig Power braucht, um sich durch die Wellen zu pflügen und den Kurs zu halten. Wir haben gutes, ruhiges Wetter, aber dennoch ist der Seegang nicht ohne. Für eine Überfahrt dieser Entfernung muss ein Boot wohl schon hochseetauglich sei, da sich an vielen Stellen der Südküste tückische Fallwinde entwickeln können, die das, vom Strand aus gesehen, immer so friedliche Meer für kleinere Schiffe gefährlich werden lassen können.

Abfahrt nach GávdosAbfahrt von Chóra Sfakíon nach Gávdos

Der „Kontinent“ rückt in immer weitere Ferne und nach und nach wird die Dimension Kretas wieder deutlich. Man darf nicht erwarten, dass man die Insel, je weiter man sich entfernt, schon bald in ihrer kompletten Größe erkennen kann. Dafür ist die Ost-West Ausdehnung mit ca. 260 km einfach zu groß. Im Westen sehe ich in der Ferne ein Kap und denke, dass das schon der „Haken“ bei Mátala und Kali Liménes sein könnte. Aber weit gefehlt, es ist gerade mal ein gutes Stück hinter Plakias, wie mich Cóstas aufklärt, der vorne etwas erhöht in der Kabine am Ruder sitzt und konzentriert Richtung Gávdos steuert. Seine Frau sitzt eng an seiner Seite und die Jungs halten sich vorne auf dem Bug auf. Bestimmt halten sie auch Ausschau nach Delfinen.

Als ich mich das dritte mal Richtung Gávdos umdrehe, um zu sehen, wie weit es noch ist, steuern wir plötzlich auf eine total hohe, tiefschwarze Wand zu. Sofort schießt mir die „Moloch“ aus „ Die 13 Leben des Käpt’n Blaubär“ in Kopf, das dicke Buch von Walter Mörs, aus dem ich meinem Sohn immer vorgelesen habe. Wie aus dem Nichts, weil ich ja immer in die andere Richtung geguckt habe, kreuzt uns ein schwarzes Riesen-Containerschiff, wie man sie in der Ferne von der Küste aus immer wieder sieht, auf ihrer Route wahrscheinlich Richtung Suez-Kanal. Obwohl sie doch sehr weit entfernt von der Küste fahren, kann man vom Strand aus erahnen, dass es absolute Riesendinger sein müssen. Und jetzt sehe ich hier die wahre Relation von Schaluppe und Monsterschiff.

Und Cóstas denkt nicht dran, die Geschwindigkeit zurückzunehmen, und zieht, unter Berücksichtigung des Wellenschlags des Kollosses, geradewegs und noch auf sichere Distanz zum Heck des Schiffes durch. Chapeau!

Gávdos rückt langsam näher und man kann die Kontouren der kleinen Insel schon gut erkennen.

Aus dem Reiseführer habe ich erfahren, dass mittlerweile nur noch ca. 40 Personen dauerhaft auf Gávdos wohnen, die ihr Geld überwiegend im Tourismus-Geschäft verdienen. Vor hundert Jahren sollen es noch ca. 400 gewesen sein und in grauer Vorzeit sogar noch um die 8.000 Bewohner. Früher gab es noch Schafzucht, was aber mittlerweile auch nicht mehr ist. Es gibt im Norden, also zu Kreta hingewandt, bis zu 100 m hohe Steilfelsen und lange Strände mit seltenen Kiefernarten und Wacholderbewuchs. Der Süden soll äußerst felsig und karg sein und stark an nordafrikanische Landschaften erinnern. Im Inselinnern gibt es Täler mit größeren Waldgebieten und seltenen Kiefernarten, vereinzelt Süßwasserquellen und kleinere Wasserfälle. Auch Süßwasserschildkröten sind hier noch anzutreffen.

Die Versorgung der Einwohner von Kreta aus war schon immer schwierig und auch der Fährbetrieb für Touristen hat eine sehr wechselhafte Geschichte. Manche Linien, die von den Orten Paleochóra, Soúgia, Agía Rouméli, Chóra Sfakíon und auch Plakiás die Erlaubnis bekommen hatten, Touristen und Nicht-Touristen mit oder ohne Fahrzeuge rüberzubringen, mußten den Betrieb wieder einstellen, und die Fahrpläne waren nicht sehr verläßlich. Es konnte zeitweise auch passieren, dass man tagelang nicht mehr zurückkam, da die Windverhältnisse es nicht zuließen. Ab Windstärke 5 aufwärts wird die Erlaubnis zum Auslaufen von der Hafenpolizei nicht erteilt.
Einmal brach das Tourismusgeschäft auf Gávdos um 80 % ein, da es überhaupt kaum noch Möglichkeiten gab, rüberzukommen. ( Quelle „Fohrer“).

In Lentas erzählte mir mal jemand, dass viele Hippies nach der Flower- Power-Zeit in den 60er und 70er Jahren an der Südküste, vor allem um Mátala herum, nach Gávdos zogen, da es ihnen an der Südküste zu touristisch wurde.

Nach einer guten Stunde laufen wir in den kleinen Hafen von Karavé ein. Hier stehen nur wenige Gebäude mit einer Taverne und einem Motorrollerverleih. Ein größeres Haus befindet sich noch im Rohbau. 2 Kleinbusse warten auf Fahrgäste, die wahrscheinlich genau wissen, wo sie hinwollen. Das ist bei mir mal wieder nicht so, ich habe aber auch keine Lust, mich einer Gruppe anzuschließen. Die Rückfahrt nach Chóra Sfakíon ist um 17.00 Uhr, dann muss ich wieder an der Anlegestelle sein. Ich überlege, mir einen Roller zu mieten, mache mich dann aber doch zufuß auf den Weg aus dem Hafen raus, getreu meiner Devise, dass man nur da wirklich war, wo man zufuß war. Sozusagen Qualität vor Quantität. Mit fahrbarem Untersatz könnte ich heute die ganze Insel mit allen sehenswerten Eckpunkten komplett erkunden, würde mich dann aber auf keine Stelle richtig einlassen können, da ich schon wieder zum nächsten Zwischenziel müßte und würde viele tolle Orte rechts und links liegenlassen, ohne es zu merken. Zudem bin ich mittlerweile in einem Modus angelangt, wo ich das Alleinrumlaufen genieße. Unterhaltung habe ich mit mir selbst genug und es fehlt eigentlich nur noch, dass ich mein Handy und das Tablett entsorge, oder besser verschenke. Der Gedanke, nochmal eine Weile ohne diese technischen Hilfsmittel auszukommen, ist schon verlockend. Aber wahrscheinlich hab ich einfach zuviel Schiss.

Ankunft Gávdos-KaravéGávdos Hafen Karavé

Die geteerte Straße steigt vom Hafen aus erst ziemlich steil an, und ich komme nach ca. 10 Minuten zu einer Kreuzung mit Ortsschildern. Die Ortsnamen wie Sarakíniko, Ágios Joánnis, Kastrí sind mir aus dem Reiseführer bekannt und ich entscheide mich für Àgios Joánnis, was ein langer, naturbelassener Strand mit Wacholderbäumen und Kiefern in einer Dünenlandschaft mit feinstem Sand sein soll. Nach einer Weile geht eine schmale Straße rechts ab nach Sarakíniko, ein langer Strandabschnitt, an dem sich früher die Hippies und Wildzelter niedergelassen haben sollen, die dann später nach Ágios Joánnis weitergezogen sind, da die Bebauung mit Pensionen und Tavernen zunahm, und es ihnen auch hier wieder zu touristisch wurde. Der schöne Tamarisken- und Kiefernbestand am Strand hatte damals zudem schon ziemlich abgenommen.

Ich gehe die Hauptstraße weiter. Außer dem Bus vom Hafen und einem Mopedfahrer ist noch keiner an mir vorbeigefahre und ich stelle mich drauf ein, die paar Kilometer nach Ágios Joánnis per pedes zurückzulegen. Nach einigen hundert Metern kommt aber ein weißer Kleinwagen, hält kurz neben mir an und die Beifahrerin fragt, ob sie mich mitnehmen sollten. Die Einladung schlage ich natürlich nicht ab und ich steige ein. Das junge griechische Paar kennt sich bestens aus, scheint zu den wenigen residenten Bewohnern zu gehören und läßt mich oberhalb von Ágios Joánnis raus. Sie würden später auch zum Strand kommen und bestätigen mich in meinem Vorhaben, hierhin zu wollen, da es einfach nur total schön sei.

Über den staubigen, bald in feinen Sand übergehenden Parkplatz, vorbei an 2 coolen Tavernen, wo einem der leibhaftige Bob Marley erscheint, komme ich schon bald in die sanft geschwungene Dünenlandschaft mit dem alten Wacholderbewuchs. In der Weite hinter den Sandhügeln lacht mich schon wieder das knallblaue Meer an. Im Abstand von einigen zig Metern sind kleine Holzpflöcke in den Sand gerammt, um den empfohlenen Fussweg durch die Naturlandschaft zu markieren und sie somit vor wild durch die Lanschaft umherirrende Besucher zu schützen. Die Wildzelter haben sich allerdings überall verstreut in den Mulden zwischen den Wacholderbäumen ihre idyllischen Wohnbereiche in Topplage abgesteckt.

K800_20160829_144420Ágios Joánnis 1

K800_20160829_122106Ágios Joánnis 2 (Blick auf Gavdopoúla)

Ich kann es ihnen nicht verübeln und denke wieder an meinen ersten und bis dato einzigen Rucksackurlaub in Griechenland vor über 35 Jahren mit meiner damaligen Freundin. Wir hatten 4 Wochen eingeplant und waren zunächst von Düren aus bis München getrampt. Von dort aus dann mit dem „Hellas-Express“ (auch Akropolis-Express genannt) mit InterRail-Ticket bis Thessaloniki. Die Zugfahrt hatte über 40 Stunden quasi ohne Schlaf gedauert, war sehr anstrengend, aber extrem erfahrungsreich. Die fast 2 Tage und Nächte über die Balkanroute durch das Ex-Jugoslawien hatten eine derartige Erlebnisdichte, dass ich allein hierüber 20 Seiten schreiben könnte. Ich denke, dass ich danach nie wieder über solch einen kurzen Zeitraum hinweg so vielen Menschen unterschiedlicher Couleur und Nationalität begegnet bin.
Jedenfalls haben wir damals auch an einigen wunderschönen Stränden und in angrenzenden Wäldern wild gezeltet, was damals verbreitet noch erlaubt bzw. geduldet war. Erst auf Chalkídiki, dann später noch auf der Sporadeninsel Skópelos. Man traf viele Gleichgesinnte und das freie Leben war schon fast zu schön. Neben einem späteren Trip mit 2 Freunden in einem umgebauten Hanomag-Bus nach Marokko war es wohl die schönste Reise, die ich bis heute gemacht habe.

Den leichten Dünenabhang herunter, komme ich auf den langen, breiten Strand von Ágios Joánnis. In der Ferne kann man die kleine, unbewohnte Insel Gavdopoúla, erkennen, die kleine Schwester der Insel Gávdos. Es sind zwar einige Leute hier am Strand, aber aufgrund seiner Größe verteilt es sich so, dass es Platz ohne Ende gibt. Ebbe und Flut scheinen auch hier stärker zu sein, als man es von der Küste Kretas gewohnt ist, da sich der Strand flach und weit ins Wasser zieht. Aber der Gezeitenunterschied ist längst nicht so stark wie z.B. am Atlantik, es sind nur ein paar Meter .

Es ist Ebbe und ich gehe über den festen Sand am Wasser entlang. Landeinwärts am Fuß der Dünenlandschaft sehe ich vereinzelt selbstgebaute Hütten aus flachen, runden Steinen und Gehölz stehen, die mich spontan an Robinson Crusoe erinnern. Die Geschichte hat mich als Kind schon immer fasziniert. Die Naturbehausungen sind zum Teil so liebevoll errichtet und mit dem Nötigsten ausgestattet, dass ich denke, was braucht man mehr, als solch eine Wohnung in Topp-Lage, und das auch noch kostenlos. Ich mache einige Fotos von der prämierungswürdigen Architektur dieser Kleinst-Immobilien und ziehe meines Weges.

Robinson2Robinson 1

Robinson1Robinson 2

Am Ende des Strands geht es über einen Steilhang zur nächsten Bucht namens Lavrákas. Der sandige, schmale Pfad hoch oben an der Küste entlang ist schon gut ausgetrampelt und führt nach einer Weile zwischen Wacholderbewuchs zum nächsten, karibikartigen Strand. Einige Meter vor mir ist der Weg plötzlich durch ein langes, spiralförmiges Etwas versperrt, einige Meter lang und mit einem Durchmesser von bestimmt 40 Zentimetern. Ich kann mir zunächst nicht erklären, was es ist, sehe dann aber, dass es die mächtige Wurzel eines Wacholderbaumes ist, die es vorgezogen hat, überirdisch durch die Luft zu wachsen. Eine regelrechte Monsterwurzel, wie ich sie noch nie gesehen habe. Das Alter würde mich mal interessieren.

Monsterwurzel

Am breiten, ebenfalls mit Bäumen bewachsenen Strand von Lavrákas komme ich zu einer kleinen, alten Kapelle mit einem natürlichen Süßwasserbrunnen, von dem ich im Reiseführer gelesen hatte. Hier mache ich Pause und fülle meine Wasservorräte auf. Zwischen dem Baumbestand kann ich Urlauber mittleren Alters erkennen, die Ihre Ruhe und Einsamkeit in diesem Paradies gesucht und gefunden haben. Irgendwie haben sie es auch hinbekommen, eine Dusche in Eigenbau zu installieren, die von dem Brunnenwasser gespeist wird. Perfekt! Wenn man genügend Lebensmittel dabei hat und vielleicht noch einen Gaskocher, kann man hier schon einige Tage verbringen. Strom muss nicht unbedingt sein, aber genügend Wasser ist unabdingbar und frisches Quellwasser ist in diesen Breitengraden dann schon Luxus. Ich würde dieser Unterkunft 5 Sterne geben…

Lavrakas-BrunnenLavrákas Trinkwasser-Brunnen

Es ist allerdings auch nicht so, dass man hier fernab jeglicher Nahversorgung ist, denn einen Laden mit allem was man braucht gibt es in der Hauptsaison am Parkplatz von Ágios Joánnis auch. Und „Night Fever“ zur Abwechslung in der Reggae-Taverne nach einem Einkaufsspaziergang, ca. 1/2 Stunde OneWay, ist auch drin.

Ich setze meinen Weg noch fort bis zu der lang und flach ins Meer abfallenden, steinigen Landzunge am Ende des Strandes. Hier hat sich ein „Robinson“ ein alleinstehendes Objekt mit überdachter Außenterrasse in absoluter Traumlage erstellt. Ich gehe das Felsplateau hoch, um es mir etwas näher anzuschauen. Auf einem Stein sehe ich auch den wohl nicht ganz erst gemeinten Hinweis auf ein Café. Als ich mich von hinten dem Idyll nähere, sehe ich, dass jemand an der Hütte ganz hektisch und nervös anfängt rumzukramen. Er hat mich wohl kommen sehen, aber ich weiß nicht, ob seine Unruhe nun bedeutet, dass er den Fremden empfangen möchte oder eher nicht. Ich beschließe, seine Kreise nicht zu stören und gehe wieder zurück an den Strand, um mein obligatorisches Wellness-Bad zu nehmen.

Robinson3-LavrakasInoffizielle Taverne in Topp-Lage von Lavrákas

In dem flachen, kristallklaren Wasser müßte ich schon einige zig Meter hinausgehen, um Schwimmen zu können, was aber nicht sein muss. Ich entspanne mich bestimmt eine halbe Stunde lang im flachen Wasser und lasse die ganze Schönheit der Natur auf mich wirken. Außer mir ist nur noch ein Paar mittleren Alters ein paar Meter weiter hier, und aalt sich sichtlich verliebt im Wasser. Wortlos übertreffen wir uns gegenseitig in unserer hellauf entspannten Mimik, die ausdrückt, dass wir offensichtlich im Paradies gelandet sind.

Unter der beschriebenen Dusche einige Meter oberhalb erfrischt sich mittlerweile eine nackte Frau und komplettiert das Bild.

Bevor ich mich wieder anziehe, muss ich noch ein paar Fotos machen und das zweite Selfie meines Lebens ist fällig. Das erste war bei der Ankunft in Chóra Sfakíon am Libyschen Meer und nun das zweite auf der südlichsten Insel Europas.

Sefie on Gavdos 2016Selfie on Gávdos

Der Korrektheit halber sei zu erwähnen, dass der tatsächlich südlichste Punkt Europas an der Süd-Ost-Spitze der Insel liegt, dem Kap Tripiti (Ákra Tripití).

Tiefenentspannt, aber gleichzeitig nachdenklich trete ich den Rückweg an. Ob ich es nochmal schaffe, evtl. mit jemand Gleichgesinntem, längere Zeit hier zu verbringen und die verborgenen Schönheiten der Insel zu entdecken?

Wieder an der Reggae-Taverne angekommen, freue ich mich auf ein kaltes Bier, was ich bei dem langhaarigen Barmann mit sonnengegerbtem Gesicht bestelle. Er ist noch jung, aber sieht ziemlich fertig aus, was wohl an den langen durchgearbeiteten und durchzechten Nächten liegt.

Ich sitze bestimmt noch eine gute Stunde hier auf der überdachten Terrasse mit Blick auf die Dünenlandschaft und das Meer bei guter Reggae-Musik und beobachte die typische Szenerie, die ich mir genauso vorgestellt hatte. Eine bunte Mischung aus Archäo- und Neo-Hippies, Ein- und Aussteigern und Normalos. An einem Tisch sitzt eine Gruppe junger Deutscher, braun gebrannt, Rucksäcke und Musikinstrumente schon gepackt, und ertränken ihren Frust, wieder abreisen zu müssen. Einige Joints kreisen, denn das restliche Gras kann nicht mit in den Flieger und muss weg.

Nach zwei Flaschen Bier und einigen Zigaretten, leider nur Tabak,  mache ich mich auf zu der etwas oberhalb am Parkplatz gelegenen Taverne, die etwas neuer und schicker aussieht, um nach einer Rückkehrmöglichkeit zum Hafen zu fragen. Hier sitzt niemand, nur ein junges griechisches Paar macht die Theke. Freundlich und gut gelaunt weisen sie mich auf den Busfahrer hin, der ein paar Meter weiter an einen Holzpfahl gelehnt mit einem Bekannten palavert und ich sehe auch seinen Bus hinten auf dem Parkplatz stehen. Um 4 geht’s los und ich habe noch Zeit für einen Ellinikó an der Theke, der mir gepflegt (und sogar mit Quittung!) serviert wird. Ich unterhalte mich noch was mit der netten Kellenerin, und da ruft der Busfahrer mich auch schon zum Bus.

Mir kommt es fast so vor, dass hier so eine Art Buschtrommel-Kommunikation herrscht, und jeder auf der Insel weiß, wer wann angekommen ist, wo er gerade aushängt, wie lange er bleibt und wann er wieder irgendwo sein muss. Ich hatte keine genaue Info, dass von hier aus jetzt ein Bus zurück zum Hafen fährt. Ich wäre zufuß gegangen und hatte geschätzt, dass ich es in 1 Stunde schaffe, mit Daumen raus ggfl. schneller.

Anfangs bin ich der einzige Fahrgast, erst am Sarakíniko-Strand, den ich jetzt auch das erste Mal sehe und der tatsächlich etwas belebter und bebauter ist, nehmen wir noch Leute auf.

Ich bin pünktlich zurück am Hafen und die „Talos“ von Gávdos Cruises scheint schon auf mich zu warten. Die Passagiere sind schon alle da und ich bin der letzte. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so selten vorkommt, dass sich jemand spontan entschließt, noch ein paar Tage länger auf der Insel zu bleiben und erst später sein Rückfahrticket löst.

Gávdos CruisesCaptain Cóstas‘ Gávdos Cruises

Bye bye GávdosBye, bye Gávdos

Nach wenigen Minuten legen wir ab und nehmen wieder Kurs auf Kreta. Die Rückfahrt kommt mir kürzer vor, was bei Rückfahrten meistens so ist, und wir sind gegen 6 wieder in Chóra Sfakíon.

Ich bin total froh, dass ich den Trip nach Gávdos noch gemacht habe, denn morgen geht’s schon wie geplant nach Léntas, sozusagen nachhause. Ich packe meinen Rucksack auf dem Zimmer schonmal reisefertig und gehe zum Essen und zur Verabschiedung noch in meine Haustaverne. Es ist heute nicht viel los hier und Jánnis, der Wirt,  macht einen ungewohnt gelösten und entspannten Eindruck. Nach dem Essen kommt er immer wieder mit einer Karaffe Rakí an meinen Tisch und stößt mit mir an. Ich kann kaum mithalten.

Ich hatte die ganze Woche über den Eindruck, dass eine angespannte Atmosphäre herrschte, vielleicht aus Personalmangel. Viele Gäste wären unzufrieden, weil es ungewöhnlich lange dauerte, bis das Essen kam, und wenn sie dann fertig waren und zahlen wollten, dauerte es extrem lange bis die Rechnung kam. Und Jánnis machte immer einen gestressten Eindruck. Heute ist er sehr gesprächig, bedankt sich bei mir und wünscht mir noch eine gute Reise.

Eine absolut auffällige Sache bleibt mir von Chóra Sfakíon in Erinnerung: Obwohl die ganze Sfákia für traditionell kretische Musik bekannt ist, habe ich während meines gesamten Aufenthaltes keinen einzigen Ton Musik gehört, weder live noch aus Lautsprechern in irgendeiner Taverne, noch aus irgendeiner anderen Quelle. Es herrschte abends überall Totenstille, keine Musik, geschweige denn Disco, Feiern oder Tanz. Ich bin leider nicht dahintergekommen, was der Grund dafür war. Vielleicht gab es einen Dorfentscheid: „Entweder Alle oder Keiner“, und man hatte sich auf „Keiner“ geeinigt, um in der Tavernen-Gasse keine „Kakophonie“ zu haben.  Für mich jedenfalls ein absolutes Novum auf Kreta und ein etwas seltsamer Nachgeschmack.

K800_20160823_155223Tschüss Sfakiá

Chóra SfakíonHinweisschild am Ortseingang von Chóra Sfakíon

Letzte Etappe: Léntas und Ende

An der Südküste gibt es kaum Busverbindungen von West nach Ost, im Gegensatz zu der gut ausgebauten Nordküste. Will man zum z.B. von Chóra Sfakíon nach Plakiás oder weiter, muss man erst wieder hoch Richtung Chaniá und dann bis Réthimnon, um wieder in den Süden zu kommen, zumindest mit dem Bus.

Heute morgen um 10.00 Uhr geht immerhin ein Bus bis Frangokástello an der Südküste entlang, was schonmal in meiner Richtung liegt. Von dort aus will ich dann bis Míres trampen, von wo es kein Problem sein wird, nach Léntas zu kommen.

Ich hatte vor ein paar Tagen mit meinem Freund Chrístos in Léntas telefonisch klar gemacht, dass er mir ein günstiges Zimmer besorgt. Ich hatte die „Villa Mary“ im Auge, die im Ort nur ein paar Meter vom Meer entfernt liegt und in der es auch kleine, günstige Zimmer gibt. Chrístos sollte versuchen, einen Preis von 20€/Nacht auszuhandeln. Um es dem Vermieter schmackhaft zu machen, war ich bereit, 4 Wochen im Voraus zu zahlen. Und genauso hat Chrístos das dann auch hinbekommen. Einen Tag später rief er mich an, teilte mir mit, dass alles geritzt sei, und ich mir eines von 2 Zimmern im Erdgeschoss aussuchen könne. Die Schlüssel würden stecken. Perfekt!

Ich stelle mich darauf ein, dass ich möglicherweise erst spät abends in Léntas eintreffen werde. Die Entfernung beträgt rund 130 km und ich werde bestimmt etliche Etappen brauchen und oft lange stehen, bis mich jemand mitnimmt.

Bis Frangokástello fährt der Kleinbus vielleicht eine knappe halbe Stunde. Auf der Fahrt kann ich mich wieder gut an meine damaligen Motorradausflüge erinnern. Einiges kommt mir bekannt vor. Frangokástello liegt in einer weiten, steppenartigen Tiefebene die sich bis ins Meer hineinzieht. Untypisch für den übrigen Teil der Südküste, die größtenteils von zerklüfteter und karger Felslandschaft geprägt ist. Landeinwärts sieht man die schönen Ausläufer und Berghänge der Léfka Óri an denen weit verstreut kleine Dörfer mit Ihren weißen Häusern kleben.

Frangokástello hat seinen Namen von einer venezianischen Festung aus dem 14. Jhdt., die am weiten, sandigen Ufer liegt und deren Türme mit Burgzinnen aus der Ferne sichtbar sind. Auch hier wieder eine bewegte Vergangenheit von Besatzung, Krieg und Widerstand.

Ich erinnere mich wieder, wie ich vor über 20 Jahren mit meiner Frau und unserem Söhnchen, der mal gerade 1 Jahr alt war, von Plakiás aus mit dem Mietwagen einen Tagesausflug nach Frangokástello gemacht habe und wir ein paar Stunden am wattartigen Strand waren. Mein Sohn hatte die helle Freude daran, sich von oben bis unten mit dem Matsch-Sand zu besudeln.

Man konnte zig Meter weit ins Meer gehen und das Wasser reichte einem vielleicht gerade bis zum Bauchnabel. Und wie ich da im Wasser stand, sprach mich von ein paar Meter weiter etwas ungläubig ein griechischer Kellner aus meiner Stammkneipe „Domkeller“ in Aachen an. Ich glaube sein Name war Stélios. Mir kam der Typ auch die ganze Zeit schon bekannt vor, aber vor solch veränderter Kulisse und halbnackt in der Nachmittagssonne glaubt man dann eher, man halluziniert. Schöne Begegnung auf unserer kleinen Welt.

Die Gegend um Frangokástello ist ein guter Ort für entspannten und ruhigen Urlaub, es gibt zahlreiche Unterkunftsmöglichkeiten und es ist ein guter Ausgangspunkt, um den süd-westlichen Teil Kretas in alle Richtungen zu erkunden. Einige Schluchten aus den Léfka Óri münden hier, wie die Ímbros- oder die Asféndou-Schlucht, und es gibt viele verschlafene Bergdörfer zu entdecken, die eine bedeutende Rolle während der verschiedenen Besatzungsepochen spielten, wie z.B. Kallikrátes ( auch Kallikrátes-Schlucht).
Außerdem gibt es einige abgelegenere Strände und Buchten, die vom Massen-Tourismus noch einigermaßen verschont geblieben sind.

Als ich in Frangokástello gegenüber einer großen Taverne aussteige, frage ich den Busfahrer sicherheitshalber mal, ob es nicht doch eine Verbindung weiter nach Plakiás gäbe, und er bestätigt mir vollen Ernstes: Sure man ! …. und dann grinsend: Next year!! Der Witzbold!

Der Ort ist um diese Zeit wie ausgestorben, nur hin und wieder sehe ich den ein oder anderen Urlauber Brötchen holen oder sonst was. Autos kommen kaum vorbei. Also gehe ich einige hundert Meter die Hauptstraße entlang Richtung Ortsausgang. Wegen der prallen Sonne kann ich hier aber nicht stehen bleiben, sondern gehe noch ein gutes Stück ortsauswärts bis zum ersten Haus rechts, wo ich unter einigen kleinen Bäumen zumindest etwas Schatten habe. Ich setzte die Rucksäcke ab und rauche erst mal eine Zigarette. Den Daumen halte ich noch drinne und die wenigen Autos, die vorbeikommen, lasse ich fahen, da ich erst mal zuende rauchen will.

Die Route bis Mires habe ich im Kopf. Die Panoramastraße oberhalb der Bucht von Plakiás entlang Richtung Spili, der Kreuzungspunkt, wo die Straße aus Richtung Rethimnon im Norden gen Osten über Agía Galíni, Mélambes, Tymbáki bis Míres führt. Ab Spili wird wieder mehr Verkehr sein, da hier die Hauptachse von der Nord-Westküste in Richtung Messará-Ebene im Süden verläuft.

Verkehrsmäßig habe ich heute wohl einen ganz schlechten Tag erwischt. Es kommen kaum Autos und die wenigen rauschen vorbei. So stehe ich bestimmt eine dreiviertel Stunde und 2 weitere Zigaretten hier, bis ein Kleinwagen anhält. Ein Paar, ca. Ende 30, fragt, wo ich hinwolle. Sie müßten nach Heráklion zum Flughafen, was für mich natürlich ideal ist, da sie mich mindestens bis Spíli mitnehmen können. Rucksäcke in den Kofferraum und ich steige ein. Die beiden sind aus Freiburg, und wir unterhalten uns während der gesamten Fahrt ziemlich angeregt. Die blonde, symphatische Frau am Steuer ist extrem neugierig zu erfahren, wieso ich alleine mit dem Rucksack unterwegs sei. Sie erzählt mir von ihrem Onkel, der sich auch mal eine längere Zeit rausgetan hätte, ich glaube es war Asien, was sie bewundernwert fand. Allerdings hätte er extreme Schwierigkeiten gehabt, im Anschluss zuhause wieder fußzufassen.

Tja, mal schauen, vielleicht geht es mir genauso. Aber vielleicht komme ich nach meiner Rückkehr auch besser klar, als vorher. Ca. 10 Wochen sind ja auch keine Ewigkeit und vielleicht auch nicht ausreichend, um eine körperliche und geistige „Metamorphose“ zu bewirken. Außerdem bin ich ja immerhin noch in Europa und nicht in Indien oder auf den Spuren des Dalai Lamas in Tibet unterwegs. Mir sind in meinem Leben schon etliche Leute begegnet, die nach längerem Aufenthalt in diesen Ländern tatsächlich nicht mehr klarkamen in Deutschland, oder zumindest lange brauchten, den Kulturschock zu überwinden.
Aber der Vergleich mit meinem verlängerten „Solo-Urlaub“ auf Kreta ist wahrscheinlich gar nicht angebracht.

Die Freiburger machen in Frangokástello mit Ihren Kindern Urlaub und holen jetzt den Vater/Schwiegervater/Opa am Flughafen Heráklion ab, der für eine Woche nachkommt. Sie sind diese Strecke noch nicht gefahren und von der Landschaft hier an der Südküste begeistert. Wir haben immer wieder tolle Blicke über die weite, fast halbkreisförmige Bucht von Plakiás, kommen durch schöne, kleine Dörfer und fahren durch die imposante Kotsifoú-Schlucht, die mir von früheren Urlauben noch bekannt ist.

An dem Hauptknotenpunkt Richtung Spili angekommen, steige ich aus. Das Paar hätte jetzt auch die Möglichkeit gehabt, weiter nach Míres zu fahren und dann hoch nach Heráklion. Wir sind uns aber einig, dass sie besser die Strecke über Rethimnon nehmen, die vielleicht nicht viel kürzer, aber über die New Road an der Nordküste bestimmt schneller zu fahren ist. Jedenfalls habe ich jetzt schon eine gehörige Wegstrecke in einem Rutsch geschafft und bedanke mich herzlich bei meinen netten Landsleuten.

Das Marschgepäck wieder geschultert, gehe ich nur einige zig Meter Richtung Spili und sehe eine Bushaltestelle. Perfekt!

Die nächste Zigarette ist ohnehin fällig, und entweder kommt ein Bus, oder mich nimmt jemand mit. Ich rauche erst mal in Ruhe und halte dann den Daumen wieder raus. Es dauert nicht lange, dass ein größerer Pickup angerast kommt und einige Meter weiter anhält. Der Grieche fährt tatsächlich durch bis Míres. Ich kann es kaum glauben, dass ich jetzt voraussichtlich schon am frühen Nachmittag dort ankommen werde.

Der Mann aus Rethimnon spricht nur Griechisch (oder will nur Griechisch sprechen) und macht einen angespannten und gehetzten Eindruck. Er hätte geschäftlich in Míres zu tun und wäre, wenn ich ihn richtig verstanden habe, noch nie dort gewesen. Er hört, dass ich etwas Griechisch spreche, und fragt mich im Stakkato zu meiner Person und meinen Absichten ab. Ungeduldig gestikuliert er immer wieder, ich solle schneller und fließender reden, was mich etwas überfordert. Seltsamer Typ.
Als er hört, dass ich Deutscher bin, geht die obligatorisch oberflächliche Hetze über Angela Merkel los. Er zeigt mir seine Tank-Quittung: 23 % Mehrwertsteuer hat ihm Angela Merkel aufgebrummt! Mit der typischen Handbewegung verdeutlicht er, dass man ihr die Kehle durchschneiden sollte. Und überhaupt, sie ist an allem Schuld.

Bei allem Verständnis für seine Situation, sehe ich mich nicht in der Lage, mit meinen geringen Griechisch-Kenntnissen eine tiefsinnigere politische Diskussion zu führen. Einerseits wäre das sprachlich überhaupt nicht möglich, und zum Anderen habe ich absolut keine Lust dazu. Es würde bei diesem Menschen auch zu nichts führen und mich wahrscheinlich in meiner mentalen Entspannung wieder um einige Tage zurückwerfen. Ich versuche ihm nur begreiflich zu machen, dass ich zwar Deutscher, aber nicht Deutschland sei, und vor allem nicht Angela Merkel. Ich zeige auf meine Gesichtsbehaarung und sage: „Kita! Den íme Angela Merkel!“ (Schau mal! Ich bin nicht Angela Merkel!). Das macht ihn jetzt stutzig.

Dann erwähnt er plötzlich nebenbei, dass er mit einer Deutschen verheiratet sei. Jetzt bin ich wiederum verdutzt und denke nur: die Ärmste.

Irgendwie gibt mir der Mensch während der gesamten anderthalbstündigen Fahrt nur Rätsel auf. Er scheint mir ein einziges Nervenbündel zu sein. Aber immerhin hat er wohl ein Herz für Tramper und bringt mich an mein Ziel.

In Míres schmeißt er mich am Ortseingang an der Busstation raus. Ich bedanke mich, und gebe ihm die Hand, was er aber für überflüssig zu halten scheint, denn er hat keine Zeit und schaut nur nervösen Blickes, wo er hin muss.

Es ist gerade mal 14.00 Uhr! In rekordverdächtiger Zeit von Chóra Sfakíon nach Míres! Jetzt kann ich alles um so ruhiger angehen lassen, gehe erst mal in die Busstation, um in Erfahrung zu bringen, ob heute noch ein Bus nach Léntas geht. „Óchi! Ávrio stis mía“
(Nein, erst wieder morgen um eins). Der Bus ist also gerade erst eine Stunde weg. Macht nix. Ich kaufe mir am Kiosk 2 Päckchen Karélia und mache Pause im geliebten Stations-Kafeneion mit gutem und günstigem Nescafé schwarz mit Zucker. Hier sitze ich mindestens eine Stunde, schau mir wieder entspannt das Treiben an, Einheimische und Reisende jeder Couleur, Busse nach Féstos, Mátala, Ágia Galíni in die eine Richtung, nach Ági Déka, Heráklion in die andere.

Míres und Umgebung sind mir nach zahlreichen Urlauben mittlerweile ziemlich vertraut. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten nach Léntas zu kommen. Autostop oder Taxi. Taxi würde 25 € kosten. Wäre ziemlich blöd, denn das Trampen klappt einfach zu gut, und ich habe ja Zeit ohne Ende.

Ich gehe die lange, geschäftige Hauptstraße durch den Ort, der eigentlich immer ziemlich belebt ist, aber jetzt ist Siesta. Ich beschließe immer weiter geradeaus in Richtung Vorort Kapparianá zu laufen, da dort die Straße rechts abgeht, die direkt nach Plátanos führt. Ab da folgt nur noch Plóra und Apessokári, von wo es dann über die Asteroússia-Berge nach Léntas geht.

Míres gilt als die größte Stadt der riesigen Messará-Ebene mit ihren Millionen Olivenbäumen, die genaue Einwohnerzahl weiß wohl niemand so genau, sie wird vielleicht bei 10-15 Tausend inkl. Vororten liegen, und bildet neben Tymbáki das geschäftige Zentrum der Region. Seit 2010 gehört Mires zur Gemeinde Féstos, wo der Name Programm ist.
Míres (genau wie Tymbáki) ist alles andere als pittoresk und manch einer bezeichnet die „Straßenstadt“ als häßlich, womit er auf den ersten Blick auch Recht hat, aber ich finde sie auch interessant und ziemlich authentisch. Sie hat ein relativ großes Einzugsgebiet, was in die Messará und bis zur Südküste mit den vielen Dörfern ausstrahlt. Jeden Samstag gipfelt die Woche im lauten und bunten Marktgeschehen, wo sich alles trifft, was Beine hat. Die Bauern mit bepackten Mauleseln aus dem Umland sieht man aber leider kaum noch.

Die Ausfallstraße Richtung Ági Déka zieht sich doch ziemlich hin, und mein HighPeak wird wieder schwer. Ich bin immerhin schon über eine Woche keine längere Strecke mehr damit gelaufen. Am letzten Lebensmittelgeschäft rechts hole ich mir eine kalte Dose Cola, die ich mir so wegzische.

Dann hält ein roter Kleinwagen aus gegenüberliegender Richtung an, läßt die Scheiben runter und eine deutsche Frau mit ihrer vielleicht 17-jährigen Tochter fragen mich nach einem Supermarkt. Sie wären gerade angekommen, jetzt auf dem Weg nach Lentás und wollten sich vorher mit Lebensmitteln eindecken. Ich weise sie auf den großen Supermarkt nur 200 m weiter hin und sage ihnen, dass ich nach Léntas trampen würde. Etwas schuldbewußt gibt mir die Frau zu verstehen, dass sie mich ja gerne mitnehmen würden, aber ….. Und ich sehe gleichzeitig, dass das Auto hinten so vollgepackt ist, dass, besonders nach dem Einkauf, beim besten Willen keine Maus mehr rein passt.

Kein Problem, vielleicht sieht man sich ja in Léntas!

Ich gehe weiter bis zu meiner Abzweigung nach Plátanos und noch 30 Meter weiter bis zum Ende der Bebauung, wo ich mich hinstelle. Diesmal nicht in den Schatten, weil ich den Blick auf das Asteroússia-Gebirge in der Nachmittagssonne jetzt genießen will. Ein Hund im letzten Haus gegenüber, bellt aufgeregt und unentwegt unter einem Torschlitz hindurch, weil ich um diese Tageszeit offensichtlich eine unerwartete Attraktion bin. Ansonsten regt sich keine Menschenseele und die wenigen Autos, die von der Hauptstraße aus abbiegen, geben hier gewohntermaßen Gas und fahren vorbei.

Ich bin zuversichtlich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, und genieße meine Zigarette. Nach einiger Zeit kommen tatsächlich Mutter und Tocher im roten Auto vom Shoppen, halten korrekterweise kurz an, um die Unmöglichkeit der Mitnahme nochmal unter Beweis zu stellen, und setzen ihren Weg nach Léntas fort.

Es dauert nicht lange und ein alter, kretischer Bauer mit kleinem, ziemlich kaputten Pick-Up kommt ganz gemütlich angefahren und lädt mich ein, bis Plátanos mitzufahren. Er ahnt sofort, dass ich nach Lentas will, und weiß, dass es von Plátanos aus immer einfacher wird, per Anhalter dahinzukommen. Auf der vielleicht 4-5 Km langen Strecke erfahr ich von dem freundlichen, alten Mann mal wieder, dass er vor zig Jahren in Deutschland gearbeitet hätte, aber leider kein Wort Deutsch mehr könne. Ansonsten der übliche Small-Talk.

Auf dem zentralen Platz in Plátanos läßt er mich an der Abzweigung nach Apessokári raus. Stó kaló! (Alles Gute!).

Hier nimmt mich nach wenigen Minuten ein schon etwas reiferes Paar aus Frankreich auf, was von Agía Galíni aus zu einem Tagesausflug nach Léntas unterwegs ist. Hinter Apessokári folgt jetzt das letzte und schönste Stück des Weges, die unendlichen Serpentinen rauf mit dem atemberaubenden Blick zurück über die Messará-Ebene auf das Psiloritis-Gebirge, und bei der Abfahrt an die Küste auf das Libysche Meer. Der mit 1231 m höchste Gipfel, der Asteroússia-Gebirgskette, die sich hier über einen Streifen von vielleicht 60-70 km an der Küste nochmal steil auffaltet, ist der Kófinas. Man sieht ihn im Osten ab dem Scheitelpunkt der Strecke bei der Abfahrt und er verändert sein markantes Aussehen je nach Tageslicht. Mich erinnert er ein wenig an den „Freiheitshut“ aus der französischen Revolution (die phrygische Mütze).

Für die „nur“ ca. 15 km von Apessokári nach Léntas über die Berge benötigt man immer eine halbe Stunde +/- 5 Minuten. Auf dem direkten, geraden Weg von Héraklion Flughafen nach Léntas braucht man für die über 60 km bis zum Fuß des Asteroússia-Gebirges eine knappe Stunde. Für den vermeintlich kleinen Rest der Strecke dann nochmal halb soviel Zeit. So manch ein Tagesauflügler, der von weiter her kommt, wie z.B. aus Plakiás, gibt vielleicht in Höhe von Miamoú (sehr schön!) wieder auf und macht kehrt, weil er denkt, er ist am Ende der Welt und es käme nichts mehr. Oder er will noch bei Tageslicht unbedingt wieder „zuhause“ sein und ist die Kurverei leid.. Bis in die 80er Jahre hinein war die Straße nach Léntas noch nicht geteert und die Léntas-Freaks aus dieser Zeit kennen die noch etwas beschwerlichere (Tor-)Tour mit den alten Bussen über die Schotterpiste.

Faszinierend finde ich immer den Gedanken an den bekannten Schriftsteller „Níkos Katsantsákis“, der sich seinerzeit lange in Léntas in einer Höhle aufgehalten und dort geschrieben hat, und mit seinem Maulesel samt Freundin über die Berge gekommen sein soll. Entspannter geht’s wohl kaum, sofern man genug zu trinken hat. Aber es gibt auch noch einige Bergwasser-Quellen hier.

Das französische Paar ist ganz nett, fängt allerdings zwischendurch an, von den Zimmer- preisen zu reden, und beschwert sich, dass 30-40 € für die meisten Zimmer schon ziemlich viel seien. Ich gebe zu Verstehen, dass ich da garnicht ihrer Meinung sei, und lasse ansonsten das schönste Stück am Ende meiner Tagesstrecke auf mich wirken.

Ich gebe den beiden noch einige Hinweise zur Umgebung des Ortes, und sie lassen mich auf dem „Willkommensplatz“ unterhalb von Peters‘ Cafe (Café Pétros) raus:

LÉNTAS

ENDE

Fazit:

Ich hatte befürchtet, dass ich, wenn ich einmal in Léntas bin, nicht mehr da wegkäme. Und so war es auch.
Meine Unterkunft war einfach perfekt. Mein Zimmer mit Doppelbett, Schrank, Dusche und Kühlschrank lag im Erdgeschoss, mit geräumiger Terrasse und 2 Maulbeerbäumen als Schattendach. Auf einem Natursteinsockel neben den Zimmereingang hatte ich mir meine Außenküche mit kleinem Camping-Gaskocher zusammengestellt. Ich hatte meine paar Meter zum Wasser und ich fühlte mich jeden Morgen nach dem Aufstehen mit Blick aufs Meer wie im Paradies.

Eigentlich wollte ich ja noch den Osten der Insel kennenlernen und dachte schonmal darüber nach, mich von hier aus wieder aufzumachen, habe es dann aber immer wieder verworfen. Die 14 Tage, die ich unterwegs war, waren so voller Eindrücke, dass ich kein Bedürfnis mehr verspürte, meinen Treck fortzusetzen. Das Trampen hatte wunderbar geklappt und ich hatte mich so daran gewöhnt, dass ich auf diesem Wege und mit dem Bus noch einige Male nach Míres oder Mátala und wieder zurückgefahren bin, aber nicht für mehrere Tage. Mir reichten jetzt einige Kurztrips und Wanderungen zwischendurch mit meinem Daypack, und der gute Zenit blieb ausgepackt im Schrank.

Die 14 Tage Rucksack-Revival waren das, was ich gebraucht hatte, und wenn es eine Erkenntnis daraus gibt, dann die, dass du es immer gut antriffst und immer Glück hast, wenn du nur entspannt und offenen Herzens unterwegs bist.

Was braucht man mehr...Meine Küche – was braucht Mann mehr…

Mein kleines Paradies 1Mein kleines Paradies 1

Mein kleines Paradies 2Mein kleines Paradies 2

Zum StrandWeg zum Strand

Mein ZimmerMein Zimmer – Sariki aus Anógia

Aber doch noch eine Sache zum Abschluss:

Bei meinem Rückflug Ende Oktober in Heraklion am Flughafen musste die Maschine auf mich warten und ich wurde zweimal mit Last Call zum Boarding aufgerufen, da beim Scannen meines Daypacks ein kleiner, verdächtiger Gegenstand gefunden wurde. Es handelte sich um die leere Patronenhülse, die ich auf dem Weg nach Arádena aufgehoben und fortan in den Tiefen meines Daypacks mit mir rumgetragen hatte. Sachlich professionell erklärte man mir: „Kaliber 9mm!“, Ich (natürlich keine Ahnung): „Aha!“
Man nahm mir zwar sofort ab, dass das einfach nur eine Fundsache als Souvenir war, es mußte aber der Ordnung halber die Flughafenpolizei gerufen werden, und ich mußte erst mal einige Fragen beantworten und ein Formular ausfüllen. Mein Flug war den Controlettis ziemlich egal, und so habe ich es gerade noch kurz vor knapp als Letzter in den startklaren Flieger geschafft.

Aber auch hier gab es wieder ein Szene, die einfach köstlich war und jede Angst vorm Verpassen des Flugs sofort wieder verfliegen ließ:

Einer der jungen Kontrolleure am Scanner sieht mein T-Shirt mit dem mittlerweile bekannten Léntas-Logo, der unverwechselbaren Löwenberg- und Elefanten-Silhouette des „Malers“ Chrístos, und fragt mich lauthals und hoch erfreut:

„You come from Léntas!?“

„Yes“

„Do you know Xenofóndas?? From Panther Bar?? He is a good friend of mine!!“…..

„ Sure! I know him!!“…..

Mein Kreta, so gewaltig und doch so klein….

 

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